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25 Jahre Super-GAU von Tschernobyl (9):62 Tote - oder Hunderttausende?

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Weltgesundheitsorganisation und Vereinte Nationen kommen zu völlig anderen Opferzahlen der Katastrophe in Tschernobyl als Greenpeace oder die Ärzte gegen Atomkrieg. Der Streit um die Folgen des Super-GAUs zeigt vor allem eins: wie wenig wir über die Wirkung radioaktiver Strahlung wirklich wissen.

Markus C. Schulte von Drach

"Kinder, die in der Nähe eines Kernkraftwerks aufwachsen, erkranken öfter an Krebs." Wer vermutet, diese Feststellung stamme von Greenpeace, der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) oder anderen erklärten Gegnern der Atomkraft, der liegt falsch.

Der Satz ist zu lesen auf den Seiten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) und fasst "das Ergebnis einer [...] Studie des Deutschen Kinderkrebsregisters" zusammen, "die im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz durchgeführt wurde".

Eindeutiger kann eine Aussage kaum sein.

Doch was folgt, ist verwirrend: Auf der Basis des gegenwärtigen Wissens, so heißt es weiter, müsste eine Strahlenbelastung in Höhe von etwa zehn Millisievert wirken, um die Krebszahlen so ansteigen zu lassen. Eine solche Strahlung geht von deutschen Atomkraftwerken aber nicht aus. Fazit: "Wegen der fehlenden nachvollziehbaren Erklärungen [...] fehlt derzeit auch eine belastbare wissenschaftliche Grundlage, die Grenzwerte zu senken." Mit anderen Worten: Offiziell gilt die Strahlung der AKW als ungefährlich. Es muss also eine andere Ursache für die Leukämiefälle geben.

Ein mögliches Fazit wäre natürlich, dass Atomkraftwerke gefährlicher sind, als es den Grenzwerten zufolge der Fall zu sein scheint. Soweit aber will man beim BfS nicht gehen.

Einen ähnlich verwirrenden Umgang mit Grenzwerten demonstrierte kürzlich auch die EU-Kommission: Ausgerechnet wegen der Atomkrise in Japan wurden in der EU die Grenzwerte für die Radioaktivität japanischer Importprodukte nicht etwa verschärft, sondern abgeschwächt. Wissen diese Politiker und Experten eigentlich, was sie tun? Und in Japan hat das Erziehungsministerium die maximale Strahlendosis, der der Nachwuchs im Kindergarten und der Schule pro Stunde ausgesetzt sein darf, auf 3,8 Mikrosievert hochgesetzt. Das liegt zwar noch im Rahmen der Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission für Strahlenunfälle. Aber man fragt sich doch, wieso die Grenzwerte angesichts akuter Strahlenbelastungen mal eben nach oben verschoben werden.

Im ganz großen Maßstab belegt gerade die Diskussion um die Opfer von Tschernobyl, wie schwierig es ist, die Gefahr radioaktiver Strahlung zu bewerten. Die Angaben zu den Todesopfern und Erkrankungen etwa, die verschiedene Quellen angeben, liegen extrem weit auseinander.

So stellen IPPNW und der atomkritische Verein Gesellschaft für Strahlenschutz jetzt in einem gemeinsamen Papier fest, dass nach russischen Angaben mehr als 90 Prozent der Liquidatoren Invaliden seien, "das wären mindestens 747.000 schwerkranke Menschen". Bereits 2005 seien bis zu 125.000 Liquidatoren gestorben. Allerdings gehen die Organisationen von 830.000 Aufräumarbeitern aus - deutlich mehr als andere Quellen angeben. Besonders belastet sollen außerdem 350.000 Evakuierte aus der 30-Kilometer-Zone und weiteren kontaminierten Gebieten sowie mehr als acht Millionen Menschen in Russland, Weißrussland und der Ukraine sein. Dazu kommen dann noch 600 Millionen Betroffene in Europa, die zwar in geringer strahlenbelasteten Zonen lebten, bei den beiden Organisationen aber nichtsdestotrotz als besonders strahlenbelastete Populationen aufgelistet werden.

In dem Dokument "Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl" stellen die Atomkraftgegner dann etliche Beispiele für Folgen der Strahlung sowie Zahlen der davon Betroffenen zusammen, die durch etliche Studien belegt sein sollen: Etliche Krebs-, Herzkreislauf- und Magenerkrankungen, Schäden am Erbgut von Kindern, neurologisch-psychiatrische Erkrankungen und Totgeburten. Allein in Europa seien aufgrund der Katastrophe 5000 Säuglinge gestorben. Zudem sei es zu Tausenden Fehlbildungen gekommen. Unter Berufung auf das damalige Tschernobyl-Ministerium der Ukraine weisen sie seit Jahren auf eine "Vervielfachung der Erkrankungen" hin. Unter den Evakuierten sei der Anteil gesunder Menschen demnach von 1987 bis 1996 von 59 Prozent auf 18 Prozent gesunken.

1,44 Millionen Tote?

Auf dem Kongress "25 Jahre Folgen der Tschernobyl-Katastrophe", den die Organisationen in Berlin veranstaltet haben, präsentierte Alexej Jablokow, Präsident des Zentrums für Russische Umweltpolitik, dramatische Zahlen. Seinen Hochrechnungen zufolge ist in den stark kontaminierten Regionen der Ukraine und Weißrusslands die Sterblichkeit nach dem Atomunfall um vier Prozent gestiegen. Übertragen auf alle Gebiete, die überhaupt betroffen waren oder sind, müsste man dann von 1,44 Millionen Todesopfern ausgehen. Bereits 2006 hatte Greenpeace eine vor allem von ukrainischen Wissenschaftlern erstellte Studie veröffentlicht, die auf 93.000 Todesopfer allein durch Krebserkrankungen hindeutet.

Zwar könne es mangels unabhängiger und langfristiger Großstudien "kein geschlossenes Bild der aktuellen Lage" geben, heißt es bei IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz. Doch Trends könnten dargestellt werden.

Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Vereinten Nationen oder die Internationale Atomenergiebehörde IAEA aber sind erheblich zurückhaltender. Unbestritten sind die unmittelbaren Folgen für die ersten Arbeiter, die versuchten, den Reaktor unter Kontrolle zu bringen. 134 litten an akuter Strahlenkrankheit, 28 von ihnen starben innerhalb von vier Monaten. 19 weitere waren bis 1996 unterschiedlichen Krankheiten erlegen, und viele der Überlebenden leiden unter Haut- und Augenschäden.

Bestätigt ist auch der Zusammenhang zwischen der radioaktiven Strahlung und Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die 1986 als Kinder in kontaminierten Gebieten in der ehemaligen Sowjetunion lebten. Bis zu 6000 Menschen entwickelten der WHO zufolge diese Krebsform. Hauptursache war mit Jod-131 kontaminierte Milch, die die Betroffenen getrunken hatten. Bislang sind 15 von ihnen gestorben. Das macht zusammen 62 Todesopfer der Tschernobylkatastrophe.

Erhebliche Unsicherheit herrscht nach Einschätzung vieler Experten aber darüber, wie die vielen einzelnen Studien gewertet werden müssen, die auf mehr Fälle von Krebs und Herzkreislaufkrankheiten hinweisen. Denn die bislang vorgenommenen Untersuchungen berücksichtigten neben der Radioaktivität zu wenig Faktoren wie Ernährung oder Alkohol- und Tabakkonsum sowie weitere Belastungen, die vor allem im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und sozialen Niedergang in den betroffenen Gebieten stehen sollen. Auf diese, so heißt es beim Wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten Nationen über Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR), gingen alle anderen Krankheitsfälle zurück.

Schon zu wissen, dass sie möglicherweise verstrahlt sind, belastet Menschen extrem. "Manche denken, sie seien aufgrund der Strahlung, der sie ausgesetzt waren, verdammt'", erklärt etwa Elisabeth Cardis vom Centre for Research in Environmental Epidemiology in Barcelona.

Cardis hat zusammen mit etlichen internationalen Wissenschaftlern die Krebs- und Leukämieraten unter den besonders stark verstrahlten Bevölkerungsteilen in der Ukraine, Weißrussland und Russland untersucht. Zum einen die Liquidatoren, deren Zahl die Fachleute allerdings im Unterschied zu den Atomkraftgegnern mit "nur" etwa 600.000 angeben, und von denen etwa 240.000 in den Jahren 1986 und 1987 besonders hoher Strahlung ausgesetzt waren. Dazu kommen etwa 300.000 ehemalige Bewohner der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor. Und schließlich berücksichtigten sie fünf Millionen Menschen, die in kontaminierten Regionen leben, die nicht evakuiert wurden.

Eine Frage der Perspektive

Ihr Fazit, auf das auch die Weltgesundheitsorganisation und die UN seit 2006 verweisen: Für die Liquidatoren und die Menschen aus den evakuierten Gebieten sollte man von etwa 4000 Todesfällen ausgehen, die auf strahlenbedingte Krebs- oder Leukämieerkrankungen zurückgehen. Mit weiteren 5000 solcher Todesfälle sei in den übrigen kontaminierten Gebieten zu rechnen.

Doch "diese Zahl ist nur ein Hinweis auf die wahrscheinliche Wirkung des Unfalls und sollte wegen der angeführten Unsicherheiten nicht einfach übernommen werden", warnen Cardis und ihr Team. Obwohl die absolute Zahl der vorhergesagten Todesfälle hoch sei, stellen sie Cardis zufolge nur eine kleinen Teil (ein Prozent) der in diesen Populationen erwarteten Krebsfälle mit anderer Ursache dar. Das macht es für Mediziner fast unmöglich, die durch Strahlung hervorgerufenen Krebsfälle von der riesigen Zahl von anderen Krebsfällen insgesamt zu unterscheiden.

Der Anstieg der Mutationen bei Kindern von verstrahlten Eltern ist ebenfalls umstritten, da ein solcher Effekt bei Überlebenden der Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki und ihrem Nachwuchs nicht festgestellt wurde - obwohl die Verstrahlung dort im Durchschnitt stärker war als in der Ukraine, Weißrussland oder Russland. Und schon gar nicht lassen sich Beobachtungen zum Beispiel in Deutschland erklären, wo Mediziner in einer Region eine erhöhte Zahl von Geburten von Kindern mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) beobachteten, in einer anderen, stärker kontaminierten Gegend aber nicht.

Auf der einen Seite stehen also Atomkraftgegner, die die Folgen der Strahlung möglicherweise übertrieben darstellen und manche Daten auf eine Art auswerten, die hohen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht entspricht. Und auf der anderen Seite sehen sich internationale Einrichtungen wie die WHO oder die IAEA mit dem Vorwurf konfrontiert, die Bedrohung durch radioaktive Strahlung zu untertreiben oder sogar zu verschleiern. Selbst Wissenschaftler, auf die sich die Vereinten Nationen bei der Einschätzung der Kosten der Katastrophe beriefen, waren nicht glücklich mit der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse dargestellt wurden.

Insbesondere die Vertreter der IAEA werden von Atomkraftgegnern als "Atomlobbyisten" beetrachtet, da die Organisation unter anderem mit dem Ziel gegründet wurde, im Auftrag der UN die friedliche Nutzung der Kernenergie zu "fördern". Außerdem wird Atomenergie von etlichen UN-Mitgliedsstaaten trotz Tschernobyl und Fukushima-1 als erwünschte und kontrollierbare Energiequelle betrachtet. Selbst die Ukraine beharrte darauf, noch funktionsfähige Reaktorblöcke von Tschernobyl bis zum Jahre 2000 zu betreiben. Die gegenwärtige Regierung denkt gar nicht daran, sich von der Kernenergie zu verabschieden.

Wenn man aber nicht die eine oder andere Seite als Hysteriker, Abwiegler oder gar als Lügner bezeichnen möchte, bleibt nichts übrig als festzuhalten, was sich nicht abstreiten lässt: Vielen Menschen hat die Katastrophe von Tschernobyl den Tod gebracht. Unzähligen hat sie die Gesundheit und das Leben ruiniert. Viele haben ihre Heimat verloren. Das Unglück kostete und kostet die internationale Gemeinschaft zig Millionen Euro. Noch Jahrzehnte dürften vergehen, bis die Konsequenzen für Menschen und Umwelt tatsächlich verstanden sind - unter der Voraussetzung, dass weitere Studien überhaupt finanziert werden. Was nicht sicher ist.

Der Wert der Grenzwerte

Angesichts der Diskussion über die Todes- und Krankheitsfälle zwingt sich der Schluss auf, dass bis heute niemand verlässlich Auskunft geben kann über die Gefahr, die von radioaktiver Strahlung unterhalb der Dosis ausgeht, die zu akuter Strahlenkrankheit führt.

Eindeutig ist das für die Niedrigstrahlung im Bereich bis zu wenigen Millisievert der Fall. "Ein Beweis, dass unterhalb der Grenzwerte gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgeschlossen werden können, ist aus erkenntnistheoretischen Gründen nicht möglich", hat die Bundesregierung unlängst auf eine Frage der Linken-Abgeordneten Kathrin Senger-Schäfer eingeräumt.

Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir ständig natürlicher radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind - zum einen der kosmischen Strahlung, zum anderen der Strahlung radioaktiver Isotope zum Beispiel im Erdreich und den Mauern unserer Häuser. In Deutschland liegt die jährliche Strahlendosis dem Bundesamt für Strahlenschutz zufolge im Durchschnitt bei 2,1 Millisievert. Von Region zu Region schwankt sie zwischen einem und sechs Millisievert pro Jahr. Im Schwarzwald etwa ist sie besonders hoch.

Dazu kommen zum Beispiel Langstreckenflüge oder medizinische Untersuchungen. Sowohl ein Flug Frankfurt - New York als auch eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbs führen zu einer Strahlendosis von etwa 0,05 Millisievert. Dass macht es schwierig, eine zusätzliche Belastung durch radioaktive Isotope aus Tschernobyl oder Fukushima-1 - oder Krümmel - als Krebsursache eindeutig zu identifizieren.

All dies wirft kein gutes Licht auf die existierenden Grenzwerte. Diese legen fest, welche Strahlendosis Menschen im Allgemeinen und bestimmten Berufsgruppen im Speziellen offiziell zugemutet werden darf. Sie beruhen auf Studien an Überlebenden der Atombombenabwürfe über Japan, Arbeitern in Atomkraftwerken, Radiologen oder Patienten nach Röntgenuntersuchungen. Die Werte sollen das Risiko von Erkrankungen verringern - und tun dies sicher auch. Denn dieses Risiko wächst statistisch gesehen mit zunehmender Dosis. So haben Wissenschaftler zum Beispiel berechnet, dass eine Gesamtstrahlendosis von 100 Millisievert das Risiko, an Krebs zu erkranken, um ein Prozent erhöht.

Doch bereits die erste Alpha-, Beta- oder Gamma-Strahlung, der man ausgesetzt ist, kann vermutlich im Prinzip bereits die langfristige Entwicklung eines Tumors auslösen. Eine hohe Strahlendosis macht dieses Ereignis nur erheblich wahrscheinlicher. Schon deshalb muss die Einschätzung der Gefahr äußerst vage bleiben.

Die Festlegung der Grenzwerte ist demnach letztlich zum großen Teil nicht wissenschaftlich, sondern politisch begründet. Grenzwerte erwecken den Eindruck, man sei unterhalb dieses Wertes gewissermaßen auf der sicheren Seite. Das aber ist wohl eine Illusion.

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