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USA:Energiewende von unten

Operations At The Ivanpah Solar Electric Generating System

Solarparks wie dieses in Nevada sind bislang in den USA die Ausnahme. Solarenergie deckt bislang nur ein Prozent des nationalen Bedarfs.

(Foto: Jacob Kepler/Bloomberg)

Viele Jahre nach Deutschland hat die Energiedemokratie-Bewegung die USA erreicht. Während sie hier erlahmt, gewinnt sie drüben an Fahrt - gegen enorme Widerstände.

Von Petra Krumme

Süßgras. Wenn es ein Symbol für die Idee der Energiedemokratie gäbe, wäre es wohl diese: sanft und stark, Ausdruck des Respekts für das Gegenüber. Bevor Tiffany Pyette in ein Gespräch oder einen Vortrag geht, flicht sie Süßgras, es tut gut und erdet. Denn wenn sie in Kontakt tritt, ist es meistens Opposition.

London, Kentucky: Die Indigene Pyette gehört zur Graswurzelbewegung Kentuckians for the Commonwealth (KFTC), die für soziale und ökologische Verbesserungen kämpft. Kentucky ist eine der größten Kohleregionen der USA. Wenn eine Familie aus Kentucky in einem benachbarten Bundesstaat war, um die Großmutter zu besuchen, erzählen die Enkel nachher, sie hätten Windräder gesehen. Könne es sein, dass erneuerbare Energien wirklich irgendwo eine Zukunft haben? In Kentucky - undenkbar. Kohle bestimmt seit Jahrzehnten Kultur und Selbstbewusstsein der Menschen.

Vor diesem Hintergrund will KFTC zeigen, wie es auch ohne Kohle geht. Ein Beispiel: das "on bill financing". Damit können die Kosten für eine Solarinstallation über Jahre hinweg durch die Stromrechnung abgetragen werden, bis sie ins Eigentum übergeht. Dadurch können sich etwa Lebensmittelläden einen energiesparenden Kühlschrank leisten, sparen Tausende Dollar und können Angestellte weiterbeschäftigen.

Steuervergünstigungen für Solarstrom hat die Regierung Donald Trumps wieder gestrichen

Laut einer Umfrage des Meinungsinstituts Pew Research Center finden 77 Prozent der Amerikaner, man solle neuen Energieformen gegenüber fossilen Quellen den Vorzug geben. Klimastreiks von Jugendlichen, das von US-Demokraten eingebrachte Konzept des "Green New Deal", Jahrhundertstürme, ansteigende Meeresspiegel - die Energiefrage ist im amerikanischen Mainstream angekommen. Ein krasser Kontrast zu den offiziellen Zahlen: Demnach liegt der Anteil Erneuerbarer am Primärenergieverbrauch bei etwa 11,5 Prozent - Solar nur bei einem Prozent.

Der Energiesektor wird in den USA hauptsächlich auf Ebene der Bundesstaaten geregelt. Staatliche Kommissionen sind für die Kontrolle der Energieunternehmen zuständig, doch vielerorts herrscht eine Drehtürpraxis: Gesetze stammen oft von eben jenen Experten, die zuvor noch in den Konzernen tätig waren. In mehr als 30 der 50 Bundesstaaten sind die Versorger Monopole - dort haben die Bürger keine Wahl, woher sie den Strom beziehen.

Erst seit jüngerer Zeit gibt es in einigen Bundesstaaten Alternativen für Verbraucher, meist mit einem Preisaufschlag. Hier werden vom Stromverkäufer in der Regel aber nur bestimmte Zertifikate grün erzeugten Stroms am Strommarkt erworben. Das Geld der Kunden setzt so keine Anreize für neue Energieprojekte. Und "grün" wird weit gefasst, es kann auch aus Müllverbrennungsanlagen gewonnener Strom sein. "Die sogenannten grünen Optionen blockieren sogar eher den Wandel", befürchtet John Farrell von der Non-Profit-Organisation Institute for Local Self-Reliance in Minneapolis. "Saubere Energie sollte nicht teurer, sondern günstiger sein und lokal erzeugt werden."

"Das Coronavirus ist die Generalprobe für die Klimakrise"

Während die Trump-Administration vieles tut, um fossile Energien zu stärken und erneuerbare auszubremsen - so wurde Anfang des Jahres die staatliche 30-prozentige Steuergutschrift für Solaranlagen nicht verlängert -, fördern einige Bundesstaaten wie Massachusetts, New York, Illinois oder Kalifornien regenerative Energien. Neue Formen der Bürgerbeteiligung entstehen: Abonnentenmodelle, bei denen sich Bürger an Energieprojekten beteiligen können und eine Dividende erhalten; die Möglichkeit, dass Hauseigentümer ihre eigene Solaranlage installieren und ins Stromnetz einspeisen. Oder Energiekooperativen, in denen die Beteiligten Einfluss auf Entscheidungen haben, zum Beispiel darüber, wo und was gebaut wird, ob die Beschäftigten vor Ort rekrutiert und gut entlohnt werden.

Brooklyn, New York. "Das Coronavirus ist die Generalprobe für die Klimakrise", sagt Elizabeth Yeampierre, die mit Sorge auf das zusammenbrechende Versorgungssystem schaut, "wir planen seit Jahren für das, was sich hier gerade abspielt." Sie ist Geschäftsführerin der Graswurzelbewegung Uprose: Mit Sunset Park Solar geht diesen Sommer die erste kommunale Solargenossenschaft in New York an den Start. "Eine der großen Herausforderungen war, dass die Menschen uns vertrauen", erzählt Yeampierre, "und dass sie sich dafür entscheiden, bei der Solargenossenschaft mitzumachen. Sie haben ihr Leben lang die Erfahrung gemacht, dass ihr Unwissen ausgenutzt und sie von den Versorgungsunternehmen ausgebeutet werden."

200 Mieter, Hauseigentümer und kleine Unternehmen nehmen teil, sie können Strom von einem Solardach-Areal beziehen, wodurch sich ihre Stromrechnung um 15 bis 20 Prozent reduziert. Diese wird weiter vom lokalen Versorger kommen - möglich macht das ein New Yorker Gesetz, nach dem von Bürgern erzeugter und ins Netz eingespeister Strom kompensiert werden muss. Seit 1966 kämpft Uprose für mehr Nachhaltigkeit in Brooklyn. Die Idee für eine eigenständigere Stromversorgung entstand nach dem Sturm Sandy, der 2012 die Stromversorgung unterbrach. Das traf viele Menschen, die sowieso unter prekären Bedingungen leben. "Diese Ideen, die wir hier und überall in den USA entwickeln und aus denen auch die Solarkooperative entstand, kommen oft aus marginalisierten Communitys", erklärt Yeampierre, selbst Puertoricanerin, "und basieren auf indigenen und afrikanischen Traditionen."

Unter dem Begriff "energy democracy" fanden die Ideen sogar Eingang in die Programme einiger demokratischer Präsidentschaftsbewerber, der voraussichtliche Kandidat Joe Biden will viel Geld in erneuerbare Energien stecken. Druck erzeugen auch die mehr als 100 Städte, die sich dem Ziel 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 oder früher verschrieben haben. Für die deutsche Energiewende herrscht in den USA große Bewunderung. Zwischen 2000 und 2010 entstanden unter dem Schlagwort "Bürgerenergie" zahlreiche deutsche Energiegenossenschaften. "Die alten Stromkonzerne haben mittlerweile begriffen, dass die erneuerbaren Energien nicht länger aufzuhalten sind", erklärt der Politikwissenschaftler Arne Jungjohann, ein Experte für die deutsche Energiewende, "jetzt wollen sie zumindest sicherstellen, dass das Geschäft in ihren Händen bleibt. Bürgerinnen und Bürger drohen dabei außen vor zu bleiben."

Freie Wahl beim Stromanbieter: eine kleine Revolution

Richmond, Kalifornien. "Zukünftige Klimakrise?", fragt Miya Yoshitani vom Asian Pacific Environmental Network (APEN), ihre Stimme klingt belegt. "Die Klimakrise ist hier angekommen." In Kalifornien brannten 2018 und 2019 Zehntausende Hektar Land. In Richmond am Westufer der Bucht von San Francisco leben viele Immigranten aus Laos, die seit Jahrzehnten unter prekären Wohn-, Arbeits- und Bildungsbedingungen leiden. In Richmond stehen mehr als 350 toxische Anlagen, darunter die Ölraffinerie von Chevron, eine der größten Treibhausgasschleudern in Nordamerika. Vor 27 Jahren begann APEN, für Verbesserungen zu kämpfen. Auf Druck von APEN und anderen Organisationen hat Richmond mittlerweile ein Community-Choice-Programm: die Möglichkeit, außer vom Strommonopolisten PG&E den Strom woanders zu beziehen - eine Revolution.

Von sechs solcher Programme 2017 ist die Zahl in Kalifornien heute auf 19 gestiegen, gegen massiven Widerstand der Versorger und der Energiekommission. Die Umsätze des Konzerns PG&E aus San Francisco, des größten Energieversorgers der USA, sind um mehr als die Hälfte geschrumpft. PG&E hatte durch marodegesparte Stromnetze die Feuer 2018 vermutlich mitverursacht, bei denen 85 Menschen ums Leben kamen. Während der Brände kappte der Konzern Tausenden "aus Sicherheitsgründen" die Elektrizität. PG&E meldete 2019 Insolvenz an.

"An PG&E sieht man, dass ein Goliath auch unter seinem Gewicht zusammenbrechen kann", sagt Denise Fairchild von der Emerald Cities Collaborative, die sich für nachhaltige und faire Wirtschaftsformen einsetzt. Sie brachte 2017 das Buch "Energy Democracy" heraus, das landesweite Initiativen vorstellt. Daraus hervorgegangen ist inzwischen ein Verbund von 36 Gruppen in den USA. Immer mehr kommen hinzu, nicht zuletzt inspiriert von dem, was in Kalifornien passiert. "Dass demokratische, lokale Lösungen von indigenen Communitys kommen, ist kein Wunder", sagt Crystal Huang, die das Projekt leitet. Die Energiedemokratie-Bewegung nehme viele Anleihen von deren Denken: dass die Natur, die Energiequellen, auch Sonne und Wind, Allgemeingut seien, das nicht monetarisiert werden sollte.

Auch Tiffany Pyette aus Kentucky wünscht sich ein Solardach, selbst wenn sie es sich wie viele andere derzeit nicht leisten kann. "Viele indigene Völker wurden vertrieben, aber sie haben sich trotzdem weiter ums Land gekümmert. Der indigene Blickwinkel ist: Wir sind alle verwandt, und was man dem Land antut, tut man den Menschen an."

In Kentucky wurde vor Kurzem die einzige regulatorische Verbesserung, ins Netz eingespeisten Solarstrom zu vergüten, wieder zurückgenommen.

© SZ
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