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Verhaltensbiologie:Wa(h)lfreundschaften

MOBI 1906 Zwei Beluga-Wale

Belugas können ihre Mimik verändern und beispielsweise die Mundwinkel nach oben oder unten verziehen. Das bedeutet aber nicht, dass sie froh oder traurig sind.

(Foto: Aaron Chown/dpa)

Belugas organisieren ihr Sozialleben vermutlich ähnlich komplex wie Menschen: Sie verbringen Zeit mit ihrer Familie und haben zusätzliche Freundeskreise.

Von Tina Baier

Was haben bis zu sechs Meter große Weißwale mit kleinen gelben Kanarienvögeln gemeinsam? Beide gehören zu den Quasselstrippen im Tierreich. Ähnlich wie Kanarienvögel geben auch Weißwale, besser bekannt unter dem Namen Belugas, fast ständig Töne von sich. Die Meeressäuger brummen, quietschen und zwitschern, um mit ihren Artgenossen zu kommunizieren. Die vorwiegend an den Küsten Alaskas, Kanadas und Russlands lebenden Belugas sind soziale und gesellige Tiere.

Nur sehr selten sind sie alleine unterwegs, fast immer schwimmen sie in Gruppen, deren Größe von zehn bis zu mehreren Hundert Exemplaren variiert. In der Paarungszeit schließen sich Belugas sogar zu riesigen Verbänden mit mehr als tausend Tieren zusammen. In einer Studie, die im Wissenschaftsjournal Scientific Reports erschienen ist, hat ein Team um den Meeresbiologen Greg O'Corry-Crowe von der Florida Atlantic University entdeckt, dass die sozialen Netzwerke von Belugas extrem komplex sind und denen von Menschen ähneln.

Anhand von genetischen Untersuchungen haben die Wissenschaftler festgestellt, dass Belugas sich anders als beispielsweise Schwertwale (Orcas) nicht nur mit Verwandten zusammenschließen. Bei den Orcas, die wie Belugas zu den Zahnwalen gehören, stehen weibliche Tiere mit ihren Kälbern im Zentrum einer Gemeinschaft. Darum herum gruppieren sich vor allem ältere Söhne und Töchter dieser Weibchen.

Wer mit wem schwimmt, kann sich schnell ändern

Belugas haben der neuen Untersuchung zufolge ein sehr viel komplexeres Sozialleben. In ihren Gruppen finden sich sowohl Verwandte mütterlicher- als auch väterlicherseits. Oft schwimmen die Tiere aber auch gemeinsam mit nicht verwandten "Freunden". Dazu kommt, dass die Zusammensetzung der Gruppen nicht stabil ist, sondern sich öfter ändert.

Nach Ansicht der Forscher könnten diese Erkenntnisse darauf hindeuten, dass Belugas nach dem sogenannten Fission-Fusion-System organisiert sind, bei dem die Zusammensetzung von Gruppen variiert und es Untergruppen gibt, die sich zu bestimmten Anlässen zu einer größeren Gemeinschaft zusammenschließen (fusion) und dann wieder auseinandergehen (fission).

Sehr gut untersucht ist diese Form des sozialen Zusammenlebens beispielsweise bei Schimpansen. Die Menschenaffen brechen täglich in kleineren Verbänden mit unterschiedlicher Besetzung zur Futtersuche auf und kommen abends zum Schlafen wieder zusammen. Auch Große Tümmler leben in einer Fission-Fusion-Gesellschaft. Die Delfine haben enge Freunde, die sie sich in der Adoleszenz selbst aussuchen. Gleichzeitig sind sie Teil eines zweiten, größeren Netzwerks, in dem die Tiere nicht ganz so eng verbunden sind, sich aber trotzdem regelmäßig treffen.

Auch Menschen, die sich beispielsweise tagsüber mit ihren Arbeitskollegen treffen und abends zu ihrer Familie heimkommen, leben auf diese Art zusammen. Fission-Fusion-Gesellschaften gelten als besonders komplex und anspruchsvoll, unter anderem, weil individuelle Verhaltensweisen der ständig wechselnden Gruppenmitglieder unterschiedliche Reaktionen erfordern.

Wenn sich bestätigt, dass Belugas auf diese Art zusammenleben, hätten sie nicht nur eine Gemeinsamkeit mit Kanarienvögeln sondern auch mit Menschen.

© SZ
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