Evolution Auf welche Konzepte setzt die Evolution?

Solche Glücksfälle sind selten, meist sind nur Knochen erhalten und nicht Weichteile oder Haarspitzen aus dem Fell wie bei Ida. In der Regel müssen die Paläontologen mühsam jedes Detail sammeln - um dann umso hitziger mit Kollegen über die korrekte Einordnung eines Fossils in den Stammbaum diskutieren zu können. "Wir sind im Eozän weit davon entfernt, einen stabilen Stammbaum zu haben", sagt der Anthropologe Thomas Geissmann von der Universität Zürich. Im aktuellen Nature weisen die Forscher darauf hin, dass Archicebus zwar auf der Linie der Trockennasenaffen liege, aber doch auch ein paar Eigenschaften wie die affenähnlichen Füße aufweise, die eigentlich den höheren Primaten zugerechnet werden.

Das ist der Kern der intensiven Diskussionen um die evolutionären Beziehungen zwischen höheren Primaten und ihren Verwandten. Bei Archicebus setzen die Forscher auf eine möglichst umfangreiche Erfassung der anatomischen Merkmale. "Um die verschiedenen Hypothesen zu testen und die phylogenetische Position des neuen Primaten festzulegen, haben wir eine umfangreiche Datenbank von mehr als 1000 anatomischen Merkmalen von 157 Säugetieren entwickelt", sagt Jin Meng, einer der an der neuen Studie beteiligten Forscher vom American Museum of Natural History.

Beeindruckende Zahlen zunächst. Doch Einteilungen in Stammbäume wirken bisweilen auch beliebig und schwer nachzuvollziehen. "Es gibt Hunderte anatomische Merkmale in einem Skelett, die man computergestützt erfassen und statistisch vergleichen kann", sagt Jens Franzen. "Daraus lassen sich zahllose Stammbäume generieren, aus denen man letztlich einen auswählen muss, meist wählen die Kollegen den einfachsten. Ich halte diese statistischen Methoden für nicht sehr sinnvoll, viel wichtiger sind doch die biologischen Funktionen."

Damit verweist der Paläontologe auf eine grundsätzlichere Frage: Auf welche Konzepte setzt die Evolution? Warum entwickelt ein Tier ein bestimmtes Merkmal? "Zu Beginn des Eozäns fanden die grundsätzlichen Weichenstellungen statt. Bei der Entwicklung hin zu den Feuchtnasenaffen hat der Geruchssinn eine große Rolle gespielt, hier war die feuchte Nasenspitze wichtig", sagt Franzen. "Bei den höheren Primaten stand der Gesichtssinn im Vordergrund."

Man müsse sich also, so Franzen, die jeweiligen Merkmale genau auf ihre Funktion hin anschauen. "Das fehlt mir in der Veröffentlichung. Ich finde es auch sehr schade, dass Darwinius aus der Grube Messel mit keinem Wort erwähnt wird. Ein Vergleich wäre doch sehr spannend, wenn man schon ganze Skelette zur Verfügung hat." Vielleicht hätte man so noch mehr darüber erfahren können, was in diesen tropischen Regenwäldern vor 55 Millionen Jahren passiert ist.