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Biologie:Zwitschernde Trendsetter

In den 1960er-Jahren bestand das Finale des Weißkehlammer-Gesangs noch in ganz Kanada aus einem Triplett.

(Foto: imago stock&people)

Ein neuer Dialekt unter Weißkehlammern überrollt Kanada. Forscher wundern sich über die Innovationsfreude der Vogelart.

Von Katrin Blawat

Etwas fortführen, nur weil man es schon seit Jahrzehnten macht? Für Weißkehlammern in Kanada kommt das nicht infrage. Im Gegenteil, die Vögel wirken aufgeschlossen für Neues - für neue Varianten ihres Gesangs, um genau zu sein. Wie Biologen um Ken Otter von der University of Northern British Columbia nachverfolgt haben, ist unter männlichen Weißkehlammern innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit ein neuer Dialekt Mode geworden - über eine Distanz von etwa 3000 Kilometern hinweg. Mehr noch: Wo die neue Gesangsvariante aufgetaucht ist, hat sie die alte komplett verdrängt, schreibt die Fachzeitschrift Current Biology.

In den 1960er-Jahren bestand das Finale des Weißkehlammer-Gesangs noch in ganz Kanada aus einem Triplett, also einer Einheit aus drei Noten. Innerhalb der folgenden 40 Jahre setzte sich ein neuer Dialekt im äußersten Westen des Landes durch: Am Ende ihres Gesangs wiederholten die Vögel nun zwei Töne statt des traditionellen Tripletts. Jenseits der Rocky Mountains hingegen war die moderne Variante noch nicht angekommen.

Der traditionsreiche Triplett-Gesang ertönt kaum noch

Zur Jahrtausendwende dann übernahmen auch die ersten Weißkehlammern in der östlich der Rocky Mountains gelegenen Provinz Alberta den verkürzten Gesang, 2004 hatte dort schon die Hälfte aller untersuchten Männchen den Trend übernommen; noch einmal zehn Jahre später sogar alle Weißkehlammern. 2019 hatte der Trend schließlich die Ostküste Kanadas erreicht. Damit hat sich die verkürzte Version innerhalb von zehn Jahren quer über den Großteil des Landes ausgebreitet. Der traditionsreiche Triplett-Gesang ertönt nun kaum noch.

"Soweit wir wissen, ist das bisher einmalig", sagt der Biologe Otter. Obwohl bekannt sei, dass sich der Gesang einer Vogelart mal ändern könne, würden die neuen Varianten normalerweise lediglich zu regionalen Dialekten, aber nicht die neue Norm.

Sind Weißkehlammern generell besonders offen für Innovationen?

Weißkehlammern hingegen scheinen neue Moden bereitwillig mitzumachen. In Kontakt mit dem neuen Dialekt kommen sie in ihren Wintergebieten in den USA, wie Otter und sein Team mithilfe von Sendern feststellten, die sie an den Vögeln befestigt hatten. Alles deutet darauf hin, dass junge Weißkehlammern den neuen Dialekt in der kalten Jahreszeit von älteren Männchen aus westlicheren Gegenden aufschnappen und dann im Sommer weiter in den Osten Kanadas bringen.

Die Frage ist nur: Warum? Ist es die pure Lust am Neuen? Bisher wissen das auch die Forscher nicht. Allerdings schließen sie aus, dass die trendigen Vögel territoriale Vorteile gegenüber jenen Artgenossen haben, die noch der alten Songvariante anhängen. Trotzdem kann sich Otter einen Nutzen für die Modebewussten vorstellen. Womöglich mögen die Weibchen besonders jenen Gesang, der in ihrer Umgebung als außergewöhnlich auffällt. Bei vielen anderen Vogelarten ist das Gegenteil der Fall; oft setzen die Weibchen eher auf Tradition.

Doch vielleicht sind Weißkehlammern generell besonders offen für Innovationen? Schließlich scheint sogar der neue Gesang schon wieder aus der Mode zu kommen: Im Westen Kanadas ist bereits gelegentlich eine abermals neue Variante zu hören.

© SZ vom 03.07.2020
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