Spracherwerb:Fledermäuse lernen Sprache wie Kleinkinder

Dossier: Spracherwerb: Fledermaus-Jungtiere babbeln wie Babys

Plappern üben für die spätere Balz: ein Jungtier der Großen Sackflügelfledermaus bei den ersten Sprechversuchen

(Foto: Michael Stifter; Michael Stifter & Ahana Fernandez/Michael Stifter)

Junge Sackflügelfledermäuse wiederholen Laute ähnlich wie Babys, berichten Biologen. Ihre Studie könnte helfen, die Ursprünge der menschlichen Sprache zu entschlüsseln.

Von Anja Garms (dpa)

Einige Fledermaus-Jungtiere brabbeln ähnlich wie kleine Menschenkinder beim Sprechenlernen. Sie wiederholen zum Beispiel immer die gleichen Laute und bilden diese rhythmisch - so wie Babys etwa wiederholt "dadada" oder "mamama" sagen. Das berichten Forschende aus Berlin nach akustischen Untersuchungen bei Jungtieren der Großen Sackflügelfledermaus im Fachmagazin Science. Ihre Studie könne dazu beitragen, auch den Ursprung der menschlichen Sprache genauer zu untersuchen.

Menschenkinder beginnen etwa im Alter von sechs Monaten zu babbeln, also wiederholt einzelne Laute zu erzeugen. Auf diese Weise erlangen sie Kontrolle über ihren Stimmapparat, etwa über die Bewegungen von Zunge, Lippen und Kiefer. Die Phase weist unabhängig von kultureller Herkunft und Muttersprache des Babys gemeinsame Merkmale auf und gilt als Meilenstein in der Sprachentwicklung von Kindern.

Nur von wenigen anderen Säugetieren ist bekannt, dass sie eine ähnliche Phase der Sprachentwicklung durchlaufen. Eines davon ist die Große Sackflügelfledermaus (Saccopteryx bilineata), die ein reiches Repertoire an Rufen besitzt. Zu den wohl auffälligsten Lauten gehört der Balzgesang der Männchen, dessen Töne zum Teil auch im menschlich hörbaren Bereich liegen. Obwohl die Laute der Fledermaus-Jungtiere bereits als menschenähnliches Plappern beschrieben wurden, stand eine detaillierte Untersuchung bisher aus.

Die einzelnen Sprachsequenzen können fast eine Dreiviertelstunde dauern

Die liefert nun das Team um Ahana Fernandez vom Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin. Die Forscher hatten die Sprachentwicklung während der entscheidenden drei Monate bei insgesamt 20 Jungtieren in ihrem natürlichen Lebensraum in Panama und Costa Rica studiert.

Sie zeichneten die Silben und Lautsequenzen auf und suchten nach grundlegenden Merkmalen des Lauterwerbs. "Das Babbeln der Jungtiere ist ein sehr auffälliges Übungsverhalten, es ist noch in beträchtlicher Entfernung zum Tagesquartiers zu hören und die einzelnen Babbelsequenzen können bis zu 43 Minuten andauern", erläutert Mitautorin Martina Nagy in einer Mitteilung des Museums für Naturkunde.

Die Fledermaus-Jungen beginnen demnach etwa im Alter von drei Wochen zu brabbeln. Die Phase ist durch acht Merkmale gekennzeichnet, die auch das menschliche Brabbeln charakterisieren - etwa die Wiederholung einzelner Silben und die rhythmische Zusammensetzung der Silben. "Es ist faszinierend, so deutliche Parallelen zwischen dem stimmlichen Übungsverhalten zweier vokal lernender Säugetiere zu finden", sagt Co-Autorin Mirjam Knörnschild.

Oft vokalisierten die Jungtiere im Beisein ihrer Mütter, ein sozialer Kontext sei aber nicht unbedingt notwendig, berichten die Wissenschaftlerinnen weiter. Obwohl später im Erwachsenenleben nur die Männchen Balzlieder singen, quasselten auch die weiblichen Jungtiere. Vermutlich helfe ihnen das, bei der späteren Balz die Gesänge der Männchen zu bewerten.

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