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Homöopathie:Tiere, die homöopathisch behandelt werden

In Mastbetrieben werden längst auch homöopathische Mittel eingesetzt.

(Foto: DAH)

Die umstrittene Alternativmedizin ist in deutschen Ställen angekommen. Der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen scheint Globuli für Kühe und Schweine populärer zu machen.

Es gibt Reizworte, die mit großer Verlässlichkeit zu Diskussionen führen. Homöopathie ist eines davon. Ob es um die Behandlung der kindlichen Erkältung geht oder um die Linderung von Entzündungen der Haut - die einen halten Homöopathie für Hokuspokus, die anderen schwören einfach drauf. Ganz egal, ob es wissenschaftliche Belege für ihre Wirksamkeit gibt oder nicht. Was weniger bekannt ist: Auch in deutschen Tierställen gibt es Anhänger der Homöopathie. Und wenn es nach der Politik geht, dürfen es sogar noch mehr werden. Als sich vor wenigen Wochen drei EU-Parlamentarier der Europäischen Volkspartei zum Thema Antibiotikaresistenzen äußerten, fiel der überraschende Satz: "Homöopathische Wirkstoffe können bei entsprechender Diagnose eine gute Ergänzung oder sogar eine Alternative zur Schulmedizin sein."

Können sie das wirklich? Fest steht, dass der globale Kampf gegen Antibiotikaresistenzen mittlerweile ganz oben auf der politischen Agenda steht, er war Thema des G-7-Gipfels im vergangenen Jahr in Elmau, er wurde diese Woche auch auf dem Weltgesundheitsgipfel in Berlin diskutiert. Und es ist klar, dass ein wichtiger Teil dieses Kampfes in den Tierställen ausgefochten werden muss. So hält es auch das Strategiepapier der Bundesregierung, DART 2020, fest. Bislang allerdings ist der Erfolg ein oberflächlicher: Zwar konnte der Gesamtverbrauch der wichtigen Medikamente in den Tierställen nach aktuellen Angaben des Bundesinstituts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in den vergangenen fünf Jahren insgesamt halbiert werden. Allerdings ist der Verbrauch von Antibiotika, die auch für die Behandlung von Menschen wichtig sind, unverändert hoch.

Weil Globuli für Tiere nicht recht taugen, kommen Sprühflaschen zum Einsatz

Was also tun? Tatsächlich suchen Bauern schon lange nach Alternativen, um ihre Tiere fit zu halten und nicht jedes Mal die ganze Herde behandeln zu müssen. Homöopathie wird deshalb seit Jahrzehnten in vielen Ställen eingesetzt. Sie richtet sich in weiten Teilen nach der klassischen Homöopathie am Menschen, wie sie sich Samuel Hahnemann einst ausgedacht hat: Ein Teil Wirkstoff wird in neun Teilen Flüssigkeit verdünnt oder mit neun Teilen Zucker verrieben. Davon wird wieder ein Teil genommen und der gleichen Prozedur unterzogen. Und immer so weiter.

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Nach sechs dieser sogenannten Potenzierungen erhält man dann zum Beispiel ein D-6-Präparat. Der Buchstabe D bezeichnet dabei die Art der Potenzierung, also das Verhältnis eins zu zehn. Für C-Homöopathika wird im Verhältnis 1 zu 100 verdünnt. Und ganz anders als in der Dosis-bezogenen Medizin ist genau das laut Hahnemann der Trick: Je stärker die Verdünnung, desto stärker auch die Wirkung. Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält diese Aussage allerdings nicht stand. Das gilt auch für Mastschweine und Milchkühe. Trotzdem schwören viele Bauern auf Hahnemanns Konzept. So wie auch viele menschliche Patienten.

Menschen werden die Mittel allerdings als Tropfen oder Streukügelchen verabreicht. Am bekanntesten sind die kleinen Zuckerpillen, Globuli genannt. Einer Kuh oder einem Schwein sind solche Kügelchen allerdings schlecht auf die Zunge zu legen, sie werden deshalb in Wasser und Alkohol aufgelöst und dem Tier auf verschiedene Art verabreicht, zum Beispiel mithilfe von Blumensprühflaschen. "Das Mittel sollte prinzipiell auf eine Schleimhaut aufgebracht werden", erklärt der Tierarzt Peter Klocke. Bei Kühen landen die Homöopathika deshalb meist in der Nase, in der Vagina oder im Maul. "Ich kenne aber auch Fälle, in denen die Mittel unter die Haut oder sogar intravenös gespritzt wurden." Was da besser sei, darüber gebe es keine Erkenntnisse.

Wie aber kann es überhaupt sinnvoll sein, mit Mitteln zu behandeln, die wissenschaftlich betrachtet völlig wirkungslos sind? "Wenn man mal von den Erfahrungen ausgeht, die von den Bauern gemacht werden, dann eignen sich homöopathische Mittel vor allem bei Störungen und Erkrankungen, die von alleine wieder ausheilen", kommentiert Klocke. Dazu zählt etwa die Fruchtbarkeitsstörung. Manchmal auch die bakterielle Euterentzündung der Milchkuh, die häufig auftritt und früher sofort mit Antibiotika behandelt wurde.

Es geht aber auch anders. "Wir nutzen homöopathische Mittel zum Beispiel, um die Zeit zu überbrücken, die für eine gründliche Diagnostik nötig ist", sagt Klocke. Der wichtigste Effekt sei, dass die Landwirte das Gefühl hätten, sie könnten etwas tun. Zugleich entstünde weniger Wartezeit, was die ökonomisch extrem unter Druck geratenen Milchbauern begrüßen.