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Naturschutz:Verbot von Bleimunition droht zu scheitern

Seeadler (Haliaeetus albicilla) im Flug, Donaudelta, Rumänien, Europa *** White-tailed Sea Eagle Haliaeetus albicilla in

Bleibelastete Eingeweide von geschossenen Tieren können für Seeadler tödlich sein.

(Foto: imageBROKER/Michaela Walch via www.imago-images.de/imago images/imagebroker)

Millionen Wasservögel sterben in Europa jährlich an Überresten giftiger Geschosse. Nun sollen sie geächtet werden - doch das wird knapp.

Von Thomas Krumenacker

Das große Sterben der Überlebenden beginnt, wenn der letzte Schuss aus den Flinten lange verhallt ist. Bei der Jagd auf Wasservögel sterben neben den rund zwölf Millionen jährlich zum menschlichen Verzehr erlegten Tieren Millionen weitere einen unnützen, qualvollen und vermeidbaren Tod durch die giftigen Hinterlassenschaften der Jagd. Todesursache: Bleivergiftung. Aus den 600 bis 700 Millionen Schrotpatronen, die nach Berechnungen der Europäischen Chemikalienagentur ECHA Jahr für Jahr aus den Flinten europäischer Jäger abgefeuert werden, landen rund 5000 Tonnen hochgiftigen Bleis in Gewässern und Feuchtwiesen. Enten, Gänse, Schwäne, Schnepfen und Rallen picken die winzigen Bleikügelchen aus der Schrotmunition aus dem flachen Wasser der Uferbereiche oder vom Boden dann auf, weil sie sie für Nahrung oder kleine Steinchen halten, die sie für die Verdauung brauchen.

Weil Blei sich als Schwermetall über lange Zeiträume nicht abbaut, kommt es über die Jahre zu hohen Konzentrationen in Gebieten, in denen regelmäßig gejagt wird. Flachwasserzonen in einigen europäischen Regionen gleichen oft mehr Sondermülldeponien als intakten Öko-Systemen. Bis zu 400 Schrotkörner fanden Wissenschaftler in seichten Uferbereichen einiger Gewässer pro Quadratmeter.

Die Folgen des Jagdmülls für Vögel - aber auch das ganze Ökosystem - sind dramatisch. Bereits einzelne Bleikörnchen können nach Untersuchungen spanischer Wissenschaftler bei Enten zu einem qualvollen Tod führen, dem häufig ein wochenlanger Kampf gegen das Gift im Körper der Tiere vorausgeht. Krämpfe, Lähmungen, Erbrechen, Flugunfähigkeit und schließlich der Tod: So beschreiben Wissenschaftler die Folgen von Bleischrot für Vögel. Den Daten der ECHA zufolge erleiden in jedem Jahr mehr als 1,5 Millionen Vögel an Ufern von Teichen, Seen und Feuchtgebieten dieses Schicksal.

Das Blei greift vor allem das Nervensystem und das Gehirn an, mit fatalen Folgen. "Ich habe Adler gesehen, die gegen einen Baum geflogen sind, weil sie durch Blei völlig erblindet waren", berichtet Oliver Krone. Der Wildtoxikologe forscht am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin seit Langem zu den Folgen von Blei vor allem für Greifvögel. Jeder dritte bis vierte der tot gefundenen Seeadler in Deutschland ist Krones Forschung zufolge an einer Bleivergiftung gestorben. Regional sind es teilweise die Hälfte aller Totfunde.

Erst am Montag lenkte Agrarministerin Julia Klöckner ein - dann kam neuer Einspruch

Die seltenen Tiere nehmen das Schwermetall beim Erbeuten von durch das Blei bereits geschwächten Wasservögeln auf oder sie fressen die von Jägern hinterlassenen Eingeweide von Rehen, Wildschweinen oder Hirschen, die mit Bleikugeln geschossen wurden. Viele Adler ersticken Krone zufolge danach beim Atmen, weil das Blei die Aufnahme von Sauerstoff im Prozess der Blutbildung blockiere. "Sobald Blei verwendet wird, taucht es auch irgendwann in der Nahrungskette auf und führt dann als hochtoxisches Schwermetall zu negativen Konsequenzen", sagt der Wissenschaftler. "Aus der Perspektive des Arten- und des Tierschutzes wäre es definitiv eine ganz wichtige Entwicklung, wenn wir zu einem Verzicht von Blei in der Jagd kämen", sagt der Leibniz-Forscher.

Das sieht auch die EU-Kommission so. Weil das Schwermetall nicht nur für Tiere, sondern auch für Menschen gefährlich ist - die Weltgesundheitsorganisation WHO führt es unter den Top Ten der gesundheitsschädlichsten Substanzen -, hat sie dem Schwermetall seit Langem den Kampf angesagt. Blei wurde bereits aus Farben, Buntstiften, Benzin und Wasserleitungen verbannt. Doch die Jagd wurde lange nur zögerlich angegangen. Und das, obwohl sich viele europäische Länder schon zum Ende der 1990er-Jahre in der UN-Konvention zum Schutz ziehender Wasservogelarten (AEWA) völkerrechtlich verpflichtet hatten, die Verwendung von Bleischrot in Feuchtgebieten zu verbieten. Spätestens bis zum Jahr 2000 sollte es soweit sein.

Umgesetzt ist das Verbot aber in vielen Ländern immer noch nicht. Just zum 25-jährigen Jubiläum des AEWA-Abkommens in diesen Tagen will die Europäische Kommission endlich Vollzug melden - mit 20-jähriger Verspätung. Doch ob daraus etwas wird, ist offen. Zwar endet an diesem Mittwoch ein schriftliches Abstimmungsverfahren unter den Mitgliedsstaaten der EU über ein Bleiverbot bei der Jagd in Feuchtgebieten. Doch noch ist offen, ob das monatelange Tauziehen über das Verbot damit tatsächlich beendet ist. In einer ersten Abstimmung vor wenigen Wochen war die für ein Verbot notwendige Mehrheit auch an der Blockade durch die Bundesregierung gescheitert.

Während das Bundesumweltministerium für ein Bleischrotverbot eintrat, verweigerte das ebenfalls am Verfahren beteiligte Bundeslandwirtschaftsministerium seine Zustimmung zum EU-Entwurf mit dem Ergebnis, dass Deutschland sich in der Abstimmung enthalten musste und keine Mehrheit zustande kam. In der Folge lieferten sich die beiden Ministerien hinter den Kulissen einen heftigen Schlagabtausch. Als Hauptgrund für ihre Blockade führte Agrarministerin Julia Klöckner die These an, dass bleifreie Munition eine geringere Tötungswirkung entfalte als Bleischrot und deshalb die Gefahr bestehe, dass größere Tiere wie Waschbären oder Nilgänse durch Schüsse nur verletzt würden und dann qualvoll verenden müssten.

Die Frage der Tötungswirkung war allerdings auch im mehr als dreijährigen Prozess der wissenschaftlichen Bewertung im Zuge des Verbotsverfahrens eingehend untersucht worden, mit dem klaren Ergebnis, dass bleifreie Geschosse ebenso wirksam seien wie bleihaltige und es somit keine Bedenken aus Gründen des Tierschutzes gebe. Auch die EU-Kommission erklärte, gerade weil erwiesen sei, dass Munition aus Stahl, Wismut oder anderen Materialien dem Schrot ebenbürtig sei, sei ein Festhalten an Bleischrot vor dem Hintergrund des millionenfachen Todes von Wasservögeln nicht mehr zu rechtfertigen.

Umweltministerin Schulze reagierte erbost auf Klöckners Einwände. "Während des dreijährigen intensiven Bewertungsprozesses wurde kein einziges belastbares Dokument vorgelegt, das eine unzureichende Tötungswirkung von Stahlmunition ausweisen konnte", schrieb sie in einem der SZ vorliegenden Brief an Klöckner. Darin verweist sie darauf, dass in 14 der 16 deutschen Bundesländer seit Jahren ein Bleiverbot für die Jagd in Feuchtgebieten bestehe, ohne dass es jemals Probleme gegeben habe. In der Tat weisen auch die Unterlagen des EU-Verbotsverfahrens acht umfangreiche Studien zur Tötungswirkung alternativer Munitionen aus, die alle bleifreie Munition für problemlos erklären.

Klöckner hatte zur Untermauerung ihres Kernarguments dagegen nur auf einen Schießtest in einer Jagdzeitschrift hinweisen können und diesen als "Studie" bezeichnet. Ein Spitzengespräch der Staatssekretäre beider Ministerien am Montag brachte dann den Durchbruch für eine Zustimmung Deutschlands zum Bleiverbot. Allerdings unter der Bedingung, dass den Mitgliedsländern drei statt der vorgesehenen zwei Jahre als Übergangsfrist gewährt werden.

Wann das Verbot nun aber in Kraft treten kann, ist ungewiss. Kaum hatte Klöckner eingelenkt, meldete sich die tschechische Regierung am Montag nach Informationen aus Verhandlungskreisen mit einem Einspruch zu Wort. Am Dienstag schließlich stoppte die Kommission dann nach SZ-Informationen das gesamte Abstimmungsverfahren auf Antrag der Regierung in Prag. Der monatelange Prozess gilt nun als "ohne Ergebnis beendet". Das Ringen muss von neuem beginnen. Als wahrscheinlich gilt es nun, dass es im September zu einer neuen Abstimmung kommt.

© SZ/weis
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