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Insektensterben:Totholz-Thomas

Hörren arbeitet auch an Käferpräparaten im Labor.

(Foto: Alexander Muchnik, Universität Duisburg-Essen)

Der Biologe Thomas Hörren fahndet nach seltenen Arten, am liebsten auf Friedhöfen. Ausgerechnet dort stößt er auf Oasen der Vielfalt. Über eine seltsame Begleiterscheinung des Insektensterbens.

Von Bettina Wurche

In einer eisigen Winternacht in Köln trippelt ein Mauer-Ahlenläufer über eine Mauer des Melaten-Friedhofs. Eigentlich lebt der fünf Millimeter winzige Laufkäfer in Felsen. Aber die rissigen Mauern bieten dem nachtaktiven Jäger genauso gute Verstecke und Nahrung. Diese meist verborgen lebenden Käfer schlüpfen im Frühling und erleben den Sommer als Larven. Im Spätherbst entpuppen sie sich als Erwachsene und beenden mit der Eiablage im März ihr kurzes Käferleben.

Solche Winterkäfer sind selten, erklärt der Insektenforscher Thomas Hörren. Er hat als Forschungsgebiet Orte auserkoren, an denen man für gewöhnlich kein Leben erwartet: Friedhöfe. "Innerstädtische Friedhöfe mit ihren oft sehr alten Mauern und dem urwüchsigen Baum- und Strauchbestand sind richtige Oasen der biologischen Vielfalt", sagt der Biologe. "Friedhofsbäume sind ja sogar häufig älter als die in unseren Wirtschaftswäldern und bieten mehr Höhlungen und Nischen."

Hörren ist Mitglied im Krefelder Entomologischen Verein. Ihre "Krefelder Studie" hatte 2017 auf das dramatische Insektensterben aufmerksam gemacht. Die Insektenkundler hatten für einige deutsche Naturschutzgebiete nachgewiesen, dass die Insekten-Biomasse innerhalb von 27 Jahren um 76 Prozent abgenommen hat.

Insbesondere Städte dienten vielen Arten mittlerweile als Refugien, sagt Hörren. Mit einer Stirnlampe ausgerüstet stöbert er im Verborgenen lebende Insekten auf, und zwar mit Vorliebe in Totholz, dem weichen, von Pilzhyphen durchzogenen Holz abgestorbener Bäume. "Vermoderndes Holz ist gerade für Käfer und deren Nachwuchs ein idealer Lebensraum, sie fressen die nahrhaften Pilzfäden und nagen sich Gangsysteme hinein."

Stirbt ein Baum ab, wimmelt es kurze Zeit später vor Leben unter seiner Borke. Organische Bestandteile wie Vitamine, Stärke, Eiweiße oder Hemizellulose werden zur Nahrungsquelle für Holzwespen, Borkenkäfer oder andere Totholzliebhaber wie den Rindenglanzkäfer. Da diese wenige Millimeter kleinen Käfer immer wieder bei Sargöffnungen auffielen, unterstellte man ihnen zunächst Leichenfledderei. Mittlerweile ist klar, dass sie nicht modernde Gebeine, sondern moderndes Holz mögen - etwa von Särgen.

Der Biologe Hörren hat den Sechsbeiner auf Kölner und Essener Friedhöfen erspäht, etwa auf hölzernen Wegbegrenzungen. Ihm gelang damit der Erstnachweis der Art für die Region. Auf einem Dortmunder Friedhof stöberte der Biologe hinter der Rindenschuppe einer Konifere einen Nadelholz-Pseudoskorpion auf - noch ein Erstnachweis. Das drei Millimeter kleine Spinnentier läuft auf acht Beinen, greift mit beiden Scheren winzige Beutetiere und tötet sie mit Gift. Einen Schwanz mit Giftstachel hat der kleine Jäger nicht, darum lebt er verborgen im Schutz der Rinde von Nadelhölzern. Normalerweise lebt der Verwandte des Bücher-Skorpions in Wäldern, in Städten zieht er gern auf Friedhöfen ein. Diese Pseudoskorpione spinnen sich ein Ruhelager, in das sie jede Nacht zurückkehren. Der Forscher hatte das Kerbtier in seinem Seidengespinst überrascht, praktisch "im Bett".

Auch brachliegende Industrieflächen bieten vielen Arten Unterschlupf

Mit der Ruhe ist es - wie für andere Insekten auch - für viele Totholzbewohner vorbei. Etliche der sogenannten Xylobionten stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. So beklagt die Deutsche Wildtierstiftung ein "Fehlen von vielseitigen Totholzstrukturen" in den Wäldern. Wies ein Urwald in Mitteleuropa noch schätzungsweise zehn bis 30 Prozent Totholz auf, sind es in den bewirtschafteten Wäldern heute zwischen ein und drei Prozent.

"Auf Friedhöfen gibt es vergessene Ecken, die seit Jahrzehnten niemand betreten oder gar gedüngt hat", sagt Hörren. Auf ungemähten Rändern von Rasenflächen gediehen Wildblumen, "aber auch pflegeleichte Grabbepflanzungen wie die Schleifenblume sind für Käfer attraktiv." Das große Insektenangebot auf Friedhöfen ist neben der Abgeschiedenheit sicher ein Grund, warum dort auch viele Brutvögel-Arten nisten. Auch andere innerstädtische Orte erweisen sich regelmäßig als Fundgruben: Den geschützten Nachtkerzenschwärmer Proserpinus proserpina wies Hörren etwa auf Industriebrachen im Ruhrgebiet nach.

Der 31-jährige Biologe und Autor erkundet seit seiner Jugend die heimische Insektenvielfalt. Obwohl er noch an seinem Masterabschluss an der Uni Duisburg-Essen sitzt, hat er bereits mehr als 60 Publikationen vorzuweisen, hält Fachvorträge und Lehrveranstaltungen. Als totholz.thomas vermittelt er auf Instagram Insektenwissen an eine breitere Öffentlichkeit.

Mit vielen Kollegen entwickelt Hörren derzeit eine Datenbank mit allen bekannten Insektenarten Deutschlands, inklusive der genetischen Daten, des Barcodes. "Dann können wir bei weiteren Funden diese genetische Kennsequenz abgleichen und sie wesentlich schneller identifizieren", hofft Hörren. Ein weiteres Forschungsprojekt, an dem er beteiligt ist, "GBOL III: Dark Taxa", erforscht die Diversität kleinster Mücken und Wespen.

Solche Monitorings finden meist in Naturschutzgebieten statt. Allerdings wächst auch in Siedlungen das Bewusstsein für den Insekten- und Lebensraumschwund. Darum werden Grünflächen mancherorts etwas wilder: Straßenränder werden zu Blühstreifen, in städtischen Parks darf an einigen Stellen Laub liegen bleiben, und Friedhöfe bekommen Bienenweiden. Manche Städte spendieren sogar noch einen modernden Baumstamm für die Totholz-WG.

© SZ
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