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Kakao-Anbau:Selbst an Fairtrade-Siegeln gibt es Kritik

Diese Probleme machen längst nicht mehr nur Menschenrechtlern und Öko-Aktivisten Sorgen, sondern auch den globalen Großkonzernen - weil Bilder von arbeitenden Kindern bei Konsumenten ganz schlecht ankommen. Die Hersteller befürchten außerdem, dass ihnen in naher Zukunft schlicht der Rohstoff ausgehen könnte. In Deutschland etwa setzt sich daher seit 2012 das Forum Nachhaltiger Kakao dafür ein, dass mehr Kakao aus zertifiziertem Anbau gewonnen wird. Dabei sitzen sowohl Industrie und Einzelhandel als auch NGOs und Siegelorganisationen wie Fairtrade mit am Tisch. Erst kürzlich verkündete das Forum seine Erfolge: Der Anteil zertifizierten Kakaos bei Süßwaren in Deutschland ist demnach seit 2011 von drei Prozent auf 39 Prozent in 2015 gestiegen, bei Mitgliedern des Forums sogar auf 49 Prozent. Global stammt rund ein Drittel des Kakaos von zertifizierten Flächen.

Drei große Siegelorganisationen konkurrieren dabei um die Gunst der Unternehmen: Fairtrade, UTZ und Rainforest Alliance. Fairtrade arbeitet ausschließlich mit Genossenschaften zusammen und stärkt damit die Verhandlungsmacht der Bauern. Zudem zahlt die Organisation eine fixe Sozialprämie von 200 US-Dollar pro Tonne und einen garantierten Mindestpreis, der derzeit 2000 US-Dollar pro Tonne nicht unterschreiten darf. Rainforest Alliance setzt sich vor allem für ökologische Standards wie den Schutz vor Erosion und saubere Gewässer ein. UTZ organisiert Schulungsprogramme für Kleinbauern. Mindestpreise gibt es bei beiden Organisationen nicht, Prämien müssen individuell verhandelt werden. Wobei UTZ und Rainforest Alliance kürzlich bekanntgegeben haben, dass sie sich im Laufe des Jahres zusammenschließen wollen.

Die Zertifizierung lohnt sich meist für die Kleinbauern nicht

An allen Siegelorganisationen gibt es allerdings Kritik. Agrarwissenschaftler Uwe Meier etwa hat früher selbst Standards für Siegel wie Rainforest Alliance mitentwickelt. Mit seinen Geschäftspartnern in Kolumbien hat er auf derartige Zertifizierungen verzichtet. Bei vielen Siegeln seien ihm die Standards zu lax, sagt er, und Fairtrade sei zu teuer: "Abgesehen davon, dass sich vermutlich kein Zertifizierer in diese Region trauen würde, würde sich das für die Bauern, die meist nur zwei bis fünf Hektar Land haben, nicht lohnen - selbst wenn sie sich alle gemeinsam zertifizieren lassen würden."

Die Kosten der Zertifizierung hängen beim Transfair-Siegel von Fairtrade Deutschland unter anderem davon ab, wie aufwändig eine Überprüfung ist. Anstoß erregt Fairtrade auch mit dem sogenannten Mengenausgleich - ein Prinzip ähnlich wie bei Ökostrom. Dabei wird fairer und nicht fairer Kakao in der Verarbeitung gemischt, so dass der Konsument letztendlich nicht sicher sein kann, was sein Schokoriegel am Ende enthält. Fairtrade garantiert lediglich, dass eine äquivalente Menge fairer Kakao eingekauft wurde.

Johannes Schorling von Inkota findet den Mengenausgleich trotzdem in Ordnung. "Letztendlich können so auch jene Bauern am fairen Handel teilnehmen, die zu wenig Kakao liefern, als dass sich das für eine eigene Fabrikationscharge lohnt." Zudem hätten Siegelorganisationen viel dazu beigetragen, dass heute überhaupt so stark über die Anbaubedingungen im Kakao diskutiert werde. Trotzdem glaubt der Kakaoexperte, dass die Zertifizierung nicht ausreicht: "Neuere Studien zeigen, dass die Label nicht zu wesentlich höheren Einkommen bei den Bauern führen." Ein Grund dafür sei wohl auch, dass selbst der von Fairtrade gezahlte Mindestpreis in den vergangenen Jahren meist deutlich unter dem ohnehin schon niedrigen Weltmarktpreis lag. Das wichtigste Versprechen der Zertifizierer also bröckelt.

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Einige Unternehmen wie Mondelez haben sich deshalb wieder von der Zertifizierung verabschiedet und setzen auf eigene Programme: Mondelez mit Cocoa Life, Nestlé mit seinem Cocoa Plan und die industrienahe Weltkakaostiftung mit Cocoa Action. Nestlé etwa schreibt auf seiner Internetseite: "Wesentliches Ziel ist es, die langfristige Versorgung mit dem wichtigen Rohstoff sicherzustellen und gleichzeitig die Lebensbedingungen der Lieferanten und Partner in den Anbauländern zu verbessern. Die Prävention von Kinderarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Programms." Ähnlich wie andere Initiativen verspricht das Unternehmen den Bau von Schulen und eine transparentere Lieferkette. Dazu kommen Trainingsprogramme, in denen Bauern etwa beigebracht wird, welche Schattenpflanzen nötig sind. Auch werden gratis Jungpflanzen verteilt, um die überalterten Plantagen zu verjüngen.

Was löblich klingt, hat Schwächen. "Viele Trainingsprogramme sind nur darauf ausgelegt, dass Kleinbauern produktiver arbeiten", kritisiert Hütz-Adams. Oft seien Bauern aber finanziell gar nicht in der Lage, die Tipps umzusetzen: "Alte durch junge Bäume zu ersetzen, lohnt sich frühestens nach vier bis fünf Jahren. Solche Zeiträume können Kleinbauern gar nicht überbrücken." Und selbst wenn sie es schaffen: Je mehr Kakao auf dem Markt ist, desto billiger wird er. Ob eine höhere Produktivität unterm Strich also zu mehr Einkommen führt, ist fraglich.