Klimaschutz:Umwälzungen sind möglich, aber schwer zu planen

Ein weiteres potenzielles Kippelement sehen die Autoren in klimaneutralen Städten; als Beispiel nennen sie etwa die "Transition Town"-Bewegung, 2006 in Großbritannien gestartet, in der heute lokale Klimaprojekte in 41 Ländern organisiert sind. Wenn klimaneutrales Bauen von der Ausnahme zum Standard würde, wären die Veränderungen beträchtlich.

Die verbleibenden drei identifizierten Kippelemente sind etwas "weicher": Sie betreffen das Bildungssystem, das besseres Wissen und Engagement im Klimabereich verbreiten könnte; veränderte Normen und Werte, die Klimaschutz vom Außenseiterhobby zum erwünschten Standardverhalten machen könnten; und schließlich volle Emissionstransparenz, wie sie etwa eine von der Milchersatz-Firma Oatly initiierte Petition für Lebensmittel fordert. Vorausgesetzt, die sozialen Normen "kippen" ebenfalls hin zu Klimaschutz, könnte zum Beispiel eine Deklarationspflicht für CO₂-Emissionen dazu führen, dass Konsumenten sich schnell von klimaschädlichen Produkten abwenden würden - wenn so etwas denn realisierbar wäre.

Wie groß ist die Wirkmacht der Kipp-Elemente?

Experten bewerten die Studie eher zurückhaltend; die Ideen seien noch sehr abstrakt, viele Einflüsse werden außer Acht gelassen. "Der Fokus auf die positive soziale Dynamik beim Klimawandel ist eine gute, neue Entwicklung, sagt Andreas Ernst, Umweltpsychologe von der Universität Kassel. Allerdings kritisiert er, dass die besprochenen Maßnahmen "politische und wirtschaftliche Machtfragen als wesentliche Beharrungsfaktoren" ausblendeten. Tatsächlich kann man sich fragen, wie groß der konkrete Nutzen der Arbeit für die Klimapolitik ist. Schließlich sind solche Umwälzungen zwar möglich, aber schwer planbar. Wer hätte etwa gedacht, dass beim Rauchen ein solches Umdenken stattfinden würde? Als die Rauchverbote in Gasträumen kamen, gab es große Proteste. Aber die Zeit war offenbar reif, heute sind die Verbote weitgehend unumstritten.

Hinzu kommt: Dass manche Ansätze, wie etwa klare Preisanreize im Energiebereich, schnelle gesellschaftlich-wirtschaftliche Veränderungen in Gang bringen können, ist bekannt. Aber oft liegt die größte Schwierigkeit darin, solche Maßnahmen überhaupt einzuführen, wie am deutschen Ringen um Klimapaket und Kohleausstieg zu erkennen ist. So gesehen braucht es zuweilen erst einen massiven Umwälzungsprozess, um den politischen Eingriff zu ermöglichen, der anschließend zur Umwälzung führen soll.

Auch die Forscher um Otto räumen ein, dass die Wirkmacht ihrer Kippelemente beschränkt ist. Zwar könnten etwa Verschiebungen in der öffentlichen Meinung rasant vor sich gehen. Aber solche Trends allein führten selten zu dauerhaften Veränderungen, so die Forscher, wenn sie nicht entsprechend politisch begleitet würden. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler ausgerechnet den deutschen Atomausstieg. Zwar habe es nach dem Unfall von Fukushima 2011 eine schnelle Veränderung in der öffentlichen Meinung gegeben, die man für die Energiewende hätte nutzen können. Aber inzwischen sei der Schwung dahin - "wegen fehlender dauerhafter politischer Unterstützung."

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