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Archäologie:Ureinwohner Mexikos waren Kaninchenzüchter

Teotihuacán war mit etwa 100 000 Einwohnern eine der größten Städte der damaligen Welt.

(Foto: Bernardo Montoya/AFP)

Von wegen typisch deutsch: Schon vor den Azteken hielten die Menschen in Teotihuacán Kaninchen. Neue Untersuchungen geben Hinweise auf die damaligen Essgewohnheiten von Mensch und Tier.

Im prähispanischen Teotihuacán in Mexiko wurden offenbar bereits Kaninchen gezüchtet. Wissenschaftler um Andrew Somerville von der Universität von San Diego in Kalifornien haben Tierknochen aus jener Zeit analysiert und Hinweise gefunden, dass Kaninchen für die Bewohner der Stadt ein wichtiges Nahrungsmittel waren ( Plos One).

Teotihuacán wurde zwischen 200 und 650 nach Christus mit etwa 100 000 Einwohnern das mächtigste urbane Zentrum Mittelamerikas und eine der größten Städte der damaligen Welt. In dem 20 Quadratkilometer großen Stadtgebiet erhoben sich pyramidenförmige Tempelanlagen entlang einer zentralen Straße. Die Bewohner lassen sich keiner Ethnie zuordnen, und es ist auch nicht klar, warum die wichtigsten Gebäude im achten Jahrhundert niedergebrannt und die Stadt weitgehend verlassen wurde. Die Azteken, die während der Eroberung Mexikos durch die Spanier das Sagen hatten, kannten Teotihuacán nur noch als Ruinenstätte.

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Bei Ausgrabungen förderten Archäologen zahlreiche Tierknochen zutage. Besonders interessant sind die Funde in einem Gebäudekomplex aus der sogenannten Xolalpan-Zeit (350-500 nach Christus): Die Forscher entdeckten eine Skulptur, die ein Kaninchen darstellt, und zahlreiche Knochen. Die Hälfte davon stammt von Tieren aus der Familie der Hasen, darunter Baumwollschwanzkaninchen. Eine sogenannte Isotopenanalyse der Knochen ergab, dass die Tiere kaum wild wachsende Pflanzen gefressen hatten, sondern vor allem Feldfrüchte wie zum Beispiel Mais.

Um dies herauszufinden, machten sich die Wissenschaftler zunutze, dass Kohlenstoff in der Atmosphäre in zwei verschiedenen Isotopen vorkommt, nämlich ¹³C und ¹²C. Verschiedene Pflanzen bauen diese Isotope in unterschiedlichen Verhältnissen in ihre Zellen ein: Bäume, Sträucher und Gräser aus gemäßigten Klimazonen verwenden etwas mehr ¹²C und bauen Moleküle mit drei Kohlenstoffatomen; sie werden deshalb C3-Pflanzen genannt. Kaktusfeigen, Agaven und tropische Gräser wie Mais oder Amaranth verwenden etwas mehr ¹³C, nehmen für jedes Molekül ein Kohlenstoffatom mehr und heißen dementsprechend C4-Pflanzen. Wenn Tiere Pflanzen fressen, überträgt sich das jeweilige Molekülmuster in ihre Zellen. Die Analyse der Knochen aus Teotihuacán zeigte, dass die Tiere aus der Familie der Hasen vor allem C4-Pflanzen gefressen haben - möglicherweise Mais oder Amarant, auf jeden Fall aber landwirtschaftliche Produkte.

Die Nager wurden wahrscheinlich auf extrem engem Raum gehalten

In einem Raum vermuten die Forscher eine Art Metzgerei: Hier lagen 58 Obsidianklingen, zahlreiche Fuß- und Beinknochen von Tieren und eine verzierte Platte aus Dolomit, die als Unterlage beim Schneiden von Tierhäuten gedient haben könnte. Ein hoher Phosphatgehalt im Boden deutet auf Tierkot oder Blut hin. Die Kaninchen sollen in einem kleinen Raum mit niedrigen Mauern aus Vulkangestein gehalten worden sein, der nur eine Größe von 1,20 Meter auf 1,25 Meter hatte.

Natürlich wäre auch vorstellbar, dass wilde Kaninchen den Mais von den Feldern gefressen haben. Doch die Knochenanalyse ergab, dass die Nahrung der Tiere, die während der Xolalpan-Zeit in dem Gebäude geschlachtet wurden, zu 75 Prozent aus C4-Pflanzen bestand. Ein derart hoher Wert ist nach Meinung der Wissenschaftler ein deutlicher Hinweis, dass sie tatsächlich dort gezüchtet und gefüttert worden sind.

Möglicherweise, so die Forscher, war die Kaninchenzucht eine Reaktion auf die Dezimierung der Bestände größerer Säugetiere durch Überjagung. Als Teotihuacán noch kleiner war, aßen die Bewohner der Stadt nämlich häufig Hirsche. Erst später ernährten sie sich von verschiedenen kleineren Tieren. Die Kaninchenzüchter von Teotihuacán spielten also für die Ernährung der Stadtbewohner wahrscheinlich eine wichtige Rolle.

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