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Corona-Pandemie:So ernst ist die Lage auf den Intensivstationen

Covid-Intensivstation Uniklinik Dresden Ärzte und Intensivpfleger kümmern sich um die schwerkranken Covid-Patienten auf

"Wir reden über sehr viele schwere Erkrankungen und über viele Menschen, die das nicht überleben werden": Covid-Intensivstation an der Uniklinik Dresden.

(Foto: Ronald Bonss/imago images/Max Stein)

Zwar sind noch Betten frei, aber das allein verheißt noch keine Rettung. Wer einmal dort gelandet ist, hat ein großes Risiko zu sterben.

Von Werner Bartens

Die Warnungen werden lauter, und sie klingen bedrohlicher. Intensivmediziner in Deutschland schlagen Alarm. Dass es bereits "fünf nach zwölf" sei, hat Uwe Janssens, der Ex-Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), gerade erklärt. Zwar seien Intensivmediziner Krankheit, Leid und Tod gewohnt, doch bei dem gegenwärtigen Anstieg der Infektionszahlen "reden wir über sehr viele schwere Erkrankungen und über viele Menschen, die das nicht überleben werden", betont der jetzige DIVI-Präsident Gernot Marx.

Es gehört zum tragischen Merkmal der Pandemie, dass die Wirkung von Warnungen nachlässt, wenn sie dauernd wiederholt werden. Das gilt in der Kindererziehung, für die Verlängerung eines Lockdowns wie auch für das Schreckgespenst überlasteter Intensivstationen. Richtig und wichtig ist es trotzdem, darauf hinzuweisen, wie angespannt die Lage derzeit ist. Außerdem ist die Bedrohung längst da. Fast 4700 Menschen mit Covid-19 werden derzeit in Deutschland auf Intensivstationen behandelt, zudem 17 000 andere Intensivpatienten. Mehr als die Hälfte der Covid-Kranken auf Intensiv muss invasiv beatmet werden, also fast 2700 Patienten. Dass gegenwärtig 3000 Intensivbetten frei sind und Reserven mobilisiert werden können, ist für jene, die bereits intensivmedizinischer Behandlung bedürfen, nur ein geringer Trost.

Fast jedes vierte Bett ist durch Covid-Patienten belegt

"Derzeit betreuen wir etwa 22 000 Intensivpatienten in Deutschland, fast jedes vierte Bett ist durch Covid-Patienten belegt, was beängstigend ist", sagt Clemens Wendtner, Chefarzt für Infektiologie an der München Klinik Schwabing. "Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, dass wir locker 10 000 Betten als Reserve hätten. Die 3000 freien Betten sind realistisch belegbar, dahinter stehen Technik und Personal." Die Zeiten, in denen aufgrund finanzieller Anreize wie Freihaltepauschalen mehr Betten gemeldet wurden und es angeblich 31 000 Intensivbetten in Deutschland gab, sind laut Wendtner vorbei. Dies erkläre die realistischen Reserven und in der Summe eine Kapazität von 25 000 Intensivbetten in Deutschland, sagt Wendtner.

Zudem ist es auch ohne volle Auslastung bedrohlich, als Patient auf der Intensivstation zu landen. "Von den Covid-Patienten, die invasiv beatmet werden, stirbt fast die Hälfte", sagt Stefan Kohlbrenner, Leiter der Intensivstation am Diakoniekrankenhaus Freiburg. Insgesamt überlebt von den Intensivpatienten mit Covid-19 bis zu ein Drittel der Patienten nicht. Trotz viel Erfahrung und verbesserter Therapie kann nicht allen geholfen werden. In der München Klinik, die mehr als 2400 Covid-Patienten stationär versorgt hat, sind von 571 Patienten auf der Intensivstation 182 (und damit 31,9 Prozent) gestorben. "Unter jenen Covid-Patienten, die auf Intensivstation invasiv beatmet werden mussten, liegt der Anteil der Verstorbenen leider höher, nämlich bei 42,5 Prozent", sagt Wendtner.

Doch Lichtblicke sind zu erkennen. "Die 80-Jährigen gibt es kaum noch auf Intensiv, das zeigt den positiven Effekt der Impfungen", sagt Kohlbrenner. "Unsere Patienten sind jetzt jünger, zumeist um die 60, wir haben aber auch Zwanzigjährige." Je jünger die Patienten, desto besser ist zwar ihre Überlebenschance. Doch zugleich liegen sie länger auf der Intensivstation. Die steigende Inzidenz und die englische Mutante, die infektiöser ist, kumulieren zusammen mit den längeren Liegezeiten zu einer bedrohlichen Lage. "Wir sind am Ende, wir können nicht mehr nach Thüringen oder Brandenburg verlegen", erklärte Christoph Josten vom Uniklinikum Leipzig kürzlich die verzweifelte Situation auf den Intensivstationen in Sachsen. "Wir sind an der Belastungsgrenze!"

"Das Personal auf Intensivstationen, sowohl Pflegekräfte wie Ärzte, ist seit mehr als einem Jahr im Dauerkrisenmodus, mit kurzer Verschnaufpause im Sommer 2020", sagt Wendtner. "Und es ist noch kein Land in Sicht, die dritte Welle ist ja erst angelaufen." Darüber hinaus gebe es viele Bereiche wie Onkologie und Kardiologie, die keinen Aufschub dulden; eine Tumor-OP muss zeitnah erfolgen, ein Herzinfarkt schnellstmöglich versorgt werden. "Man kann nicht das letzte Bett auf einer Intensivstation belegen, der Notfall kommt unangekündigt und ist nicht planbar."

Engpässe sind weniger Material und Geräte. Beatmungsmaschinen gibt es mittlerweile genug in Kliniken. Aber das Personal braucht viel Erfahrung, um Patienten schonend zu beatmen und mit der richtigen Balance aus Intervention und Verzicht zu betreuen. "Es reicht nicht, Pflegekräfte aus anderen Bereichen der Klinik umzubesetzen und anzulernen", sagt Intensivarzt Kohlbrenner. "Bis jemand vollwertig eingesetzt werden kann, dauert es Jahre."

"Man kann nicht oft genug betonen, wie ernst die Situation ist."

Oft wird die Triage als letzte Konsequenz überlasteter Intensivstationen angeführt. Doch zeigen sich bereits jetzt die Folgen der Pandemie in der Medizin. "Die gegenwärtige Alarmstimmung bezieht sich auch darauf, andere Patienten nicht mehr gut behandeln zu können", sagt Kohlbrenner. "Schon jetzt müssen mancherorts Behandlungen verschoben werden." Oftmals sind das semi-elektive Eingriffe, also Operationen, die nicht Notfälle, aber dennoch dringend sind. "Schwer zu sagen, was es bedeutet, wenn die Operation eines Patienten mit Dickdarmkrebs um drei Wochen verschoben wird."

Auswertungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) zeigen, dass die Zahl der Herzinfarkt-Behandlungen zwischen Oktober 2020 und Januar 2021 um 13 Prozent gesunken ist, die Zahl der Schlaganfall-Behandlungen ging um elf Prozent zurück. "Diese Einbrüche sind Anlass zur Sorge - wir haben in der ersten Pandemiewelle bereits eine Steigerung der Sterblichkeit bei Schlaganfall-Patienten festgestellt", sagt Wido-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Herzinfarkt-Patienten seien häufiger verspätet und mit fortgeschrittener Schädigung ins Krankenhaus gekommen. Auch unter Bedingungen der Pandemie solle man nicht zögern, den Notruf zu wählen.

"Man kann nicht oft genug betonen, wie ernst die Situation ist", sagt Chefarzt Wendtner. Die derzeit laufende dritte Welle sei wohl die gefährlichste - mit allen Konsequenzen inklusive Überlastung der Intensivstationen. "Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt zu sein scheint, werden wir auch hier in die rote Zone kommen, wenn nicht schnellstmöglich gehandelt wird."

© SZ
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