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Emotionen:Heult ruhig!

Waldbrände im Amazonas

Der Verlust geschätzter Spezies, Ökosysteme und Landschaften kann tiefe Trauer auslösen.

(Foto: Xinhua/dpa)

Ein Wissenschaftsmagazin fordert mehr psychologische Unterstützung für verzweifelte Klima- und Umweltforscher. Das ist unbedingt ernst zu nehmen.

Mag sein, dass es sie tatsächlich gibt, die, nun ja, kalten Glaziologen, die es gar nicht stört, wenn ihr Forschungsobjekt schmilzt, im Gegenteil: Was sich da nicht alles tut im gestörten Ökosystem! Tieren und Pflanzen wandern, Wasserkreisläufe und Mikroklima ändern sich. So ein Gletscher im Wandel ist wissenschaftlich viel interessanter als ewiges Eis, das so vor sich hinruht. Das ist wie bei den Linguisten an den Universitäten, die eher mit Interesse als Bestürzung den Sprachwandel beobachten und genervt reagieren, wenn Zusammenrottungen organisierter Deutschlehrer den Duden mit der Bibel verwechseln.

Und doch ist es wahrscheinlich für die meisten Wissenschaftler ein Unterschied, ob sie den Niedergang des Genitivs oder jenen des Great Barrier Reefs dokumentieren. "Der Verlust geschätzter Spezies, Ökosysteme und Landschaften löst tiefe Trauer in Menschen mit einer emotionalen Verbundenheit zur Natur aus", warnt jetzt zu Recht ein Autorenteam um den Marinebiologen Tim Gordon von der britischen University of Exeter im Wissenschaftsmagazin Science.

Analysieren ließe sich etwa, wie Geltungssucht auf falsche Fährten führt

Tatsächlich sind wohl die meisten Umweltwissenschaftler eher Naturliebhaber, die unter ihren manchmal bedrückenden Erkenntnissen zur Zukunft des Planeten gar nicht selten auch psychisch leiden. Erste Studien deuten darauf hin. Es ist ein Thema, das man nicht ignorieren oder unterdrücken sollte, bloß weil Emotionen in der Wissenschaft angeblich nichts zu suchen haben.

Zum einen geht es um die Forscher selbst. Sie haben es, so wie jeder Mensch, verdient, dass man ihr Leid ernst nimmt. Man kann sicher streiten, ob man deshalb gleich, so wie es die Science-Autoren vorschlagen, eine psychologische Betreuungskette für Klimaforscher und Ökologen aufbauen sollte, ähnlich wie im Katastrophenschutz oder bei militärischen Einsätzen. Ein psychiatrisches Debriefing nach jeder Polar-Expedition scheint ein wenig übertrieben. Viel gewonnen wäre bereits, wenn die Forscher frei über ihre psychische Belastungen reden könnten, vielleicht mal in einem eigenen Forum auf der nächsten Konferenz?

Zugleich aber könnten die Sorgen der Umweltforscher ein Anlass sein, um überhaupt mal systematisch nachzudenken über die Rolle von Emotionen im Prozess der Erkenntnisgewinnung. Analysieren ließe sich etwa, wie Geltungssucht Forscher auf falsche Fährten führt. Oder wie die Sorge um Natur und Menschen einen Forscher nicht nur lähmen, sondern auch beflügeln kann. Vieles spricht dafür: Wer eine gelungene emotionale Beziehung zum Objekt seiner Forschung entwickelt, wird wahrscheinlich erfolgreicher sein als ein gefühlskalter Buchhalter der Wissenschaft, sei es im Labor oder in der Natur.

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