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Biologie:Grauhörnchen gegen Eichhörnchen

Grey squirrel (Sciurus carolinensis) standing alert amongst buttercups. Dorset, UK. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY 1561

Robust und bestrebt, neue Reviere zu erkunden: Das aus Amerika stammende Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verbreitet sich in Europa. In Großbritannien servieren manche Restaurants schon Grauhörnchen-Ragout, um heimischen Nagern zu helfen.

(Foto: imago images/Nature Picture Library)

Das Grauhörnchen aus Nordamerika könnte bald auch in Süddeutschland einwandern. Gegenüber dem heimischen Verwandten ist es im Vorteil - nicht nur aufgrund seiner Größe.

Morgens klopft es jetzt wieder öfter an die Balkontür. Das Geräusch stammt von einem flauschigen Fellbündel, das wiederholt gegen die Glasscheibe springt, vielleicht aus Neugier auf das Zimmer dahinter. Erst wenn das Tier eine Bewegung hinter der Tür bemerkt, flitzt es drei Stockwerke senkrecht an der Hauswand nach unten. Der morgendliche Besucher ist eines von vielen Eichhörnchen, die in dem Münchner Hinterhof herumhüpfen. Manche haben ein milchkaffeebraunes Fell, andere ein fuchsrotes. Doch auch graue und fast schwarze Tiere sind darunter. Das heimische Eichhörnchen gibt es in vielen Farbvarianten. Die grauen unter ihnen haben in Deutschland allerdings oft keinen guten Ruf. Sie stehen - zu Unrecht - im Verdacht, Vertreter einer eingewanderten Art zu sein.

In England, Irland und Italien sind die Neuen schon angekommen

Tatsächlich haben Grauhörnchen aus Nordamerika sehr erfolgreich manche Teile Europas besiedelt und ihre zierlicheren europäischen Verwandten dort zum Teil sogar verdrängt. Grauhörnchen zählen ebenfalls zu den Eichhörnchen, sind aber eine andere Art als jene Tiere, die in Deutschland durch Bäume oder über Balkone hüpfen. Letztere lassen sich an ihren Ohrpuscheln erkennen. Betroffen von der Grauhörnchen-Ausbreitung sind vor allem England, Irland und Italien, wo die Tiere einst von Amerikareisenden mitgebracht und dann ausgesetzt wurden. Von Italien aus breiten sie sich Richtung Frankreich und Schweiz aus. Sie gelten als robust und bestrebt, neue Reviere zu erkunden. "Ich gehe davon aus, dass sie ihr Gebiet irgendwann auch nach Süddeutschland ausweiten werden", sagt Julian Chantrey von der Universität Liverpool. Bisher aber seien in Deutschland nach offiziellem Stand keine wild lebenden Vorkommen bekannt, sagt Birte Brechlin vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Noch markieren die Alpen die Hörnchen-Grenze.

Wo die Grauhörnchen jedoch erst einmal hingelangen, dort umfasst ihr Erfolgsrezept viele Zutaten. Dabei geht es weniger um eine direkte körperliche Überlegenheit, auch wenn die amerikanischen Tiere fast doppelt so groß sind wie die europäischen. Eine entscheidende Rolle spielt vielmehr die Anfälligkeit für verschiedene Krankheiten. Das zeigt sich zum Teil auf sehr indirektem Weg, wie nun eine Gruppe um Francesca Santicchia von der Universität Insubrien in der Lombardei im Journal of Animal Ecology berichtet. Demnach beeinträchtigt eine Infektion mit bestimmten, von den Grauhörnchen stammenden Würmern das Verhalten der europäischen Hörnchen. Infiziert sich etwa in Italien ein heimisches Eichhörnchen mit dem "fremden" Parasiten, wird es daraufhin ruhiger und sucht zum Beispiel weniger eifrig oder erfolgreich nach Futter. Erstaunlicherweise passiert das Gleiche selbst dann, wenn sich ein europäisches Hörnchen mit einem heimischen, also vertrauten und normalerweise nicht besonders störenden Wurm infiziert - und in einem Gebiet lebt, in dem auch Grauhörnchen vorkommen. Auf lange Sicht könnte ihre reduzierte Aktivität den europäischen Eichhörnchen weitere Nachteile bringen und so dazu beitragen, dass sie von den grauen vertrieben werden.

Im Nadelwald gelingt manchmal eine friedliche Koexistenz beider Arten

Vermutlich stresse allein die Anwesenheit der nordamerikanischen Hörnchen ihre hiesigen Verwandten, schreiben die Autoren. Schon vor zwei Jahren haben Santicchia und ihre Kollegen gezeigt, dass im Blut von europäischen Eichhörnchen mehr Stresshormone zirkulieren, wenn auch Grauhörnchen im selben Gebiet leben. Die dauerhaft erhöhte Anspannung könnte die Abwehrkräfte der heimischen Eichhörnchen verringern, sodass sie auch mit ihren eigenen Würmern schlechter zurechtkommen. Außerdem schwächeln die heimischen Tiere aufgrund des chronischen Stresses womöglich bei der Nahrungssuche, was ebenfalls zu einem insgesamt schlechteren Gesundheits- und Immunzustand in Anwesenheit der grauen Verwandten beitragen könnte. Eine Wurminfektion und die daraus folgende Inaktivität verstärken das Problem dann noch.

Diese Schlüsse ziehen die Forscher aus Daten, die sie in Italien in drei ausschließlich von heimischen Hörnchen besiedelten Gebieten sowie in drei Gebieten mit europäischen und amerikanischen Tieren gesammelt haben. Bislang gab es nur wenige Anhaltspunkte für solch indirekte Faktoren im Wettstreit der Hörnchen. Der wird zusätzlich durch ein Pockenvirus bestimmt. Dieses stört die häufig damit infizierten Grauhörnchen kaum. Befällt der Erreger jedoch ein europäisches Eichhörnchen, stirbt es meistens. In Ausnahmefällen überlebt ein Eichhörnchen die Infektion zwar und entwickelt Antikörper. Doch für Chantrey, der diese seltene Immunisierung vor einigen Jahren beschrieben hat, bedeutet das keine große Hoffnung für die europäischen Nager. "Für die Mehrheit von ihnen ist es eine tödliche Krankheit", sagt der Veterinärpathologe.

Damit sind die europäischen Hörnchen deutlich im Nachteil gegenüber ihren amerikanischen Verwandten. Zumal es vielen Experten zufolge kaum erfolgversprechend erscheint, die Grauhörnchen durch gezielte Maßnahmen wieder aus Europa zu vertreiben. Ansätze wie in England, wo manche Restaurants etwa Grauhörnchen-Ragout auf die Speisekarte setzten, konnten daran kaum etwas ändern. Bezogen auf Deutschland sagt Nabu-Referentin Brechlin: "Eine gezielte Ausrottung des Grauhörnchens wäre wohl weder ökonomisch noch ethisch zu verantworten und wohl auch wenig erfolgversprechend."

Immerhin gelingt in seltenen Fällen eine einigermaßen friedliche Koexistenz von heimischen und zugewanderten Hörnchen. Bedingung dafür ist unter anderem ein Nadelwald, denn dort haben es die Eichhörnchen leichter im Vergleich zu ihren grauen Verwandten. Zusätzlich könnten Baummarder als Verbündete der heimischen Nager wirken, da sie - wenn beide Arten zur Auswahl stehen - lieber amerikanische Hörnchen fressen. Allerdings hat auch der Baummarder einen Gegenspieler: den Fuchs. Der jagt Marder und erhöht damit wiederum die Überlebenschancen der Grauen. So stehen die Chancen für die heimischen Eichhörnchen nicht allzu gut, wenn sie erst einmal Besuch von den amerikanischen Verwandten bekommen haben.

© SZ vom 04.05.2020
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