25 Jahre Super-GAU von Tschernobyl (9) 1,44 Millionen Tote?

Auf dem Kongress "25 Jahre Folgen der Tschernobyl-Katastrophe", den die Organisationen in Berlin veranstaltet haben, präsentierte Alexej Jablokow, Präsident des Zentrums für Russische Umweltpolitik, dramatische Zahlen. Seinen Hochrechnungen zufolge ist in den stark kontaminierten Regionen der Ukraine und Weißrusslands die Sterblichkeit nach dem Atomunfall um vier Prozent gestiegen. Übertragen auf alle Gebiete, die überhaupt betroffen waren oder sind, müsste man dann von 1,44 Millionen Todesopfern ausgehen. Bereits 2006 hatte Greenpeace eine vor allem von ukrainischen Wissenschaftlern erstellte Studie veröffentlicht, die auf 93.000 Todesopfer allein durch Krebserkrankungen hindeutet.

Arbeiter halten im November 1986 ein Banner hoch mit der Aufschrift: "Wir erfüllen das Ziel der Regierung". Die Männer halfen beim Errichten des Sarkophags (Hintergrund) um den zerstörten Reaktorblock 4 und gehören somit zu den besonders stark verstrahlten Liquidatoren.

(Foto: Reuters)

Zwar könne es mangels unabhängiger und langfristiger Großstudien "kein geschlossenes Bild der aktuellen Lage" geben, heißt es bei IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz. Doch Trends könnten dargestellt werden.

Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Vereinten Nationen oder die Internationale Atomenergiebehörde IAEA aber sind erheblich zurückhaltender. Unbestritten sind die unmittelbaren Folgen für die ersten Arbeiter, die versuchten, den Reaktor unter Kontrolle zu bringen. 134 litten an akuter Strahlenkrankheit, 28 von ihnen starben innerhalb von vier Monaten. 19 weitere waren bis 1996 unterschiedlichen Krankheiten erlegen, und viele der Überlebenden leiden unter Haut- und Augenschäden.

Bestätigt ist auch der Zusammenhang zwischen der radioaktiven Strahlung und Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die 1986 als Kinder in kontaminierten Gebieten in der ehemaligen Sowjetunion lebten. Bis zu 6000 Menschen entwickelten der WHO zufolge diese Krebsform. Hauptursache war mit Jod-131 kontaminierte Milch, die die Betroffenen getrunken hatten. Bislang sind 15 von ihnen gestorben. Das macht zusammen 62 Todesopfer der Tschernobylkatastrophe.

Erhebliche Unsicherheit herrscht nach Einschätzung vieler Experten aber darüber, wie die vielen einzelnen Studien gewertet werden müssen, die auf mehr Fälle von Krebs und Herzkreislaufkrankheiten hinweisen. Denn die bislang vorgenommenen Untersuchungen berücksichtigten neben der Radioaktivität zu wenig Faktoren wie Ernährung oder Alkohol- und Tabakkonsum sowie weitere Belastungen, die vor allem im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und sozialen Niedergang in den betroffenen Gebieten stehen sollen. Auf diese, so heißt es beim Wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten Nationen über Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR), gingen alle anderen Krankheitsfälle zurück.

Schon zu wissen, dass sie möglicherweise verstrahlt sind, belastet Menschen extrem. "Manche denken, sie seien aufgrund der Strahlung, der sie ausgesetzt waren, verdammt'", erklärt etwa Elisabeth Cardis vom Centre for Research in Environmental Epidemiology in Barcelona.

Cardis hat zusammen mit etlichen internationalen Wissenschaftlern die Krebs- und Leukämieraten unter den besonders stark verstrahlten Bevölkerungsteilen in der Ukraine, Weißrussland und Russland untersucht. Zum einen die Liquidatoren, deren Zahl die Fachleute allerdings im Unterschied zu den Atomkraftgegnern mit "nur" etwa 600.000 angeben, und von denen etwa 240.000 in den Jahren 1986 und 1987 besonders hoher Strahlung ausgesetzt waren. Dazu kommen etwa 300.000 ehemalige Bewohner der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor. Und schließlich berücksichtigten sie fünf Millionen Menschen, die in kontaminierten Regionen leben, die nicht evakuiert wurden.