bedeckt München 29°

Frühgeburten:1000 Gramm Verzweiflung

Schon sieben von hundert Neugeborenen in Deutschland sind Frühchen - Tendenz steigend. Doch viele von ihnen sterben, weil den Kliniken die Erfahrung fehlt.

Das Leben beginnt hässlich für den kleinen Jan. Kaum ist er auf der Welt, da schieben ihm Ärzte schon Schläuche für Sauerstoff und Nahrung in Nase und Mund. Und statt sich an die Brust seiner Mutter zu kuscheln, liegt er in einem abgedunkelten Brutkasten.

NEUGEBORENEN-INTENSIVTHERAPIESTATION

Weil immer mehr Frauen sich erst spät für Kinder entscheiden und es mehr künstliche Befruchtungen gibt, hat sich die Zahl der extremen Frühchen seit den neunziger Jahren stark erhöht.

(Foto: dpa)

Jan ist eines von mehr als 46.000 Babys, die jedes Jahr in Deutschland zu früh auf die Welt kommen. Sieben von hundert Neugeborenen sind hierzulande Frühchen, eins von hundert ist extrem untergewichtig und wiegt - wie Jan - weniger als 1500 Gramm.

Die Tendenz dazu steigt: Weil immer mehr Frauen sich erst spät für Kinder entscheiden und es mehr künstliche Befruchtungen gibt, hat sich die Zahl der extremen Frühchen seit den neunziger Jahren stark erhöht.

Die Krankenhäuser sind darauf schlecht eingestellt, sagen Kritiker. Darum stürben auch Kinder, die überleben könnten. An diesem Donnerstag diskutieren Ärzte, Kassen und Kliniken, wie Frühchen besser betreut werden können.

Jan hatte Glück. Der Junge, der eigentlich anders heißt, kam in der Frauenklinik Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) zur Welt, die jährlich etwa 90 solcher Kinder betreut. In solchen Kliniken ist die Überlebenschance für Frühchen statistisch gesehen höher.

Jan wurde nach 24 Schwangerschaftswochen geboren und damit "an der Grenze zur Lebensfähigkeit", wie es der Leiter der Frühchenstation, Andreas Schulze, ausdrückt.

Das Leben dieser Kinder ist extrem gefährdet. Und selbst von denen, die durchkommen, trägt etwa ein Fünftel Behinderungen davon. So können kleinste Therapiefehler, zum Beispiel bei der Sauerstoffversorgung, zu Sehstörungen führen.

Wie viele Experten fordert Schulze deshalb, dass extreme Frühchen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 Gramm nur noch in großen Spezialkliniken behandelt werden dürfen. Nur solche Häuser könnten garantieren, dass Ärzte und Schwestern genug Erfahrung sammeln.

Selbst seine Abteilung würde mehr langjährig erfahrene Oberärzte benötigen. Das Ziel müssten deshalb noch größere Einheiten sein. Die LMU etwa sollte ihre drei über die Stadt verteilten Intensivstationen für Frühgeborene in einem großen Mutter-Kind-Zentrum zusammenlegen, so Schulze.

Diese Position teilen auch die Krankenkassen. Sie fordern, dass Kliniken, die extreme Frühchen betreuen wollen, jährlich mindestens 30 Frühgeburten mit Kindern unter 1250 Gramm nachweisen müssen. Dadurch würde die Zahl der beteiligten Kliniken auf bundesweit etwa 130 große Häuser sinken.

Gerade das aber wollen Gegner einer solchen Mindestmengenregelung verhindern. Zu ihnen gehört die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die um die Einnahmen der klammen kleineren Häuser fürchtet. Frühgeburten können mit bis zu 130.000 Euro abgerechnet werden.

Im Gemeinsamen Bundesausschuss will der Klinik-Verband deshalb an diesem Donnerstag gegen strengere Regeln stimmen. So könnte es zu einem Patt zwischen Befürwortern und Gegnern kommen. Auch einige Patientenvertreter sind gegen große Zentren für Risikogeburten.

Es sei wichtig, dass Frauen auch in Zukunft ein Krankenhaus in ihrer Nähe hätten, argumentieren sie, und warnen vor risikoreichen Transporten. "Ein Kind fällt nicht plötzlich vorzeitig auf die Welt", sagt dagegen Schulze. In den meisten Fällen kündige sich eine Frühgeburt an. Unterstützt wird er vom Bundesverband der Frühgeborenen, der sogar noch schärfere Regeln fordert.

© SZ vom 17.06.2010/mcs

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite