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Invasive Arten:Wie die Hausmaus auf der ganzen Welt heimisch wurde

Wie Mäuseriche Weibchen locken

Sobald der Mensch Getreidespeicher anlegte, fühlte sich die Hausmaus (Mus musculus) bei ihm wohl.

(Foto: dpa)

Als der Mensch vor langer Zeit die Landwirtschaft erfand, freute das vor allem die Hausmaus. Wissenschaftler rekonstruieren den weltweiten Siegeszug der Nagetiere.

Von Katrin Blawat

Manchmal hilft der Mensch anderen, ohne es selbst zu bemerken. Zum Beispiel vor etwa 12 000 Jahren im "Fruchtbaren Halbmond", einem Gebiet im heutigen Nahen Osten: Die Menschen erkannten, wie viel leichter ihr Leben wurde, wenn sie nicht vor jeder Mahlzeit losziehen mussten, um Tiere zu jagen oder Samen und Grünzeug zu sammeln. Stattdessen begannen sie, sich häuslich an einem Ort einzurichten, Felder und Vorratskammern anzulegen. Davon profitierten nicht nur die Menschen selbst, sondern auch andere Lebewesen. Allen voran: die Hausmaus. In menschlicher Gesellschaft musste sie sich angesichts voller Getreidelager um ihre Futterbeschaffung keine Sorgen mehr machen.

Diese Situation ließen die Nager nicht ungenutzt, wie nun ein Team um Thomas Cucchi vom Französischen Nationalen Forschungszentrum (CNRS) bestätigt: Erst dank der aufkommenden Landwirtschaft im heutigen Nahen Osten konnte sich die Hausmaus vor etwa 12 000 Jahren sehr rasch ausbreiten (Scientific Reports). Zwar entdeckten die Forscher in ihren archäologischen und genetischen Analysen von mehr als 800 Maus-Funden auch Hinweise darauf, dass die Nager bereits vor knapp 15 000 Jahren zum Begleiter des Menschen geworden waren. Doch bis sie sich flächendeckend in dem Gebiet ausbreiten konnten, dauerte es eben noch etwas.

Die Maus wiederum, angelockt von den menschlichen Vorratslagern, trieb ein weiteres Tier in die Nähe der Siedlungen: die Katze. Wie Cucchi und seine Kollegen schreiben, habe die Domestizierung der Maus auch die der Katze befördert. Denn der Mensch erkannte den Wert der Raubtiere, die die Kornkammern von den nun omnipräsenten Nagern befreiten. Später durften Katzen sogar mit auf die Schiffe der ersten Seefahrer, um auch dort die Getreidevorräte zu schützen. So zieht sich eine einfache Gleichung durch die Geschichte: Wo Menschen sind, sind Mäuse und auch Katzen. Und weil der Mensch überall ist, sind auch Maus und Katze auf nahezu der ganzen Welt heimisch geworden. Der Nager und das Raubtier sind der Inbegriff invasiver Säugetiere.

Wie die Studie von Cucchis Team aber auch zeigt, war vor 11 000 Jahren auf einmal Schluss mit dem Siegeszug der Hausmaus. Bis Zypern war sie zu diesem Zeitpunkt gekommen - weiter nach Europa ging es zunächst nicht. Die Forscher können über die Gründe nur spekulieren. Vielleicht lag es an der geringen Größe und Dichte der damaligen Siedlungen im heutigen Griechenland und auf dem Balkan, deren Kornkammern womöglich zu klein waren, um den Mäusen wirklich gute Bedingungen zu liefern. Möglicherweise musste sich die Hausmaus auch anderen Maus-Unterarten geschlagen geben, die damals erfolgreich ihre Reviere verteidigten.

Erst als vor 4000 Jahren im heutigen Südeuropa die Siedlungen größer, dichter und die Handelsbeziehungen intensiver wurden, begann auch in Europa die Hochzeit der Maus. Die zarten Anfänge urbanen Lebens bereiteten ihr den Weg nicht nur nach Westeuropa, sondern von dort aus auch per Schiff bis in beinahe jeden Winkel der Welt. Die Maus ist ein Globalisierungsgewinner par excellence - auch, weil sie wenig auf Traditionen gibt. So sind die Nager ursprünglich zwar Vegetarier. Wenn es sich ergibt, fressen sie aber auch Insekten und auf Inseln zuweilen sogar das Aas von Seevögeln.

© SZ vom 25.05.2020/hmw
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