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Zoologie:Es blinkt!

Gluehwuermer

Das Phänomen wird "blauer Geist" genannt. Doch sind es Glühwürmchen, die diese Lichtspuren in North Carolina produzieren.

(Foto: Spencer Black; spencer black)

Glühwürmchen-Watching begeistert weltweit immer mehr Menschen. Das gefährdet die faszinierenden Insekten.

Von Tina Baier

Fast jeder hat schon mal von Whale-Watching gehört, dem Phänomen, dass Menschen in ihrem Urlaub teure Schiffstouren buchen, um Wale anzuschauen. Auch Bird-Watching, Vogelbeobachtung, dürfte den meisten ein Begriff sein. Aber Glühwürmchen-Watching? Laut einem Übersichtsartikel in Conservation Science and Practice sind vor Ausbruch der Corona-Krise jedes Jahr mehr als eine Million Touristen weltweit an die verschiedensten Orte gereist, um Glühwürmchen bei ihrem spektakulären Hochzeitstanz zu beobachten. Das Glühwürmchen-Watching sei so beliebt geworden, dass es vielerorts außer Kontrolle gerate und die Insekten gefährde, schreiben die Forscher um die Biologin Sara Lewis von der Tufts University in der Nähe von Boston.

Weltweit gibt es etwa 2200 verschiedene Arten von Glühwürmchen, die eigentlich keine Würmer sind, sondern Käfer aus der Familie der Lampyridae. Sinn des Leuchtens ist meist, dass Männchen und Weibchen zueinanderfinden, um sich zu paaren. Etwa zwei Dutzend Arten sind so spektakulär, dass sie Scharen von Touristen anziehen. Dazu gehört der "Blaue Geist" in North Carolina (Foto). Bei diesen Insekten namens Phausis reticulata leuchten die Männchen im Flug, während sie nach einer Partnerin suchen. Die Weibchen haben keine Flügel und sitzen auf dem Boden.

Viele weibliche Exemplare würden deshalb von den Glühwürmchen-Watchern zertrampelt, schreiben die Studienautoren. Ähnlich ist es bei Photinus palaciosi unter anderem in Mexiko. Im Juni und August, wenn sich die Insekten paaren, werden viele Touren angeboten, bei denen Scharen von Naturliebhabern durch den Wald laufen. Auch in Europa ist das ein Problem, da die Weibchen aller europäischen Glühwürmchen-Arten flügellos sind und hilflos auf dem Boden ausharren. Im portugiesischen Parque Biológico de Gaia zum Beispiel gab es vor Corona jedes Jahr im Juni ein Glühwürmchen-Event mit mehr als 1000 Besuchern. Und in Italien werden an verschiedenen Orten "magische Nächte" angeboten, in denen Touristen Luciola lusitanica und Luciola italica bestaunen können.

Besonders beliebt bei den Glühwürmchen-Watchern sind Arten, bei denen die Käfer nächtelang synchron blinken. Ein Beispiel sind Pteroptyx-Käfer in Thailand und Malaysia, deren Schauspiel 1935 im Wissenschaftsjournal Science so beschrieben wurde: "Stellen Sie sich einen 35 bis 40 Fuß hohen Baum voller kleiner ovaler Blätter vor. Auf jedem Blatt sitzt ein Glühwürmchen und alle blinken in perfekter Synchronisation etwa dreimal in zwei Sekunden. Zwischen den Lichtblitzen ist der Baum stockdunkel..."

Die Insekten versammeln sich auf Bäumen in Mangrovenwäldern und sind vor allem durch den Verlust ihres Lebensraums gefährdet. Mangrovenwälder werden weltweit gerodet oder trockengelegt, etwa um Garnelen zu züchten oder Siedlungen zu bauen. Touristen beeinträchtigen diese Tiere vor allem wegen der hellen Erleuchtung von Booten, Stirn- und Taschenlampen während der Touren.

Die Corona-Krise, die den Tourismus weltweit lahmgelegt hat, habe den Leuchtkäfern zwar eine kleine Verschnaufpause verschafft, schreiben die Autoren. Doch davor sei die Zahl der Glühwürmchen-Watcher regelrecht "explodiert". Umso wichtiger sei es, diese Art von Tourismus in Zukunft besser zu managen, damit die Leidenschaft der Menschen für die faszinierenden Insekten nicht tödlich endet.

© SZ.de/nguy
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