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Altertumswissenschaften:Verkannte Dichterin

LMU Forschungsprojekt / Mesopotamien

Eine Keilschrifttafel aus der Bibliothek des Königs Aššurbanipal. An der LMU arbeiten Wissenschaftler daran, babylonische Literatur computergestützt zu rekonstruieren.

(Foto: Christoph Olesinski / LMU)

Einer der ältesten Texte der Weltliteratur stammt wohl nicht wie bislang angenommen von einem Mann, sondern von einer Frau.

Von Carina Seeburg

Die Überraschung war groß. Wochenlang hatte der Altorientalist Zsombor Földi mehr als 3000 Jahre alte Register und Urkunden studiert, denn er war auf der Suche nach einem Namen, der einst berühmt war, dann aber in Vergessenheit geriet. Er hoffte, mehr über den Autor der Gula-Hymne zu erfahren, die über Jahrhunderte so populär war, dass jedes Kind in Mesopotamien sie kannte.

Im Frühjahr 2019 fand er den Namen erstmals in einer Urkunde: Bullussa-rabi lautete er, vorangestellt war ihm ein eindeutiges Zeichen für "Frau". Über Jahrtausende war man davon ausgegangen, dass die Hymne von einem Mann komponiert worden war. Verblüfft setzte Földi seine Suche fort und konnte seine Vermutung festigen: "In allen Urkunden ist Bullussa-rabi ein Frauenname", sagt er.

"In der Fachwelt war unsere Entdeckung schon eine kleine Sensation"

Einer der ältesten Texte der Weltliteratur wurde somit offenbar von einer Frau verfasst, wie der Forscher in der Fachzeitschrift Kaskal - A Journal of History, Environments, and Cultures of the Ancient Near East darlegte.

"In der Fachwelt war unsere Entdeckung schon eine kleine Sensation", sagt Enrique Jiménez, der das Forschungsprojekt zu literarischen Texten aus Mesopotamien an der LMU in München leitet. In dem Projekt arbeitet ein Team von Wissenschaftlern seit April 2018 daran, babylonische Literatur computergestützt zu rekonstruieren. "Von vielen Keilschrifttafeln sind nur Fragmente erhalten", erklärt Földi. Digitalisierung und Algorithmen erleichtern die aufwendige Arbeit, die nötig ist, um die Tafeln wieder zusammenzusetzen.

LMU Forschungsprojekt / Mesopotamien

Der Altorientalist Enrique Jiménez vor dem Fragment einer Keilschrifttafel aus der Bibliothek des Aššurbanipal.

(Foto: Christoph Olesinski / LMU)

Auch Fragmente der Gula-Hymne wurden in dem Projekt erneut unter die Lupe genommen. "In ihrem Text beschreibt die Heilgöttin Gula sich selbst und singt ein Loblied auf sich", sagt Földi. Die Hymne, die wohl um 1300 vor Christus entstanden ist, war ein Klassiker aus einer goldenen Epoche der mesopotamischen Literatur. Ihrer Popularität verdankt sie es auch, dass der Text über Jahrhunderte übertragen und so Kopien der Hymne bis heute in der berühmten Palastbibliothek des neuassyrischen Königs Aššurbanipal erhalten sind.

LMU Forschungsprojekt / Mesopotamien

Über Jahrhunderte wurde die Gula-Hymne immer wieder kopiert. Die abgebildeten Tontafel-Fragmente zeigen eine dieser Kopien aus der Sammlung des British Museum.

(Foto: British Museum)

Die Gula-Hymne ist nicht der einzige Fall, bei dem Frauen als Urheberinnen in der mesopotamischen Literatur übersehen wurden. In der Keilschrift wurde es erst spät üblich, das Geschlecht eines Menschen durch ein Symbol, ähnlich dem heutigen "Herr" oder "Frau", zu kennzeichnen. Wenn Frauen übergangen wurden, "muss das daher nicht als absichtliche Fälschung interpretiert werden", meint Földi, obgleich das auch im Fall der Gula-Hymne grundsätzlich möglich wäre.

"Wir sind uns sicher, dass es noch weitere solcher Fälle gibt"

Der Name Bullussa-rabi sei bereits zu der Zeit, als die Hymne komponiert wurde, selten gewesen. Später wurde der Name nach aktuellem Forschungsstand nicht mehr verwendet. Das könne auch der Grund dafür sein, dass ihn spätere Schreiber dem männlichen Geschlecht zugeordnet haben.

LMU Forschungsprojekt / Mesopotamien

Zeichnung neu veröffentlichter Fragmente der Gula-Hymne von Bullussa-rabi

(Foto: Zsombor Földi)

Hauptquelle für das Forscherteam sei eine Art Katalog der Bibliothek von Aššurbanipal. Darin stehe neben der Gula-Hymne der Verweis, dass diese und eine weitere Hymne "von einem Gelehrten aus Babylon", stammen. Die zweite erwähnte Hymne, die demnach von derselben Autorin geschrieben wurde, konnten die Wissenschaftler bisher jedoch noch nicht identifizieren.

"Aus der Bibliothek sind etwas mehr als 30 000 Fragmente erhalten, die zu rund 6000 Tontafeln gehört haben können - es ist also ein Puzzlespiel", sagt Földi. Und dieses Puzzelspiel werde durch die Digitalisierung enorm beschleunigt. Die Suche geht also weiter, und Zsombor Földi glaubt, dass Wissenschaftler auch in Zukunft Männer als Frauen enttarnen werden: "Wir sind uns sicher, dass es noch weitere solcher Fälle gibt."

© SZ

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