Evolution 30 Gramm leicht, tagaktiv

Bislang gab es aus dieser Zeit fast nur einzelne Zähne oder Kieferfragmente und als große Ausnahmen 47 Millionen Jahre alte Skelette namens Darwinius und Europolemur aus einem mittlerweile ausgestorbenen Seitenzweig im Stammbaum. Franzen und Kollegen haben ihre Ergebnisse zu Darwinius aus der Grube Messel in Hessen vor drei Jahren unter großer öffentlicher Anteilnahme veröffentlicht.

Den neuen Fund, eine bisher unbekannte Gattung und Art, nennen die Paläontologen Archicebus achilles, nach dem griechischen arche (Beginn oder erstmalig) und dem lateinischen cebus (Meerkatze). "Der Artenname achilles (nach dem Krieger der griechischen Mythologie) betont die ungewöhnliche Knöchelanatomie", so steht es zumindest in der Pressemitteilung der Forscher.

Entdeckt haben die Paläontologen das Fossil in versteinerten Ablagerungen eines längst ausgetrockneten Sees. Wie viele Fossilien aus Sedimentgestein tauchte das Skelett von Archicebus auf, als die Forscher eine dünne Steinplatte aus dem Sediment in zwei Teile spalteten. Beide Teile enthalten jeweils Stücke des tatsächlichen Skeletts wie auch Knochenabdrücke der anderen Hälfte.

Mehr als zehn Jahre lang untersuchten weltweit sechs Forschungsgruppen das Fossil, unter anderem an der Europäischen Synchrotronstrahlungsquelle ESRF im französischen Grenoble mit hochauflösenden Röntgengeräten. "Bei paläontologischen Proben sind wir immer an der inneren Anatomie interessiert", sagt Paul Tafforeau von der ESRF. Normalerweise kann man die Struktur eines Skeletts nur von außen beschreiben. Das Synchotron-Gerät kann Objekte bis zur Größe eines menschlichen Schädels am Stück untersuchen, mit einer enorm hohen Auflösung von bis zu einem Tausendstel Millimeter.

Die Röntgenstrahlen durchdrangen das winzige, zerbrechliche Skelett von Archicebus und zeichneten ein dreidimensionales Bild, ohne die Knochen zu zerstören. Damit lassen sich die verschiedenen Merkmale exakt studieren. Die Methode hat auch den Vorteil, dass man anschließend digital beide Hälften aus den dünnen Gesteinsschichten am Computer wiedervereinen kann.

Aus den vermessenen Details rekonstruieren die Forscher auch das Verhalten der Tiere. Zum Vergleich erfassen Forscher mit statistischen Methoden, wie Körperbau und Verhalten heute noch lebender Tiere korrespondieren. Das Verhältnis von Augenhöhlengröße und Schädelbasis hat sich beispielsweise als guter Maßstab dafür erwiesen, ob ein Tier tag- oder nachtaktiv ist. Bei Archicebus ergab sich eine eindeutige Aktivität am Tag.

Das Kauflächenmuster und die Form der Zähne wiederum zeigten, dass sich Archicebus von Insekten ernährt hat. Mit hochauflösenden Verfahren ist es je nach Erhaltungsgrad der Fossilien manchmal sogar möglich, direkt anhand der Abkauungsspuren auf die Nahrung rückzuschließen. "Darwinius ist so perfekt erhalten, dass wir sogar den Magen-Darminhalt analysieren konnten", sagt Jens Franzen. Das "Ida" getaufte Wesen fraß Blätter und Früchte.