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Iter:Kernfusion soll viel später zünden als geplant

Iter 2013

Baugrube mit ungewisser Zukunft: Bereits 11 Milliarden Euro haben die beteiligten Staaten dem Fusionsexperiment Iter zugesagt.

(Foto: MatthieuCOLIN.com / Iter Organization)

Eigentlich sollte der Fusionsreaktor Iter dieses Jahr fertig werden. Doch ein Bericht stellt jetzt auch das Datum 2025 in Frage - bei steigenden Kosten. Manche Experten sagen: "Das ist alles Fiktion."

Eigentlich sollte sie nur bestätigen, dass der internationale, in Bau befindliche Fusionsreaktor Iter nun endlich einen verlässlichen Zeit- und Kostenplan hat. Stattdessen schreibt die unabhängige Überprüfungskommission in ihrem Bericht, dass sich die Inbetriebnahme nochmals verschieben könnte. Der aktuell angepeilte Termin im Jahr 2025 sei der frühestmögliche. Der Bericht unterstreicht außerdem die Herausforderungen durch die steigenden Kosten von Iter. Um den Starttermin zu halten, hat das Management des Projekts um weitere 4,6 Milliarden Euro gebeten, die es wahrscheinlich nicht bekommt. Deshalb werde sich das Erreichen von Iters eigentlichem Ziel, eine Plasma-Reaktion aus Deuterium und Tritium, die sich großteils selbst am Leben hält, weiter verschieben, mindestens bis 2035.

Die Iter-Verantwortlichen sehen in dem Bericht die Bestätigung, dass das Projekt endlich auf dem richtigen Weg ist. "Wir haben jetzt eine plausible Schätzung für den Zeit- und Kostenrahmen, der die finanziellen Möglichkeiten der Mitgliedsstaaten berücksichtigt", sagt Generaldirektor Bernard Bigot. Andere sehen allerdings übertriebenen Optimismus. "Das ist alles Fiktion", sagt ein Experte, der anonym bleiben möchte. Es gebe zahlreiche Annahmen, die nicht eintreffen werden.

2016 war ursprünglich der Start geplant. Eigentlich ist bisher nicht einmal die Planung fertig

Der in den 1980ern ersonnene Iter-Reaktor soll zeigen, dass Energiegewinnung aus Kernfusion möglich ist. Er soll ein brennendes Plasma schaffen, das in einem starken Magnetfeld eingefangen ist. Die Baustelle im französischen Cadarache nimmt langsam Gestalt an. Arbeiter errichten die riesigen Gebäude und installieren die ersten Komponenten der Anlage.

Iter hatte von Anfang an mit Verzögerungen und Kostensteigerungen zu kämpfen. Die Projektpartner China, EU, Indien, Japan, Russland, Südkorea und die USA hatten die Vereinbarung für den Bau im Jahr 2006 unterschrieben. Damals war eine Fertigstellung bis 2016 geplant, für etwa elf Milliarden US-Dollar. Die tatsächlichen Kosten lassen sich nur schwer berechnen, da die Mitgliedsstaaten meistens kein Geld beisteuern, sondern Teile für den Reaktor liefern. Die wirklichen Ausgaben könnten dreimal so hoch liegen.

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Iters Nöte rühren vor allem von zwei Quellen, sagen Fachleute. Erstens sei die Planung längst nicht abgeschlossen gewesen, als die Vereinbarung unterschrieben wurde. Eigentlich sei sie es immer noch nicht. Zweitens sehe der Vertrag eine schwache zentrale Leitung mit wenig Macht vor. Diese Mängel wurden bereits 2014 in einem Untersuchungsbericht offengelegt. Dessen Autoren forderten unter anderem die Ernennung eines neuen Generaldirektors und einen realistischen Bauplan samt Kostenschätzung. Den stellte die Iter-Führung vergangenen November den Vertretern der Mitgliedstaaten vor. Diese verlangten daraufhin die nun abgeschlossene unabhängige Überprüfung. Die 14-köpfige Kommission lobt darin Generaldirektor Bigot. Er habe das Management stark verbessert. Diese Veränderungen hätten "eine höhere Motivation und deutliche Fortschritte" gebracht. Doch dem neuen Zeitplan fehle eine verlässliche Grundlage. "Das ist ein erfolgsorientiertes Programm ohne Notfallplan", so der Bericht. Es bleibe unklar, wann Iter starten könnte.

"So weit weg, dass es eher eine Ahnung darstellt"

Damit der Plan aufgeht, müssen die Mitgliedstaaten bis 2025 weitere 4,6 Milliarden Euro nachschießen. Dieses Geld würde es ermöglichen, wesentlich mehr Ingenieure, Techniker und Facharbeiter einzustellen und eine Reservekasse für Zwischenfälle anzulegen. Auf seinem jüngsten Treffen im November 2015 machte der Iter-Rat deutlich, dass das Geld nicht fließen werde. Insbesondere haben Vertreter der EU, die 45 Prozent der Kosten trägt, mitgeteilt, dass das EU-Parlament die Ausgaben für Iter bis 2020 festgelegt habe und man diese nicht erhöhen könne.

Das angepeilte Datum für ein brennendes Plasma sei "so weit weg, dass es eher eine Ahnung darstellt", sagt Stephen Dean, Präsident einer amerikanischen Stiftung für Kernfusion. Es könnte schwierig sein, sich auf einen Zeitplan zu einigen, warnt er, weil die Mitglieder verschiedene Prioritäten verfolgen. Während sich die EU um die Kosten sorgt, wollen Japaner und Südkoreaner vor allem den Zeitplan einhalten. Sie planen bereits die Nachfolger von Iter: Versuchskraftwerke, die tatsächlich Strom herstellen. Um solche bis 2050 zu bauen, brauchen sie so bald wie möglich Daten von Iter.

Dieser Artikel ist im Original im Wissenschaftsmagazin "Science" erschienenen, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.aaas.org, www.sciencemag.org. Deutsche Bearbeitung: endt

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