Gemischte Gefühle: Ekel Ekel ist konservativ

Moralischer Ekel sei eine evolutionäre Weiterentwicklung des archaischen Nahrungsprüfungsprogramms, spekulierten Paul Rozin und der Psychologe Jonathan Haidt von der University of Virginia kürzlich im Fachmagazin Science. Zunächst übertrugen Menschen Ekelgefühle auf objektiv harmlose Dinge: Das Äußere entscheidet nun mitunter über das Ekelpotential eines Objekts.

So schaudern Menschen, wenn Schokoladenpudding in der Form eines Haufens Hundekot serviert wird, sie weigern sich Apfelsaft aus einer frischen, niemals benutzten Urinflasche aus dem Krankenhaus zu trinken, und kaum jemand möchte den gereinigten Pullover eines verurteilten Sexualverbrechers anziehen. Die bloße Nähe zu grausigen Dingen kontaminiert diese Gegenstände - davon grenzen sich Menschen mit Ekel ab.

Indem sich auch bloße Gedanken und Ansichten mit diesem Gefühl der Ablehnung verknüpften, schreiben Rozin und Haidt, kommunizierten Gemeinschaften, was sie für schlecht hielten und entwickelten Regeln im Umgang mit diesen Dingen. Ekel hatte seine soziale und moralische Dimension erlangt - und zwar gründlich:

Als der Psychologe Haidt einmal Probanden aus Japan und den USA bat, ekelhafte Dinge aufzulisten, beschrieben die Befragten in der Mehrzahl moralische Verfehlungen wie etwa sexuelle Übergriffe statt vergammelte Lebensmittel oder Körperflüssigkeiten.

Alle Gesellschaften tabuisierten Vorgänge, die den Menschen an seine tierische Herkunft erinnern - besonders Sex und Verdauungsvorgänge. Ekel half auszublenden, dass auch unsere Spezies aus blutigem Gewebe besteht, verfällt, verfault und übelriechende Substanzen ausscheidet.

Das illustrieren Ekelforscher gerne mit einer Anekdote des Sittenwächters Cotton Mather. Der Puritaner war einer der strengsten Frömmler Neuenglands während des frühen 18. Jahrhunderts. In seinem Tagebuch berichtet er von einer Begegnung: Während er urinierte, erblickte er einen pissenden Köter. Die Beobachtung ließ den frommen Mann erschauern, es schockierte ihn, dass er seiner Körperfunktion machtlos nachgeben musste und in diesem Akt der tierischen Kreatur gleich wurde.

"Trotzdem werde ich ein edleres Wesen sein", notierte er trotzig, "denn in dem gleichen Moment, in dem mich meine natürlichen Bedürfnisse in den Zustand eines Tieres degradieren, soll mein Geist herausragen und sich erheben."

Wer ekelsensibel ist, vertritt eher konservative Ansichten

Das Gefühl sorgt dafür, dass Menschen das ablehnen, was ihren Status als menschliche Wesen bedroht und wovon sie glauben, dass es ihren Körper oder Geist kontaminiert. Besonders stark richtet sich moralisierender Ekel gegen sexuelle Praktiken, die der sozialen Norm widersprechen und in den Augen vieler in die Nähe zum Tier rücken.

Nun wird es etwas kompliziert, denn dieser moralische Ekel ist eine selbstverstärkende Emotion: Wer besonders konservative Einstellungen vertritt, ekelt sich eher vor ungewöhnlichem sexuellen Verhalten. Und wer wiederum besonders ekelsensibel ist, der vertritt mit höherer Wahrscheinlichkeit konservative Ansichten und lehnt zum Beispiel die Homosexuellen-Ehe eher ab, wie der Psychologe David Pizarro von der Cornell University im Fachmagazin Emotion & Cognition zeigte.

So ist es wahrscheinlich, dass Menschen aus dem arabischen Raum, in dem eine konservative Sexualmoral verbreitet ist, auf einen entblößten Penis an einem Stand homosexueller Männer mit Ekel reagieren.

Auch Psychologen um Elizabeth Horberg von der University of California in Berkeley berichteten kürzlich im Journal of Personality and Social Psychology von einem Zusammenhang zwischen dem Gefühl und moralischen Urteilen. Die Wissenschaftler ließen ihre Probanden kurze Schilderungen lesen. In einer ging es zum Beispiel darum, dass ein Mann sich ein totes Huhn kauft, sich mit dem Tier selbst befriedigt, um es anschließend zu kochen und zu essen.

Dann ermittelten die Forscher, wie sehr es die Probanden ekelte und wie sehr sie dieses Verhalten verurteilten. Beides stand in einem deutlichen Zusammenhang. Außerdem zeigten Probanden mit konservativen Einstellungen sowohl heftigeren Ekel als auch stärke Ablehnung.

Emotionen wie Ekel trügen maßgeblich zu blitzartigen Entscheidungen darüber bei, was als richtig oder falsch bewertet wird und was moralisch zu achten oder zu verurteilen sei, argumentieren die Wissenschaftler. Das zeigten auch Julie Fitness und Andrew Jones von der australischen Macquarie University im Fachjournal Emotion.

Ihre Probanden sollten in einer Simulation über einen Angeklagten richten. Probanden, bei denen beiden Psychologen zuvor Ekelgefühle ausgelöst hatten, neigten zu besonders harschen moralischen Urteilen. Und wer sich in einem Test als besonders ekelsensibel erwies, neigte dazu, einen Verdächtigen bei unklarer Beweislage schuldig zu sprechen und ihm eine empfindlichere Strafe aufzubrummen.

Umgekehrt werden in Gesellschaften Dinge erst mit Ekel verknüpft, wenn diese als moralisch verwerflich gelten. Konkret werden diese Vorstellungen durch Erkenntnisse, die abermals der Ekelforscher Paul Rozin beisteuert.

Demnach empfinden Vegetarier eher heftigen Ekel gegenüber Fleisch, wenn sie sich aus moralischen und nicht gesundheitlichen Gründen dessen Verzehr ablehnen. Andere Studien zeigen, dass die zunehmende gesellschaftliche Ächtung des Rauchens in vielen Ländern Ekel gegenüber dieser Sucht wachsen lassen.

Das Gefühl Ekel mischt in vielen Bereichen des Lebens mit. Es verbindet die Sphäre grässlicher Gerüche und verfaulten Fleisches mit dem scheinbar so fernen Bereich moralischer Empfindungen.Die letzten Sätze gehören abermals dem Psychologen Paul Rozin, der diesen Zusammenhang in Worte gefasst hat:

"Menschen vieler Kulturen und verschiedener Sprachen zeigen ähnliche emotionale Reaktion auf Hundekot und schmierige Politiker."