bedeckt München 15°

Archäologie:Ein Brunnen auf dem Meeresgrund

Mitglieder des Forschungsteams um den Archäologen Jonathan Benjamin suchen vor dem Dampier-Archipel in Australien nach Werkzeugen der Aborigines.

(Foto: Hiro Yoshida/Flinders University, Adelaide)

Forscher finden erstmals unter Wasser historische Werkzeuge der Aborigines. Wo heute Meer ist, lebten einst die Ureinwohner Australiens.

Von Julian Rodemann

Bei archäologischen Ausgrabungen denken viele an südeuropäische Lehmgruben, in denen Altertumsforscher herumstochern und mit Pinsel und Schaufel nach Tonscherben suchen. Doch wenn Wissenschaftler Überresten menschlicher Zivilisation auf der Spur sind, schnallen sie sich nicht selten eine Tauchflasche um den Leib - so wie vor der Westküste Australiens. Dort hat ein Forscherteam auf dem Meeresgrund nach prähistorischen Werkzeugen der Aborigines gesucht. Die Ergebnisse wurden jetzt im Fachblatt Plos One veröffentlicht.

Vor Zehntausenden Jahren war Australien deutlich größer als heute: Experten schätzen, dass knapp ein Fünftel der ursprünglichen Landmasse des Kontinents nach der letzten Eiszeit vom Meer verschluckt wurde. Der Meeresspiegel stieg um circa 80 Meter. Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits Menschen in Australien; ein großer Teil der Überreste, die das bezeugen, befindet sich auf dem heutigen Meeresgrund. Ob mögliche Überbleibsel menschlicher Zivilisationen den gewaltigen Anstieg des Meeresspiegels überstanden haben, war jedoch lange unklar. "Wir haben nun endlich den ersten Beweis dafür, dass zumindest einige der archäologischen Zeugnisse den Anstieg überlebt haben", sagt Jonathan Benjamin, einer der Leiter der Forschergruppe.

Wie erkennt man einen potenziellen Fundort unter der eintönigen Wasseroberfläche?

Vier Jahre lang suchten Archäologen, Geomorphologen, Geologen, Piloten und Taucher den Meeresgrund rund um den Dampier-Archipel vor der australischen Westküste ab. In der Gegend um Cape Bruguieres stießen die Forscher auf 269 Artefakte aus Stein in circa zweieinhalb Meter Tiefe, darunter viele Werkzeuge, mit denen Aborigines vermutlich einst schabten, schnitten und hämmerten. Zwei der ein bis 20 Zentimeter großen Fundstücke dienten den Aborigines sogar als Schleif- oder Mahlsteine. Die meisten Fundstücke untersuchten die Forscher auf dem Meeresgrund. Einige wenige mussten sie mit ins Labor nehmen: Mithilfe von Radiokarbon-Analysen stellten die Wissenschaftler fest, dass die gefundenen Werkzeuge mindestens 7000 Jahre alt sind.

An einer anderen Stelle, der Flying Foam Passage, entdeckten die Archäologen 14 Meter unter dem Meeresspiegel Reste eines ehemaligen Süßwasserbrunnens, der schätzungsweise mindestens 8500 Jahre alt ist. Die Wissenschaftler betonen, dass die Altersschätzungen als Mindestwerte verstanden werden sollten. Die Fundstücke könnten noch deutlich älter sein - und es könnte noch viel mehr davon geben. Denn die Forscher gingen hauptsächlich in Küstennähe auf Tauchgang. "Es ist aber wahrscheinlich, dass sich noch mehr Fundstücke weiter draußen im Meer verbergen", sagt Chelsea Wiseman aus dem Forscherteam. An manchen Stellen des heutigen Archipels ragte das Festland einst bis zu 160 Kilometer in den Indischen Ozean hinein. Die Wissenschaftler fordern, dass die Fundstellen unter besonderen Schutz gestellt werden. Schiffswracks, die älter als 75 Jahre sind, werden in Australien automatisch geschützt - prähistorische Funde aber nicht.

Doch wie entschieden die Forscher überhaupt, wo sie nach Werkzeugen der Aborigines tauchen sollten? Anders als das Festland bietet die glatte, eintönige Wasseroberfläche keine Anhaltspunkte dafür, wo vor Jahrtausenden mal Menschen gelebt haben könnten. Bevor die Forscher das erste Mal eine Taucherausrüstung anzogen, sollten daher noch drei Jahre vergehen.

Dass sie den Dampier-Archipel absuchen würden, stand bald fest. Die Gegend, die von den Aborigines Murujuga genannt wird, ist bekannt für ihre archäologischen Fundstätten an Land; laut einem Verband der heute noch dort lebenden Aborigines wurden dort bereits über eine Million Felsmalereien entdeckt. Um den Suchraum einzugrenzen, überflogen Team-Mitglieder das Gebiet mit einer kleinen Propellermaschine und kartierten Land und Meeresgrund mithilfe von Sonar- und Lidar-Technik, die ähnlich wie Radar funktioniert. Auch Drohnen steuerten die Forscher über das Meer, um durch das glasklare Wasser hindurch hochauflösende Fotos des Meeresgrunds zu schießen.

DHSC Stills

Die Taucher dokumentierten alle Korallen, die auf den Fundstücken wuchsen.

(Foto: Hiro Yoshida)

Nach und nach entstand ein detailliertes Bild der damaligen Landschaft. Die Forscher tauchten schließlich dort, wo sie ehemalige Flusstäler oder Seebetten vermuteten. In der Nähe dieser Wasserstellen verbrachten die Ureinwohner, so das Kalkül der Forscher, wahrscheinlich viel Zeit. Sie suchten zudem in ehemals oder noch immer felsigen Gegenden, wo die ersten Bewohner Australiens vermutlich die Rohstoffe für ihre Steinwerkzeuge fanden. Deren Nachkommen fragten die Wissenschaftler zusätzlich nach möglichen Tauchstellen. Besonders hellhörig wurden die Forscher bei der Erwähnung von Orten, die durch Halbinseln oder Mulden vor Strömung und Wellengang geschützt waren - hier schien die Wahrscheinlichkeit groß, dass mögliche Artefakte noch erhalten und zugänglich sind.

"Als wir dann endlich raus fuhren und ins Wasser stiegen, waren wir optimistisch, aber keinesfalls siegesgewiss. Es gab keine Garantie, auch nur irgendetwas zu finden", sagt Jonathan Benjamin. Der Professor für maritime Archäologie tauchte bereits im Mittelmeer nach antiken Uferdämmen. Besonders an den Entdeckungen vor Australien war für ihn der Austausch mit den Aborigines vor Ort, die sich stark mit ihren Vorfahren verbunden fühlen: "Die Funde haben für die Menschen in der Gegend - anders als etwa in Europa - eine starke gegenwärtige, soziale Bedeutung", sagt er. Bei Tonscherben aus einer südeuropäischen Lehmgrube kann man sich das tatsächlich schwer vorstellen.

© SZ
Basecamp at Lendbreen during a silent and clear night. Photo: secretsoftheice.com.

Archäologie
:Schätze aus der Kühltruhe

Über den Lendbreen-Pass in Norwegen führte einst ein wichtiger Wikinger-Pfad. Wegen des Klimawandels schmilzt das Eis und gibt uralte Wanderstöcke, Tierschädel, Schneeschuhe für Pferde und vieles andere frei.

Von Hubert Filser

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite