Folgen des Klimawandels:"Hochzeit von Naivität und Xenophobie"

In den Industrienationen gehen viele Menschen davon aus, dass man sich an den Klimawandel anpassen kann, während die Entwicklungsländer leiden werden. Das ist naiv und kann die Angst vor Klimaflüchtlingen aus Drittweltländern forcieren, warnt Katastrophenforscher Franz Mauelshagen.

Markus C. Schulte von Drach

Die UN-Klimakonferenz in Durban ist nicht völlig gescheitert, aber ein Erfolg war sie auch nicht. Und ein Problem wird im Westen weitgehend unterschätzt, wie Franz Mauelshagen vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) warnt: Die Folgen des Klimawandels auf die komplexen modernen Gesellschaften.

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Franz Mauelshagen: "Australien hat seit Anfang des neuen Jahrtausends jahrelange Dürren und zuletzt schwere Überschwemmungen erlebt. Die Kosten sind enorm."

(Foto: AFP)

sueddeutsche.de: Steigende Meeresspiegel, häufigere Dürren, Stürme und Überschwemmungen - arme Länder werden vom Klimawandel besonders stark getroffen. So heißt es jedenfalls. Ihrer Meinung nach ist das eine verzerrte Darstellung. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Franz Mauelshagen: Armut ist ein wichtiger Indikator für die Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel. Und wenn es um die Folgen der Klimaextreme oder der Katastrophen wie Überschwemmungen und Dürren geht, müssen wohlhabende Länder sicher weniger Angst um Leib und Leben ihrer Bürger haben oder Hungerkrisen befürchten. Aber es ist einseitig, Reichtum und Wohlstand automatisch mit größerer Widerstandsfähigkeit gleichzusetzen. Die reichen Länder haben auch ihre spezifische Verwundbarkeit.

sueddeutsche.de: Sie beziehen sich auf mögliche ökonomische Schäden?

Mauelshagen: Richtig. Und diese sind in den Industrieländern im Katastrophenfall gewaltig, weil die Werte größer sind. In den Drittweltländern sind die absoluten ökonomischen Schäden weitaus geringer, auch wenn sie natürlich relativ zum Bruttosozialprodukt dieser Länder hoch sein können. Aber für globale Systeme wie die Weltwirtschaft sind sie vernachlässigbar.

sueddeutsche.de: In den Verhandlungen, die auf den UN-Klimakonferenzen geführt werden, stehen die Risiken der Drittweltländer stark im Vordergrund. Man sorgt sich um die Menschen dort. Das gilt auch für die Öffentlichkeit westlicher Länder.

Mauelshagen: Das gilt sogar für viele wissenschaftliche Veröffentlichungen. Natürlich muss man sich um die Menschen in den Entwicklungsländern kümmern. Aber ich halte das für eine fragwürdige Einengung der Perspektive. Erstens wird Anpassung an den Klimawandel damit auf ein Thema der Entwicklungspolitik eingeschränkt. Zweitens wäre in wohlhabenden Industrienationen der öffentliche Druck, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, erheblich größer, wenn man sich nicht einem trügerischen Sicherheitsgefühl hingeben würde.

sueddeutsche.de: Welches Sicherheitsgefühl?

Mauelshagen: Sieht man von ein paar Apokalyptikern ab, fühlt sich in Europa oder in den USA bisher kaum jemand direkt durch den Klimawandel bedroht. Die große Mehrheit denkt, wir werden die Anpassung schon schaffen. Gelegentlich ist sogar von Gewinnern des Klimawandels die Rede. Viele Deutsche glauben, die Riviera kommt ins eigene Land und die heimischen Rotweine werden besser. Das ist naiv.

Und die Bedrohungen, deren sich die Deutschen bewusst sind, haben indirekten Charakter. Vor allem gibt es eine verbreitete Angst vor Klimaflüchtlingen - natürlich aus Drittweltländern. Spätestens hier feiert die Naivität mit der Xenophobie Hochzeit. Wenn die globale Reduktion der Treibhausgase scheitert, bleibt nur noch die Verstärkung des Grenzschutzes als Option. Das wäre eine zynische und dumme Art der "Klimaanpassung".

sueddeutsche.de: Was sind das für Risiken, denen nicht nur die Entwicklungsländer ausgesetzt sind?

Mauelshagen: Es gibt gesundheitliche und ökonomische Risiken, Risiken für einzelne Länder und Risiken für global vernetzte Systeme. Und es gibt viele gute Ansätze, um sie darzustellen. Aber es fehlt eine globale vergleichende Perspektive, in der die Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen herausgearbeitet worden wären - und zwar unter Berücksichtigung aller relevanten geographischen, klimatischen und sozialen Faktoren. Wir müssen vor allem die Auswirkungen auf die komplexen modernen Gesellschaften, ihre vernetzten Systeme und ihre Infrastrukturen intensiver untersuchen. Da sind die Sozial- und Geisteswissenschaften gefordert.

sueddeutsche.de: Können Sie die Risiken an einem Beispiel veranschaulichen?

Mauelshagen: Nehmen Sie die Ernährungssicherheit: Für Agrargesellschaften wie Indien sind die Folgen des Klimawandels vergleichsweise leicht abzuschätzen, weil klar ist, wie Klimaschwankungen und landwirtschaftliche Erträge zusammenhängen. In modernen Gesellschaften dagegen hängt die Ernährungssicherheit stärker von globalisierten Nahrungsmittelmärkten ab als von der eigenen Produktion.

Wohlhabende Nationen haben auf diesen Märkten offensichtliche Vorteile. Aber seit den 1990er Jahren steigen die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel in den meisten westlichen Industrienationen. Gleichzeitig wächst die Armut. Außerdem wird die Konkurrenz um die Brotkörbe der Welt immer größer, je mehr der Wohlstand in Indien und China zunimmt. Die privilegierte Stellung der Europäer und Amerikaner in der Nahrungsmittelkette ist keineswegs für immer und ewig gesichert.

sueddeutsche.de: Man muss also mit indirekten Auswirkungen des Klimawandels auf die Nahrungssicherheit auch bei uns rechnen - und das ist uns zu wenig bewusst.

Mauelshagen: Das ist nur ein Beispiel. Wie wichtig es ist, globale Zusammenhänge zu untersuchen, sieht man schon daran, wie stark wir die Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten und die Überschuldung Griechenlands, Italiens, Spaniens und so weiter zu spüren bekommen. Aber auch der Hurrikan an den Küsten des Golfs von Mexiko, der Tsunami und die Nuklearkatastrophe in Japan, die Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen in Australien und alles, was der Klimawandel so aus seiner Pandorabüchse zieht, machen sich bemerkbar. Das bringt der amerikanische Umweltaktivist Bill McKibben in seinem neuen Buch gut auf den Punkt: "Wir haben alles so fest miteinander verbunden, dass Störungen an einem Ort durch das ganze System vibrieren."

"Ein Wahrnehmungsproblem"

sueddeutsche.de: Ist das so neu?

Mauelshagen: Das Problem ist, dass es bisher keine Basis für eine umfassende Einschätzung der Folgen des Klimawandels für Gesellschaften unterschiedlichen Typs gibt. Die Klimafolgenforschung steckt immer noch in den Kinderschuhen. Das belegt auch der zweite Teil des letzten Weltklimarat-Reports, in dem es genau darum geht. Dieser Teil ist wissenschaftlich viel problematischer als der erste Teil, in dem dargestellt wird, dass die Treibhausgasemissionen für den Klimawandel mitverantwortlich sind.

sueddeutsche.de: Wieso sind sich die Menschen in den Industriestaaten so wenig bewusst, dass sich die Folgen des Klimawandels nicht auf die Entwicklungsländer beschränken?

Mauelshagen: Dazu kann ich keine Antwort bieten, die durch empirische Sozialforschung oder Umfragen abgesichert ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass es sich im Kern um ein Wahrnehmungsproblem handelt. Moderne Gesellschaften leben in der Illusion, von ihrer natürlichen Umwelt nicht mehr abhängig zu sein.

sueddeutsche.de: Wie kommt das?

Mauelshagen: Das hat damit zu tun, dass direkte Interaktionen mit der Natur in modernen Arbeitswelten selten geworden sind. Wir verwenden zum Beispiel elektrische Geräte und sehen Steckdosen, aber keine Kohlebergwerke oder Ölfördertürme. Unsere Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt sehen wir nicht mehr, weil sie in unendlich vielen kleinteiligen Prozessen aus unserer Wahrnehmung verschwindet. In Wahrheit ist sie aber stets und überall gegeben.

Einige Industrieländer bekommen das inzwischen ja auch zu spüren. Australien hat seit Anfang des neuen Jahrtausends jahrelange Dürren und zuletzt schwere Überschwemmungen erlebt. Die Kosten sind enorm. Einige Gebiete mussten evakuiert werden. In gewissem Umfang stehen sogar Umsiedlungen auf der Agenda. Allerdings spricht niemand von "Klimaflüchtlingen" oder "Klimamigranten", wenn solche Ereignisse in Industrienationen stattfinden.

sueddeutsche.de: Das gilt auch für die Amerikaner, die 2005 vor Hurrikan Katrina geflohen sind.

Mauelshagen: Die lehnen diese Bezeichnung sogar selbst ab. Dabei sind die Folgen keineswegs kurzfristig. Viele Menschen sind nie in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt. New Orleans hat mit einem dauerhaften Bevölkerungsverlust und einem reduzierten Steueraufkommen zu kämpfen. Das wiederum wirkt sich auf den Wiederaufbau der zerstörten Infrastrukturen und die Deiche aus, die die Stadt in Zukunft besser schützen sollen. Schon ein Hurrikan der Stärke drei - Katrina hatte die Stärke vier - kann heute den Wiederaufbau zunichtemachen. Wie viele Totalzerstörungen überlebt eine Stadt in prekärer Lage, deren Situation langfristig durch steigende Meeresspiegel und fortschreitende Erosion der Küstengebiete erschwert wird?

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