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Artensterben:Arktis ohne Eisbären

Eisbärin mit Jungen

Wenn das Eis in der Arktis zu stark zurückgeht, wird die Jagdsaison für Eisbären bedrohlich kurz.

(Foto: Hinrich Bäsemann/dpa)

Wenn die Emissionen nicht bald sinken, könnte es auf der Erde schon 2100 fast keine Eisbären mehr geben. Für die Jagd sind die Tiere auf festes Eis angewiesen, doch das lässt der Klimawandel schmelzen.

Von Tina Baier

Eisbären könnten dem Klimawandel schneller zum Opfer fallen als bisher vermutet. Schon in 80 Jahren könnten fast alle Exemplare des größten an Land lebenden Raubtiers von der Erde verschwunden sein, falls die Emissionen weiter ansteigen, schreiben Wissenschaftler um den kanadischen Biologen Péter K. Molnár von der University of Toronto Scarborough in der Zeitschrift Nature Climate Change.

Hauptgrund für den schnellen Niedergang fast aller 19 Unterpopulationen rund um den Nordpol ist den Wissenschaftlern zufolge Nahrungsmangel. Die meisten der stattlichen, zweieinhalb Meter großen Tiere werden also schlicht verhungern. Nur einige wenige Exemplare in der Hocharktis könnten der Untersuchung zufolge bei starker Erwärmung das Jahr 2100 überleben.

Das Problem ist, dass der Klimawandel das Packeis schmelzen lässt, auf das die Tiere angewiesen sind, um Erfolg bei der Jagd zu haben. Eisbären fressen vor allem Robben, doch in offenem Wasser erwischen sie die schnellen und wendigen Tiere so gut wie nie. Ihre Jagdstrategie beruht darauf, den Robben an ihren Atemlöchern aufzulauern. Stundenlang warten die Eisbären dort, bis eine Robbe zum Atmen an die Oberfläche kommt. Dann schlagen sie blitzschnell zu und erlegen ihre Beute, die von unten keine Chance hat, die Gefahr zu erkennen. Wegen ihres hellen Fells sind die Eisbären nämlich gut getarnt und heben sich kaum von der Umgebung ab.

Manchmal durchbrechen Eisbären auch aktiv das Eis, wenn sie darunter Robben wittern, deren Geruch sie sogar noch durch eine ein Meter dicke Schicht wittern können. Um zu erkunden, wie dick das Eis ist und ob sie es aufbrechen können, schlagen die Eisbären auf die Oberfläche und lauschen dem Wasser, das darunter gluckert.

Wegen des Klimawandels verkürzt sich den Studienautoren zufolge die Zeit, in der es Packeis gibt und in der die Eisbären deshalb in der Lage sind, Robben zu jagen. Für ihre Untersuchung errechneten die Wissenschaftler die Zahl der eisfreien Tage in den kommenden Jahren und setzten sie ins Verhältnis zur Zahl der Tage, die Eisbären ohne Nahrung durchhalten können. Dabei berücksichtigten sie auch, dass Weibchen mit Jungen kürzer fasten können als Weibchen ohne Nachwuchs. Und dass Männchen früher verhungern als Weibchen, weil sie weniger Reserven speichern können und pro Tag mehr Energie verbrauchen.

Nach 117 Tagen sterben den Berechnungen zufolge die Jungen, die Mütter verhungern in der Regel kurz danach. Erwachsene Männchen halten etwa 200 Tage ohne Nahrung durch; weibliche Tiere ohne Nachwuchs 255 Tage. Diese Werte gelten, wenn Eisbären ähnlich schwer sind, wie die Tiere in den untersuchten Populationen. Sind sie leichter, verhungern sie früher; sind sie schwerer, halten sie etwas länger durch. Doch egal, wie viel die Tiere wiegen: Wenn es nicht gelingt, die Emissionen deutlich zu senken, könnten die Grenzen für fast alle Eisbären zum Ende des Jahrhunderts weiträumig überschritten werden.

Alle Eisbären können also monatelang fasten, doch um gegen den Klimawandel anzukommen, reicht es nicht.

© SZ/weis
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