Bildungsforschung Wie verschafft man den Kindern Zugang zur "Sprache der Macht"?

In afrikanischen Schulen ist das anders. "Lehrer wie Schüler verfügen selten über ausreichende Kenntnisse der offiziellen Unterrichtssprachen", schreibt der Afrika-Linguist Ekkehard Wolff, der schon viele Jahre zur Sprache in afrikanischen Bildungssystemen forscht. "Schüler schaffen deshalb ihre Abschlüsse nicht oder erbringen schlechte Leistungen in fast allen Fächern." Die Sprachpraxis in vielen afrikanischen Schulen behindere Kinder in ihrer kognitiven und intellektuellen Entwicklung, glaubt Wolff. Auch die Unterrichtssprache würden Kinder auf diese Weise nicht lernen - außer, sie seien Überflieger. Es sei vor allem guter Sprachunterricht, der Zugang zu den begehrten Englisch- oder Französischkenntnissen verschaffe.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin bestätigt, dass der ausschließliche Unterricht in einer fremden Sprache Kinder benachteiligen kann. Sie kennt das Problem aus ihrer Forschung über Migrantenkinder in Deutschland, die ähnliche Schwierigkeiten haben. "Was sich dagegen für ein multilinguales Umfeld bewährt hat, ist ein Parallelsystem", sagt Gogolin. Dabei werden Kinder sorgfältig in die fremde Sprachen eingeführt, erhalten aber eng damit abgestimmt auch Unterricht in einer ihnen vertrauten Sprache. Das überfordere die Kinder nicht - "und verschafft ihnen gleichzeitig Zugang zu der Sprache der Macht", so Gogolin. Doch ein solches Modell erfordert eine besondere Lehrerausbildung und viel Abstimmungsarbeit - Bedingungen, die in Afrika meist nicht gegeben sind. "Daher", sagt Gogolin, "sollte man vor allem darauf achten: Was können die Lehrer am besten?"

Lokale Sprachen im Unterricht könnten den Kindern helfen

In Tansania bewegt sich die Regierung gerade in diese Richtung. Am Anfang dieses Jahres hat Präsident Jakaya Kikwete verkündet, bald werde auch der Unterricht in Sekundarschulen auf Swahili abgehalten. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Fast alle Tansanier beherrschen Swahili von klein auf, selbst wenn sie mit einer weiteren Sprache aufgewachsen sind.

Für die sprachlich noch vielfältigeren Länder schlagen die Afrika-Linguisten um Ekkehard Wolff vor, die Mehrsprachigkeit zu nutzen: "In afrikanischen Ländern kann man oft schon mit zwei bis drei Sprachen fast 80 Prozent der Kinder in vertrauten Sprachen unterrichten", sagt Wolff. Reformwillige Regierungen müssten also gar nicht alle Sprachen berücksichtigen, sondern könnten sich auf die wichtigsten konzentrieren. Mit nur 16 der afrikanischen Sprachen ließen sich Wolff zufolge mehr als ein Fünftel der Afrikaner erreichen - gemessen an der Gesamtzahl aller Sprachen auf dem vielseitigen Kontinent ist das sehr effektiv.

Doch für derartige Umbrüche ist viel Überzeugungsarbeit nötig - bei afrikanischen Eltern und Eliten, und in den Geber-Ländern, die solche Veränderungen unterstützen müssten. Tansania hat den umstrittenen Schritt gewagt. Der jüngste Bruder von Dotto Kitwenga könnte sein Abitur bereits auf Swahili schreiben. Und die Schule am Ende mit mehr Wissen verlassen als seine Schwester.