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Hygiene:Das Ziel ist ein autarkes WC

Das Wasser wird in der Rückwand der "Blue Diversion Toilet" auf erstaunlich einfache Weise vollständig recycelt. Zu Beginn verhindert ein elektronisch gesteuertes Ventil im vorderen Bereich der Schüssel, dass Urin ins Spülwasser gerät. Es folgt eine Filterung des Spülwassers über so genannte Gravity Driven Membranen. Bei jeder Filtration bildet sich auf Membranen nach kurzer Zeit ein Schmierfilm, der den Durchfluss behindert. Zunächst hatten die Entwickler angenommen, dass dieser Film in kurzen Zeitabständen durch Spülungen mit Druck oder mit Chemikalien entfernt werden müsse. Eawag-Ingenieurin Maryna Peter entdeckte jedoch, dass der Belag sich innerhalb von acht bis zehn Tagen zu einem stabilen Ökosystem aus Bakterien und Viren entwickelt. Die Fließgeschwindigkeit wird zwar reduziert, die Filtration bleibt aber konstant und hygienisch sicher.

Das Wasser ist danach hygienisch, aber optisch noch nicht einwandfrei: es hat eine leichte Braunfärbung. Ein Solar-Panel produziert den Strom, der für den zweiten Schritt gebraucht wird: Durch Elektrolyse verschwindet die Braunfärbung des Wassers. Zuletzt wird etwas Chlor, das bei der Elektrolyse entsteht, zugefügt. Trinkbar ist das Wasser allerdings nicht, weil es recht salzig wird.

Die Fäkalien sammeln sich in separaten Behältnissen. Sowohl in Kampala als auch in Mukuru wurden sie regelmäßig abgeholt und gegen leere ausgetauscht. Die Firma Sanergy, ein lokaler Dienstleister, bietet in Mukuru diese besondere Müllabfuhr bereits seit einigen Jahren an. Mit einem Handkarren, der auch im engen Slum noch Platz hat, kamen Mitarbeiter des Franchise-Unternehmens ein- bis zweimal wöchentlich und brachten die Exkremente zu einer zentralen Anlage, wo sie zu Kompost, Dünger und Biogas weiterverarbeitet wurden.

Die Hygieneprobleme haben auch kulturelle Ursachen

Die Gates-Stiftung verfolgt jedoch ein noch ehrgeizigeres Ziel: die autarke Toilette. Sie soll völlig unabhängig von anderen Versorgungsstrukturen funktionieren, sicher und billig sein und dennoch wertvolle Stoffe aus den menschlichen Exkrementen zurückgewinnen. "Es ist eine große Herausforderung, all dies in einer kleinen Toilette umzusetzen", sagt der Umweltingenieur Bastian Etter. Er koordiniert das "Autarky Project" der Eawag. In einem Technik-Block, direkt unter der Toilettenschüssel gelegen, will man in Zukunft aus Urin Dünger gewinnen, zum Beispiel den für das Pflanzenwachstum unabdingbar notwendigen Phosphor. Ein Verfahren dafür hat die Eawag bereits. Durch Zugabe von Kalziumhydroxid wird der Urin zunächst stabilisiert, sein pH-Wert steigt damit auf einen Wert über zwölf. So wird verhindert, dass Ammoniak ausgast. Deshalb stinkt hier nichts und Krankheitserreger werden abgetötet. Der stabilisierte Urin wird verdampft, es entsteht eine Mischung verschiedener Salze, die sich als Dünger in der Landwirtschaft verwenden lassen.

Dieses Verfahren ist einfach und billig. In Urin löst sich nur so viel Kalziumhydroxid bis der hohe pH-Wert erreicht ist. Komplizierte Einrichtungen zur richtigen Dosierung braucht man nicht. Außerdem ist Kalziumhydroxid preisgünstig und weltweit verfügbar. Wie in einer autarken Toilette die Fäkalien behandelt werden könnten, ist dagegen weit weniger klar. Sicher ist nur, dass dieser Prozess zuverlässig und relativ schnell geschehen muss, um üble Gerüche und die Ausbreitung von Krankheitserregern zu unterbinden. Das Ziel der Forschung ist, aus den Fäkalien Energie für die Verdampfung des Urins zu gewinnen, zum Beispiel indem man sie unter hohem Druck oxidiert.

Eine solche komplett autarke Toilette wäre vermutlich auch für den Einsatz in Indien geeignet, wo zwei Drittel der Bevölkerung im sanitären Elend leben. Dort gibt es zusätzliche Hindernisse, denn nach hinduistischer Tradition ist der Umgang mit fremden Exkrementen die niedrigste Arbeit. Ausschließlich Kastenlose reinigten deshalb Toiletten und Latrinen - unter mittelalterlichen Bedingungen mit Besen, offenen Eimern und Körben. Um diese Diskriminierung zu beenden, hat die Regierung 1993 den "Manual Scavengers Act" erlassen. Das Gesetz verbietet es, Menschen dafür zu bezahlen, dass sie die Exkremente von anderen mit ihrer Hände Arbeit entfernen. Eigentlich sollten dadurch Missstände in der Gesellschaft aufgehoben werden, aber das Gesetz blockiert auch Lösungen wie die "Blue Diversion Toilet", die darauf basieren, dass menschliche Exkremente in Behältnissen transportiert werden - auch wenn dies hygienisch geschieht.

"Wir brauchen noch einige Jahre Forschung", schätzt Christoph Lüthi. Derweil finanziert die Gates-Stiftung die notwendige wissenschaftliche Arbeit an verschiedenen Universitäten weiter. Das ehrgeizige Ziel: In zehn Jahren soll die Toilette neu erfunden sein und Verbreitung finden. Das in Kooperation entwickelte Modell soll dann in Massen produziert werden, bezahlbar für die Armen sein und das Ende ihres sanitären Notstands einläuten. Zumindest technisch wäre das möglich.