Das Lächeln der Mona Lisa:Das Lächeln ist nicht alles

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"Wenn wir uns umschauen, dann schweift unser Blick nicht kontinuierlich, sondern er springt", erklärt Hutzler. "Das Auge steht etwa 250 Millisekunden still und dann springt es sehr, sehr schnell zum nächsten Punkt", erklärt Hutzler.

Ein solcher Augensprung, auch Sakkade genannt, dauert nicht länger als 20 bis 30 Millisekunden, doch für diesen Bruchteil einer Sekunde sind wir quasi blind.

"Genau dieses Phänomen haben wir ausgenützt. Wir haben die Änderungen am Bildschirm während dieser 20 Millisekunden durchgeführt, sodass die Versuchspersonen davon nichts mitbekommen haben", sagt der Psychologe.

Dieser unglaublich schnelle und unbemerkte Bildwechsel von einem lächelnden zu einem neutralen Mund wurde mit Hilfe einer Blickbewegungskamera, einem sogenannten Eye Tracker, möglich. Eine solche Kamera hat eine zeitliche Auflösung von etwa einer Millisekunde. Demnach wussten die Wissenschaftler für jede Millisekunde genau, wo der Blick der Versuchsperson war.

Nach jedem Test sollten die Versuchsteilnehmer das betrachtete Gesicht auf einer fünfstufigen Skala nach Gesichtsausdruck, Attraktivität sowie Vertrauenswürdigkeit bewerten. Es zeigte sich, dass die Gesichter in der "Mona-Lisa-Situation" tatsächlich stärker als lächelnd wahrgenommen wurden, als die neutral schauenden Gesichter.

Ein ungreifbares Lächeln

Als die Versuchspersonen jedoch gefragt wurden, wie überzeugt sie seien, dass ein Gesicht wirklich gelächelt habe oder nicht, waren sie sich bei den Bildern in der "Mona-Lisa-Situation" im Nachhinein unsicher.

Für Hutzler ist die Livingstone-Theorie damit eindeutig bewiesen: "Das periphere Lächeln wurde demnach wahrgenommen. Aber gleichzeitig sind die Leute unsicherer geworden, weil das Lächeln nicht greifbar ist", sagt Hutzler.

Vielleicht hat die Wissenschaft das Rätsel um Mona Lisas Lächeln demnach geklärt. Doch es muss weiter Faktoren geben, die da Vincis Gemälde so geheimnisvoll machen. Schließlich hatten die Versuchsteilnehmer die Gesichter in der "Mona-Lisa-Situation" nicht als mysteriöser eingeschätzt, als die durchweg neutralen oder lächelnden Gesichter.

Dass sie der Mona Lisa ihr Geheimnis vollständig entreißen würden, damit hatten die Forscher auch nicht gerechnet. "Sie muss da etwas ganz Besonderes besitzen", ist Hutzler überzeugt. "Wenn es einfach wäre, das herauszufinden, hätte es ein kluger Kopf schon längst geschafft."

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