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Gescheiterte Wissenschaft:Als die CIA übernatürliche Fähigkeiten erforschte

Star Gate

Auf Karten wie diesen sollten Hellseher Geiseln und Terroristen über Telepathie finden

(Foto: CIA / US Gov.)

"Begabte Individuen" trugen Codenamen wie "Sun Streak", "Grill Flame" und "Star Gate". In millionenschweren Projekten erforschte die CIA im Kalten Krieg paranormale Fähigkeiten. Eine Truppe von Hellsehern sollte die Sowjets das Fürchten lehren - und erntete am Ende Spott.

079 war am 1. Februar 1988 wohl besonders empfänglich. Der Gefangene Terry Waite sei in gutem Zustand, aber "gelangweilt, traurig und hungrig". Er starre nur an Wände und sitze in einer Ecke. Mit ihm im Raum sei noch eine andere Geisel, drei uniformierte Männer hielten Wache. Im Nebenraum ein Koch in einer schmutzigen Küche. So geht es munter weiter in Dokument 0000139451 im CIA-Archiv. Detail um Detail vom Kerker des im Libanon entführten Amerikaners Terry Waite packt 079 darin aus. Ein Agentenbericht, könnte man meinen, unter großen Gefahren in feindlichem Gebiet gewonnen. Doch 079 ist kein Agent, er ist nicht einmal im Libanon. Er ist Hellseher im Dienste der US-Armee, ein "Remote Viewer", ein Orakel. 079 sitzt in einem fensterlosen Raum in Amerika und meint, Dinge sehen zu können, die in 11.000 Kilometern Entfernung passieren.

Und seine Vorgesetzten glauben ebenfalls daran. Das Dokument ist ein winziger Ausschnitt eines großangelegten Forschungsprogramms der USA im Kalten Krieg. Mithilfe übersinnlicher Fähigkeiten wollte die Supermacht ihre Gegner ausspionieren. Die heute zugänglichen Papiere geben Einblick in eine Überdrehung des Konflikts zweier Supermächte ins Reich des Phantastischen, Obskuren.

Auslöser für die Geheimprojekte war die Paranoia vor der Sowjetunion: Anfang der 1970er kamen US-Geheimdienste zu dem Schluss, die Sowjets würden 60 Millionen Rubel für "psychotronische" Forschung ausgeben. Man vermutete, die Russen setzten Hellseher ein, um geheime Dokumente auszuspähen und Truppenbewegungen vorherzusagen. Wie das gehen sollte, wusste keiner so genau. Aber man vermutete große Durchbrüche der Moskauer Hellseher.

Ausflug zum Jupiter

Ein eigenes Programm zu übernatürlichen Fähigkeiten musste her. Die geeigneten Mitarbeiter fand die CIA schnell: Der Parapsychologe Russell Targ und der Scientologe Harold Puthoff begannen 1972 im angesehenen Stanford Research Institute, "begabte Individuen" zu untersuchen. Darunter war etwa der New Yorker Künstler Ingo Swann (Level-7-Scientologe), der sich selbst als "Medium" bezeichnete. Swan war überzeugt, er könne selbst sehr weit entfernte Dinge wahrnehmen. In einer Sitzung 1973 unternahm sein Geist eine Reise zum Jupiter:

"Hoch in der Atmosphäre gibt es Kristalle ... sie glitzern. Vielleicht sind die Streifen aus Kristallen, wie die Ringe des Saturn ... aber sehr nah an der Atmosphäre. (...) Dann schwebte ich durch die Wolkendecke. Die Oberfläche - wie Sanddünen. Sie sind aus großen Kristallen, sie rutschen."

Aus diesen konfusen Sitzungen entwickelten Targ und Puthoff die Theorie der "Fernwahrnehmung" und machten sie zum Fundament ihrer Arbeit. Geheimdienstkreise beeindruckte der Quatsch, den die beiden in Kalifornien trieben, zutiefst. Die US-Armee weitete das Projekt in den Folgejahren zügig aus; unter Codenamen wie "Gondola Wish" und "Grill Flame" sollten jetzt Individuen ihre vermeintlich übersinnlichen Talente für die "psychische Kriegsführung" trainieren - das neue Ziel war also, eine Offensivtruppe aus Hellsehern auszubilden.

Hunderte Sitzungen fanden statt. In einer Mischung aus Befragung, Trance und "automatischem Schreiben" gaben die Seher ihre Eindrücke wider. Die Experimentatoren hatten ganz genaue Vorstellungen: "Finden Sie heraus, ob Soldat Higgins noch am Leben ist. Stellen Sie seinen physischen und psychischen Zustand fest", lauteten die Anweisungen für den Versuch, einen entführten US-Soldaten telepathisch zu finden. "Er ist sehr lebendig", orakelte das Medium zurück. "Eine exzessive Hitzewelle" werde die Entführer ablenken und zu seiner Befreiung beitragen. (Higgins starb in Gefangenschaft.) Manchmal enthielten die Protokolle auch bloß Gekritzel ohne jeden Sinn, so als wollten die Seher ihre Führungsoffiziere veralbern.

Auszüge aus Protokollen des Projekts "Grill Flame"

(Foto: CIA / US Gov.)

In einer Sitzung versuchten die Amerikaner auch, auf paranormalem Wege etwas über einen Deutschen zu erfahren: den 1987 in Beirut von der Hisbollah entführten Hoechst-Manager Rudolf Cordes. Cordes könne "viele Einsichten der Aktualitäten und Realitäten liefern", formulierte das Medium wolkig. Außerdem sei er ein "schöner Mann".