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Hochwasser:"Das kann jederzeit wieder passieren"

Hochwasser in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt hatte das Hochwasser besonders heftig getroffen. Langsam sinken die Pegel wieder.

(Foto: dpa)

Das allmählich zurückweichende Hochwasser an der Elbe zeigt nun das ganze Ausmaß der Schäden. Umweltverbände und Behörden streiten um Versäumnisse beim Schutz der Städte. Sicher ist: Beim Hochwasserschutz geht vieles nicht voran - und die Gefahr verschärft sich.

Langsam zieht sich das Wasser nun zurück, Zentimeter um Zentimeter. Es hat Tage gegeben, da guckte von dem Pegel nur noch die gelbe Spitze aus dem Wasser, für mehr als fünf Meter ist er nicht ausgelegt. Jetzt ist er nur noch bei zwei Metern. Die Aue bei Roßlau ist trotzdem überflutet - und so soll es auch sein. Es ist einer jener wenigen Orte, an denen eine Deichrückverlegung bisher geklappt hat.

"Als wir 1994 die erste Bürgerversammlung gehabt haben, da haben die Leute gesagt: Hochwasser? Das kommt so schnell nicht mehr", sagt Klemens Koschig, der parteilose Bürgermeister von Dessau-Roßlau. Damals habe sich ein älterer Herr erhoben, er habe laut gefragt, ob irgendwer das garantieren könne. "Das hat die Stimmung damals gewendet", sagt Koschig heute. 2006 schließlich wurde der neue Deich fertig, nach zwölf Jahren. Klagen hatten das Projekt verzögert. Seither können 135 Hektar Land überflutet werden, wenn die Elbe wieder mal steigt. Und sie stieg oft in den vergangenen Jahren: 2002, 2006, 2011, 2013.

Peter Altmaier, der Bundesumweltminister von der CDU, ist am Dienstag im Hochwassergebiet unterwegs. Die Lage beginnt sich zu entspannen, die meisten Schäden werden jetzt erst sichtbar. "Wir müssen verhindern, dass das Thema mit den ablaufenden Fluten wieder von der Agenda verschwindet", sagt Altmaier.

"Die Vorgaben können einen auf die Palme bringen"

Es wäre nicht das erste Mal. Schon nach dem verheerenden Elbehochwasser im Sommer 2002 sollte alles anders werden im Hochwasserschutz. "Mehr Raum für Flüsse" versprach das Fünf-Punkte-Programm der rot-grünen Bundesregierung unmittelbar nach dem Hochwassersommer. Daraus entstand bis 2005 ein Gesetz zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes. Von Belangen des Naturschutzes ist darin die Rede, von Erhalt und Verbesserung der ökologischen Strukturen der Gewässer und ihrer Überflutungsflächen.

Die gezähmten Flüsse sollten wieder über die Ufer treten dürfen, wie sie das schon immer getan haben, bis der Mensch auf die Idee kam, ihnen das Land wegzunehmen. Das Hochwasserschutz-Gesetz von 2005 sollte den Flüssen Platz zurückgeben und die Schäden bei Überschwemmungen verringern. Theoretisch.

Aber mit Theorie und Praxis ist es im Hochwasserschutz so eine Sache. "Das Gesetz war im Ansatz sehr gut, aber es wurde aufgeweicht", sagt Georg Rast, Hochwasser-Experte beim WWF. Ursprünglich waren schärfere Vorschriften für die Landwirtschaft und ein Neubauverbot in Überschwemmungsgebieten geplant, was jedoch die Länder verhinderten. Aber auch über die immer intensivere Landwirtschaft abseits der Flüsse müsse man reden, sagt Rast - sie lasse Regenwasser schlechter abfließen, so dass die Flüsse mehr Wasser abtransportieren müssen.

Nicht weit von Dessau überquert die A 9 die Elbe, die hier schon weniger dem Mississippi ähnelt. Der Umweltverband WWF arbeitet an der Rückverlegung eines Deiches, die Überflutungsfläche entlang der Autobahn würde den Orten unterhalb Entlastung verschaffen. "Wir haben allein ein Jahr lang mit den Behörden darüber gestritten, ob man die Autobahn-Trasse als Damm benutzen darf oder nicht", sagt Rast. Am Ende gaben die Behörden einer Spundwand statt. "Die Vorgaben können einen auf die Palme bringen", sagt auch Sachsen-Anhalts Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU).