bedeckt München 23°

Erderwärmung:Die Forscher teilen ihre Seen in acht Gruppen ein

Während der globale Trend statistisch signifikant ist, weisen die Forscher ausdrücklich auf die teils frappierenden Unterschiede von Gewässern in der gleichen Region hin. "Regionale Übereinstimmung zwischen erwärmten Seen ist die Ausnahme, nicht die Regel", sagt Rita Adrian. Details wie Tiefe, Größe, Form der Ufer und lokale Wolken- und Windmuster überlagern den Einfluss von Klima und Temperaturentwicklung.

Was allein Tiefe ausmachen kann, zeigt der Vergleich von Lake Huron und Lake Erie, die beide hintereinander in der Kette der nordamerikanischen Great Lakes liegen. Während ersterer im Mittel fast 60 Meter tief ist und sich um 0,85 Grad pro Dekade erwärmt hat, kommt der letztere mit seinen 19 Metern nicht einmal auf eine Rate von 0,1 Grad.

Allerdings können die Forscher ihre Seen grob in acht Gruppen einteilen. Viele Seen in der Ebene oder in breiten Tälern, die schon lange milde Winter erleben, erwärmen sich unterdurchschnittlich, das gilt etwa für Wörther-, Garda- und Genfer See sowie den Lago Maggiore. Tiefe, in der Vergangenheit eisbedeckte Gewässer erwärmen sich hingegen oft mehr als doppelt so schnell wie ihre Umgebung. In diese Gruppe gehören Vättern in Schweden oder Lake Ontario.

Erst in Frühjahr und Herbst geraten die Seen wieder in Bewegung

Ob sie regelmäßig im Winter zugefroren sind, ist ein wichtiger Faktor für das Schicksal der Seen. Das hängt mit der thermischen Schichtung der Gewässer zusammen: Im Sommer ist das Wasser an der Oberfläche am wärmsten, unter einer Eisdecke jedoch oben am kältesten. In ausreichender Tiefe hingegen behält das Wasser meist vier Grad und damit seine größte Dichte. Diese Schichten unterschiedlicher Temperatur sind in beiden Jahreszeiten stabil und vermischen sich nicht mehr, Forscher sprechen von Stagnation. Erst in Frühjahr und Herbst geraten die Seen wieder in Bewegung, wenn sich die Temperaturen nivellieren und der Wind das Wasser durchmischt. Fällt die Schichtung im Winter mangels Eis aus oder wird sie kürzer, kann die Stagnation im Sommer früher beginnen und die Oberfläche sich stärker aufheizen.

Der Datensatz enthält allerdings keine Temperaturen bayerischer Alpenseen. Über diese hat auch das Landesamt für Umwelt in Augsburg nur unvollständige Daten seit dem Jahr 2000. Als Tendenz zeigen sie für Chiemsee, Ammersee und Starnberger See langsam steigende sommerliche Oberflächentemperaturen. Ein ähnliches Bild ergeben Satellitenmessungen zwischen 1989 und 2013, die ein Team um Michael Riffler von der Universität Bern ausgewertet hat. Es kommt für 25 Alpenseen in fünf Ländern auf eine durchschnittliche Erwärmung von 0,21 Grad pro Jahrzehnt. Ihre Daten schließen neben den drei bayerischen Gewässern auch den Vierwaldstättersee ein, wo Schillers Theaterstück zufolge Wilhelm Tell erst auf den Apfel schoss und dann auf Vogt Gessler.

Ein Indikator für Erwärmung ist das Nixenkraut. Es gedeiht bereits in fast allen bayerischen Seen

Doch auch ganz ohne Thermometer können Fachleute inzwischen erkennen, ob sich Seen in Bayern erwärmen. Ein Indiz ist die zunehmende Verbreitung der Wasserpflanze Nixenkraut. Das stachelige Gewächs galt bislang als bedrohte Art, es kam praktisch nur im Waginger- und Tachinger-See bei Traunstein vor. "Doch inzwischen finden wir es zum Beispiel auch im Starnberger, Seeoner und Staffelsee", sagt Uta Raeder von der Limnologischen Station Iffeldorf der Technischen Universität München.

"Das zeigt, dass sie zu warmen Seen werden." Die Wasserpflanze braucht nämlich, wie Experimente zeigen, mindestens 15 Grad warmes Wasser, damit ihre Samen keimen. Und dann muss es sechs Wochen lang mindestens 20 Grad haben, damit sie blühen kann, befruchtet wird und Samen für die nächste Saison bildet. Wasservögel tragen die Früchte in fremde Gewässer; Pflanzen werden daraus nur, wo die Temperaturverhältnisse stimmen.

In den erwärmten Seen verändern sich die Lebensgemeinschaften auf vielfältige Weise. Auch indirekte Effekte können große Folgen haben. So sorgt das regelmäßige Umwälzen dafür, dass sich Nährstoffe im See neu verteilen; dieser Mechanismus kann mit einer verlängerten Sommer-Stagnation aus dem Tritt geraten. Der Tanganjikasee zum Beispiel, der sich nur wenig aufgeheizt hat, ist bereits stärker geschichtet als früher. Darum gelangen viele Nährstoffe aus der Tiefe nicht mehr in die Regionen, wo Algen und Plankton sie verarbeiten können - in der von Licht durchfluteten Schicht nahe der Oberfläche. Viele Fische finden darum nicht mehr genug zum Fressen, was offenbar zum Rückgang der Ausbeute der lokalen Fischer beiträgt. Der Effekt macht sich im gesamten Nahrungsnetz bemerkbar.

Klimawandel Trump verhöhnt die Opfer der Erderwärmung

Abkehr vom Pariser Abkommen

Trump verhöhnt die Opfer der Erderwärmung

Der Klimavertrag sei gegenüber den USA "sehr ungerecht", behauptet Donald Trump. Dieser Satz ist eine Beleidigung.   Kommentar von Christoph Behrens