Ehec und Organspende "Es kann jeden treffen"

Nierenspender verzweifelt gesucht: Der Chirurg Günter Kirste erklärt, dass viele Ehec-Patienten nach der Krankheit auf Dialyse angewiesen sind. Die Ehec-Welle zeige, wie wichtig eine Diskussion über Organspenden ist und dass Deutschland ein neues Transplantationsgesetz braucht.

Interview: Charlotte Frank

Der Chirurg Professor Günter Kirste leitet den Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Dort beobachtet man mit Sorge die wachsende Zahl der Ehec-Patienten, deren Nieren versagt haben.

Mehr als 8000 Menschen in Deutschland warten auf eine Spenderniere. Transportiert werden Organe in speziellen Kühlboxen.

(Foto: dpa)

SZ: Herr Kirste, bei mehr als 600 Ehec-Infizierten hat die Krankheit einen so schweren Verlauf genommen, dass die Nieren versagt haben. Rechnen Sie nun mit Hunderten neuen Anwärtern auf der Warteliste für ein Spenderorgan?

Günter Kirste: Hunderte werden es nicht gleich werden. Man kann aber davon ausgehen, dass wohl etwas mehr als zehn Prozent der Ehec-Patienten, bei denen die Infektion zum sogenannten HUS-Syndrom geführt hat, dauerhaft auf Dialyse angewiesen bleiben.

SZ: Braucht jeder Dialyse-Patient gleich eine neue Niere?

Kirste: Es gibt Menschen, für die eine Transplantation nicht in Frage kommt, etwa Krebspatienten, die die Nebenwirkungen eines solchen Eingriffs nicht vertragen würden. Aber für die Mehrheit der Betroffenen ist eine Organtransplantation besser zu verkraften als eine jahrelange Dialyse.

SZ: Geht man also von 600 HUS-Fällen aus, so hieße das für Sie mindestens 60 neue Patienten auf der Warteliste. Ist das viel oder wenig?

Kirste: Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland mehr als 8000 Menschen auf eine Spenderniere warten, ist es eher wenig ...

SZ: ... aber angesichts der Tatsache, dass Sie es in Ihrem Jahresbericht 2010 als Erfolg hervorheben, es habe 79 Organspender mehr als noch 2009 gegeben, klingen 60 neue Anwärter schon wieder nach ziemlich viel.

Kirste: Richtig, von einem Tag auf den nächsten 60 neue Kandidaten für eine Spenderniere - um mal bei dieser optimistischen Schätzung zu bleiben - sind für die Warteliste enorm viel. Die Zahlen, mit denen wir in der Koordinierungsstelle Organspende rechnen, sind wahnsinnig klein. Mal haben wir ein paar Dutzend Spender pro Jahr mehr, mal ein paar weniger. Daran wird sich nichts ändern, solange es kein neues Transplantationsgesetz in Deutschland gibt.

SZ: Das bereitet der Bundestag gerade vor. Was erhoffen Sie sich?

Kirste: Die Strukturen müssen so verändert werden, dass alle möglichen Fälle einer Organspende in den Kliniken verpflichtend gemeldet werden. Dies müssen die Länder besser kontrollieren. Derzeit sind das jährlich 15,9 Fälle pro eine Million Einwohner, das Potential ist doppelt so hoch. Außerdem sollte das neue Gesetz aufklärende Wirkung haben. Die Organspende ist an viele Gerüchte und Ängste geknüpft, die dazu führen, dass sich die Menschen nicht mit dem Thema befassen. Die Ehec-Infektion macht aber wieder deutlich, wie wichtig es ist, sich dem zu stellen. Ehec zeigt: Niemand ist davor geschützt, von einem Tag auf den nächsten eine Organspende zu benötigen. Also sollte sich auch jeder frühzeitig Gedanken darüber machen, was es bedeutet, auf der Warteliste für ein Spenderorgan zu stehen.

SZ: Was denn?

Kirste: Damit sind schwere Schicksale verbunden, gravierende berufliche und soziale Einschnitte. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Spenderniere etwa beträgt acht Jahre - also acht Jahre, in denen ein Patient drei Tage die Woche sechs Stunden an die Dialyse muss.

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