Esoterische Empfehlungen Amt auf Abwegen

Wenn es um das Wohlbefinden im Büro geht, werden die Experten im Bundesamt für Arbeitsschutz neuerdings esoterisch. Mit Hilfe von Feng-Shui will die Behörde Energie fließen lassen.

Von Markus C. Schulte von Drach

"Ungünstig für das Chi sind scharfe Kanten oder spitze Gegenstände, die keinesfalls auf schlafende oder arbeitende Menschen zeigen sollten, da sie wie Messer den Energiefluss abschneiden."

(Foto: Foto: ddp/DAK)

Wer denkt, dieser Satz stamme aus einem esoterischen Buch für Anhänger von Wünschelruten oder Heilsteinen, irrt sich gewaltig. Tatsächlich geht diese Warnung auf das Bundesamt für Arbeitsschutz zurück.

Es sieht so aus, als ob Behauptungen einfach nur häufig genug wiederholt werden müssen, damit sie akzeptiert werden. Und manchmal schafft es dann selbst der größte Humbug bis in die Publikationen der Ämter und Behörden.

Ein peinliches Beispiel dafür ist das Kapitel "Die Energie fließen lassen! Feng-Shui im Büro", enthalten in der Broschüre "Wohlbefinden im Büro" des Amtes, das dem Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zugeordnet ist.

Feng-Shui, so wird man dort aufgeklärt, befasst sich mit den "Gesetzmäßigkeiten des Fließens von Energie". Dabei handelt es sich allerdings nicht um jene Energie, mit der sich Physiker und Stromerzeuger beschäftigen, sondern "gemeint ist jene universelle Kraft, die die Welt bewegt."

Nach Auskunft der Behörde handelt es sich bei dieser Energie historischen Quellen zufolge um eine Substanz, aus der der gesamte Kosmos besteht, die auch im Menschen fließt und die sogar unsere seelische und geistige Entwicklung lenkt.

Und bekannt ist diese Energie schon seit mehreren tausend Jahren den Chinesen als Chi, den Japanern als Ki und in Indien als Prana. Irgendwie müssen die Atom-, Kern- und sonstigen Physiker da offenbar etwas Wichtiges verpasst haben.

Wie jedenfalls die "Experten" des Amts erklären, kann die Anordnung von Räumen und Möbeln "dazu beitragen, dass jeder Teil der Wohnung oder des Büros gleichmäßig mit Chi versorgt wird". Und das soll der reinen Lehre zufolge zu Gesundheit, Wohlbefinden und Erfolg führen.

Skeptikern begegnen die Autoren der Broschüre mit dem Hinweis auf die schließlich auch von der Schulmedizin akzeptierte Heilmethode der Akupunktur. Während der Akupunkteur Nadeln nutzt, um den Energiefluss im Körper zu beeinflussen, verrückt der Feng-Shui-Fachmann Möbel und Gegenstände, um das Chi in der Umgebung sinnvoll zu leiten.

Tatsächlich gehört Feng-Shui, was soviel bedeutet wie "Wind und Wasser", zur chinesischen Naturphilosophie. Beschreibungen der Lehre existieren mindestens seit dem Jahre 960. In der ursprünglichen Form gibt sie Hinweise über die richtige Orientierung eines Gebäudes oder einer Grabstätte und den Zeitpunkt der Errichtung. Insbesondere Faktoren wie die Himmelsrichtungen spielen dabei eine Rolle.

Wie aber verhält es sich mit der Möbelrückerei, die im Westen unter dem Begriff Feng-Shui firmiert? Und gar mit den Ratschlägen zur Anordnung des Büro-Inventars?

Kriterien eines Immobilienmaklers

Selbst Skeptikern müsste etwa die Feng-Shui-Analyse zum Gebäudestandort einsichtig sein, erklären die "Fachleute" vom Bundesamt für Arbeitsschutz in ihrer Broschüre. Schließlich legt diese Kriterien zugrunde, die in etwa dem entsprächen, was auch ein Immobilienmakler als gute Lage bezeichnen würde: Ein möglichst ungestörter Blick, am besten Richtung Süden und auf ein Gewässer. Im Rücken sind Hügel oder Bäume zu empfehlen.

Aber weil sich ja nicht jeder aussuchen kann, wo er arbeitet oder wohnt, haben die Feng-Shui-Anhänger im Bundesamt einen Trost: "Oft reichen ein paar kleine Veränderungen in den Innenräumen aus, um die Lebensenergie Chi so zu lenken, dass Orte der Kraft beziehungsweise Orte der Ruhe entstehen."

Es droht persönliche Stagnation

So sollte etwa der Eingangsbereich eines Raumes nicht beengt sein, sonst gelangt das Chi gar nicht erst ins Büro hinein. Und dann droht persönliche Stagnation. Auch "Ballast, Gerümpel, Schmutzecken, nicht funktionierende Dinge und so weiter sind Energiefresser und wirken sich negativ auf das Chi aus". Selbst Arbeiten unter Dachschrägen und Balken sollte gemieden werden.

Auch ist es nach der Feng-Shui-Lehre angeblich wichtig, worauf man schaut, wenn man vom Arbeitsplatz aufblickt. Schließlich entspreche das Gegenüber im übertragenen Sinne der eigenen Zukunft. Statt Kaffeetasse und Aschenbecher sollte man lieber ein Bild oder eine Pflanze positionieren.

Und wer noch nicht davon überzeugt ist, dass Feng-Shui eine ernstzunehmende Sache ist, dem bieten die Arbeitsschützer noch ein wirklich überzeugendes Argument. Die "alten Chinesen", so schreiben sie in ihrer Broschüre, "schlagen als idealen Standort für den Schreibtisch die diagonal entfernteste Ecke von der Tür vor."

Mal abgesehen davon, dass die "alten Chinesen" wenig über den Standort von Büroschreibtischen gesagt haben - die "Experten" des Bundesamtes widersprechen hier selbst dem Argument, dass für das Wohlbefinden irgendeine Energie freie Bahn durch die Räume haben muss.

Wie psychologische Studien ihres Wissens zufolge ja immer wieder festgestellt haben, hat man mit dem Rücken zur Wand und mit Sicht auf Raum und Tür "den besten Überblick, sieht mögliche Gefahren frühzeitig und von hinten kann dank Wand nichts passieren. "Allerdings sollte man den Schreibtisch nicht zu nahe an die Wand rücken, da sonst "die Persönlichkeit verkümmert".

Man muss sich schon fragen, was die Leute im Bundesamt für Arbeitsschutz geritten haben mag, dass sie in ihrer ansonsten durchaus empfehlenswerten Broschüre ausgerechnet für Feng-Shui Reklame machen. Denn wenn man sich ein bisschen informiert, stellt man schnell fest, womit man es zu tun hat.

Schon in den historischen Quellen, auf die sich die Anhänger dieser Lehre gerne berufen, widersprechen sich die alten Meister ständig. So wurde zum Beispiel die optimale Ausrichtung eines Gebäudes im Verhältnis zu den Himmelsrichtungen auf verschiedene Weise und mit unterschiedlichem Ergebnis festgestellt. Und die Ratschläge, wie man mit gutem und schlechtem Chi umgeht, ist von Region zu Region anders.

Es stellt sich also bereits beim klassischen Feng-Shui die Frage, welcher Lehre man eigentlich folgen möchte. Und zu der westlichen Möbelrückerei und Mobile-Installation lässt sich bei den alten Meistern nichts finden, sagt zum Beispiel Achim Bosslet, ein Sinologe, der über die historische Feng-Shui-Literatur promoviert hat.

Sämtliche Empfehlungen der Broschüre, wie sich das Wohlbefinden und der Arbeitsschutz im Büro verbessern lassen, können übrigens auch ohne Feng-Shui und Chi erklärt werden - wenn eine Erklärung überhaupt notwendig ist. Dazu reichen die Erkenntnisse der Psychologen und Verhaltensbiologen.

Hier noch ein Hinweis für jene in der Behörde, die noch immer glauben, Akupunktur sei wirksam, weil Nadeln in den Körpermeridianen Einfluss auf die Chi-Energie nehmen: Akupunktur kann tatsächlich bei manchen Leiden helfen - allerdings hat sich gezeigt, dass es nicht darauf ankommt, wo genadelt wird.

Man muss ja nicht alles verstehen. Aber man sollte auch nicht versuchen, alles mit Hilfe asiatischer oder indischer Überlieferungen zu erklären. Schon gar nicht, wenn man keine Ahnung hat, was die eigentlich sagen.