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Klimagipfel Kopenhagen:Wissen ja, handeln nein

Der Klimagipfel in Kopenhagen bringt Umweltthemen in die Schlagzeilen zurück.. Den meisten Menschen ist bewusst, dass sie sich klimaschädlich verhalten - und dabei gegen die eigenen Interessen handeln. Dennoch pflegen sie ihre Ignoranz. Warum?

Es fällt nicht leicht, den Klimawandel als Bedrohung zu empfinden, wenn man in einer jener Gegenden lebt, die letztlich von ihm profitieren. In München zum Beispiel. Selten ist die Stadt so idyllisch wie an einem lauen Dezemberabend, wenn die Menschen in Straßencafés sitzen und das Mondlicht die Silhouetten der Barockkirchen in den wolkenlosen Himmel zeichnet. Und doch beschleicht einen am Vorabend der 15. UN-Klimakonferenz in Kopenhagen das Gefühl, als Statist in jenen ersten zehn Minuten eines Katastrophenfilmes gelandet zu sein, in denen das Leben so besonders perfekt und in Ordnung ist, damit die Katastrophe im zweiten Akt dann besonders heftig wirkt.

Verkehr, AP

Man könnte das Auto auch mal stehen lassen - aber nicht gerade heute.

(Foto: Foto: AP)

Die Naturwissenschaften haben längst ihre Pflicht getan. Sie haben das Problem der Bedrohung durch den Klimawandel entdeckt und analysiert, jetzt können sie nur noch technische Hilfestellung leisten. Die Politik stößt an ihre Grenzen, weil sie nicht über die internationalen Institutionen verfügt, die über alle regionalen Interessen hinweg die globale Bedrohung bekämpfen können. Nun wird ein dritter Weg debattiert. Nicht in Kopenhagen, sondern an den Universitäten der westlichen Welt. Weder die Naturwissenschaften noch die Politik, sondern die Sozialwissenschaften könnten den Klimawandel effektiv bremsen. Der Ansatz ist nicht neu. Seit den achtziger Jahren gibt es Forschungen in diese Richtung. Doch was als Nebenaspekt untersucht wurde, rückt nun zunehmend ins Zentrum der Überlegungen. Es liegt also an - uns.

Wir Deutschen, so scheint es, haben uns da nichts vorzuwerfen. Im vergangenen Jahr veröffentlichten das Bundesumweltamt und das Bundesumweltministerium die jüngsten Ergebnisse ihrer gemeinsamen Studie zum Umweltbewusstsein der Bundesbürger. Demnach ist 91 Prozent der Deutschen der Umweltschutz wichtig. Doch vom Bewusstsein zum Handeln ist es ein weiter Weg. So heißt es in der Studie: "Insgesamt zeigt sich eine deutliche Disparität zwischen Umweltbewusstsein und Umweltverhalten." Lediglich bei der Mülltrennung und beim Kauf energiesparender Haushaltsgeräte zeigten sich die Deutschen aktiv engagiert.

Es hilft dabei auch nicht, dass sich die Debatte um den privaten Kampf längst ideologisiert hat. Auf der einen, auf der linken Seite stehen die Prediger des grünen Verzichts. Auf der marktliberalen Seite stehen die Propagandisten des grünen Konsums. Der grüne Verzicht ist aber vor allem individueller Aktionismus, der sich auf die utopische Hoffnung stützt, dass man als Pionier den Weg für einen radikalen Bewusstseinswandel bereitet, der dann nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch das kollektive Verhalten ändern wird. Die Ideologie vom grünen Konsum geht dagegen davon aus, dass sich lediglich die Produkte und nicht das Verhalten ändern müssen.

Genau diese Kluft zwischen Theorie und Praxis wollen die Sozialwissenschaften schließen. Dabei erlebte im Kielwasser der Finanzkrise vor allem das relativ junge Forschungsfeld der Verhaltensökonomie einen enormen Aufschwung. Weil die ökonomischen und mathematischen Modelle das Scheitern der Märkte nicht mehr fassen konnten, suchte man bei den Menschen nach den Wurzeln des Problems. Und kam schnell auf den Schluss, dass Extremzustände wie Hysterie, Adrenalinsucht und manische Risikobereitschaft zu den Extremen des Marktes geführt haben.

Im Kampf gegen den Klimawandel sucht die Verhaltensökonomie nach Möglichkeiten, nicht nur einzelne Gruppen, sondern die globale Gesellschaft als solche auf neue Wege zu führen. Verzicht und grüner Konsum werden dabei sicherlich auch eine Rolle spielen. Eigentlicher Fluchtpunkt der Forschungen ist jedoch ein Konsens des gesunden Menschenverstandes. Davon gehen beispielsweise der Verhaltensökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein in ihrem Buch "Nudge - wie man kluge Entscheidungen anstößt" (Econ Verlag, Berlin 2009) aus, das derzeit zum Grundlagenwerk der neuen Sozialwissenschaften avanciert.

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