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Archäologie:Das Geheimnis der Frau im Brunnen

Das Skelett einer Frau, die vor 3600 Jahren in einen Brunnen geworfen wurde.

(Foto: Murat Akar/Alalakh Archives)

In der Türkei haben Archäologen das Skelett einer Frau entdeckt, die vor 3600 Jahren ermordet wurde. Das Opfer stammte aus einer weit entfernten Region in Zentralasien. Was ist damals geschehen?

Von Hans Holzhaider

Alles spricht für ein Gewaltverbrechen, begangen vor etwa 3600 Jahren. Genauer gesagt: zwischen den Jahren 1625 und 1511 vor Christus. Das Opfer: eine Frau, 40 bis 45 Jahre alt, für die damalige Zeit schon ein gesegnetes Alter. Der Tatort: die antike Stadt Alalach in der heutigen südtürkischen Provinz Hatay, etwa hundert Kilometer westlich von Aleppo. Der Täter: unbekannt, ebenso die Todesursache.

2011 entdeckten türkische Archäologen das Skelett der Frau auf dem Grund eines tiefen Brunnens. An den Knochen fanden sich keine Spuren einer tödlichen Verletzung, also wurde sie vielleicht erwürgt oder erstochen.

"Aus der Lage des Skeletts lässt sich schließen, dass sie schon tot war, als sie in den Brunnen geworfen wurde", sagt Philipp Stockhammer, Professor für Prähistorische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Co-Direktor des Max-Planck-Harvard-Forschungszentrums für die archäologisch-naturwissenschaftliche Erforschung des antiken Mittelmeerraums in Jena.

Aber was den Münchner Archäologen und die anderen Mitglieder einer internationalen Forschergruppe des Max-Planck-Instituts an der Frau aus dem Brunnen faszinierte, waren nicht so sehr die Umstände ihres Todes, sondern ihre Herkunft. Die Analyse ihres Genoms ergab, dass sie aus Zentralasien, wahrscheinlich einer Region im heutigen Usbekistan oder Turkmenistan stammte, mehr als 3000 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem sie den Tod fand.

War die Frau ein weiblicher Marco Polo der Bronzezeit?

"Wir wissen seit Langem, dass es auch zu dieser Zeit schon etablierte Handelsrouten zwischen dem Nahen und dem Fernen Osten gab", sagt Stockhammer. "Wir kennen aus dem Ostmittelmeerraum dieser Zeit bereits Gewürze aus Indien, Zinn und Lapislazuli aus Afghanistan. Aber endlich haben wir auch einen Menschen zu diesen Objekten."

Wie und warum die Frau aus ihrer weit entfernten Heimat nach Alalach gekommen war, "darüber können wir nur spekulieren", sagt Stockhammer. "Aus literarischen Quellen wissen wir, dass Frauen in dieser Zeit oft als Ehepartnerinnen durch den Vorderen Orient reisten. Aber vielleicht war sie auch die Chefin einer Handelsniederlassung in Alalach. Nichts spricht dagegen, dass sie ein weiblicher Marco Polo der Bronzezeit war."

Die Entdeckung der exotischen Fernreisenden ist eigentlich nur ein Nebenprodukt des Max-Planck-Forschungsprojekts, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Türkei, den USA, Großbritannien, Aserbaidschan, Italien, Frankreich und Deutschland beteiligt waren. In der Region zwischen dem östlichen Mittelmeer, dem Kaukasus und dem Persischen Golf finden sich die frühesten Zeugnisse der menschlichen Zivilisation. Hier wurden zum ersten Mal in der Geschichte Pflanzen und Tiere domestiziert, hier wurde die erste Schrift erfunden, hier entstanden die ersten Stadtstaaten.

Die Forscher wollten herausfinden, welche Rolle die menschliche Mobilität bei dieser Entwicklung gespielt hat. Wie verbreiteten sich neue Kulturtechniken? Wie funktionierte der Austausch von Ideen und materiellen Gütern? Um das herauszufinden, wurde das Erbgut von 110 Individuen aus archäologischen Fundorten in Anatolien, der nördlichen Levante und dem Südkaukasus analysiert. Das Alter der Proben lag zwischen 7500 und 3000 Jahren vor unserer Zeit, also etwa 5500 bis 1000 vor Christus. Die Ergebnisse waren verblüffend.

Im 10. Jahrtausend vor Christus begannen Gruppen von Jägern und Sammlern, im Vorderen Orient sesshaft zu werden und Nahrungsmittel zu produzieren. Sechstausend Jahre dauerte es noch bis zur Entstehung der ersten urbanen Siedlungen. "In dieser Zeit", sagt Stockhammer, "kam es von Westanatolien bis zum südlichen Kaukasus zu einer weitgehenden genetischen Vereinigung der ursprünglich genetisch sehr unterschiedlichen Gruppen.

Das setzt eine umfassende Mobilität von fortpflanzungsrelevanten Menschen voraus." Mit anderen Worten: In einer Region, deren Ausdehnung der Entfernung von München nach Moskau entspricht, müssen über Jahrtausende hinweg in einem stabilen System kontinuierlich Heiratspartner ausgetauscht worden sein.

Diese genetische Homogenisierung ging aber keineswegs mit einer kulturellen Vereinheitlichung einher. "In dem Gebiet, das von unseren Untersuchungen umfasst wurde, gab es ganz verschiedene Lebensweisen, sicher auch unterschiedliche Sprachen, religiöse Vorstellungen, verschiedene kulturelle Gewohnheiten, wie etwa Bestattungstechniken", sagt Stockhammer. "Wir lernen daraus: Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen genetischer und kultureller Einheitlichkeit."

Über den Ruinen der Paläste siedelten später Viehhirten

Ein besonders plastisches Beispiel dafür bietet Arslantepe in Ostanatolien, unweit der modernen Stadt Malatya. "Das war im 4. Jahrtausend eine stark von Mesopotamien geprägte Stadt, mit monumentalen Tempeln und Drehscheibenkeramik", sagt Stockhammer. Um das Jahr 3300 v. Chr. wurde sie zerstört, und über den Ruinen der Paläste siedelten Viehhirten, deren Keramik auf eine Herkunft aus dem Kaukasus deutet. "Trotzdem fanden wir zwischen den Bewohnern der Stadt Arslantepe und den mutmaßlichen Eroberern kaum genetische Unterschiede", sagt Stockhammer.

Ähnlich war der Befund in Alalach. "Das war ein urbanes Zentrum des zweiten Jahrtausends", sagt Stockhammer. "Da gab es ägäische Fresken, hethitische Schrifttafeln, eine Vielfalt unterschiedlicher Bestattungssitten. Eine Art New York der Antike. Ich hätte erwartet, dass wir da genetisch ganz unterschiedliche Individuen finden." Aber so war es nicht. Das Genom von 26 Menschen aus Alalach wurde analysiert, alle aus der Zeit zwischen 2100 und 1300 vor Christus. Alle waren genetisch nahezu identisch - mit einer Ausnahme: der Frau im Brunnen.

© SZ/hmw

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