Archäologie Wo überquerte Hannibal die Alpen?

Antiker Pferdemist könnte diese Frage jetzt klären.

Von Christoph Behrens

Das Manöver gilt als eines der waghalsigsten und genialsten der Antike: Mit Tausenden Fußsoldaten, Reitern und einigen Kriegselefanten fiel Hannibal im Jahr 218 vor Christus in Norditalien ein und versetzte die Römer in Schockstarre. Niemals hätten sie erwartet, dass der Feldherr aus Karthago so verrückt wäre, mit einem Heer die Alpen zu überqueren, eine für Ortsunkundige kaum überwindbare Barriere.

Während die Folgen des Schachzugs wohlbekannt sind - 16 Jahre Krieg in Italien, am Ende der Sieg Roms - ist der Weg, den Hannibals Streitmacht über die Berge nahm, noch immer umstritten. Archäologische Funde von der Bergtour - Münzen zum Beispiel - gibt es keine. Ein Forscherteam um den Geoarchäologen Bill Mahaney von der York University in Toronto könnte den Truppen aus Karthago nun auf die Spur gekommen sein.

"Passage Hunderter, wenn nicht Tausender Tiere"

Die Forscher fanden bei Ausgrabungen am Pass Col de la Traversette südöstlich von Grenoble Hinweise, dass hier vor 2200 Jahren Tausende Menschen und Tiere vorbeizogen. An einer sumpfigen Wasserstelle unterhalb des Grats entdeckten sie in Bodenproben Reste von Pferdedung und darin gedeihenden Clostridium-Bakterien. Die Exkremente konnten die Forscher etwa auf das Jahr 200 vor Christus datieren. Die betreffende Bodenschicht sei zudem zertrampelt und umgegraben worden, vermutlich "von der Passage Hunderter, wenn nicht Tausender Tiere", schreiben die Forscher im Fachblatt Archaeometry. Sie wollen nun in den Proben nach Eiern von Elefanten-Parasiten suchen - das wäre wohl der schlagendste Beweis.

Mögliche Routen über die Alpen

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Dabei hatten Historiker genau diese Route lange Zeit verworfen. Die Traversette ist ein selbst für heutige Alpinisten anspruchsvoller Weg in den Cottischen Alpen, der höchste Punkt liegt 2947 Meter über dem Meeresspiegel. Daher vermutete der römische Geschichtsschreiber Livius, der 200 Jahre nach der Invasion lebte, Hannibal sei weiter nördlich über den niedriger liegenden Pass Col du Clapier marschiert. Noch im 19. und 20. Jahrhundert stritten Historiker erbittert über die Marschroute, auch Napoleon hielt den Norden für besser geeignet.

Mahoneys Team glaubt, dass neben den "organischen Beweisen" auch die historischen Fakten für den Süden sprechen. Hannibal musste schnell marschieren, um noch vor dem Wintereinbruch in Italien zu sein, und die Traversette war der kürzeste Weg. Zudem gibt es oberhalb der Wasserstelle ein großes Geröllfeld, das der zeitgenössische Historiker Polybios erwähnt. "Das größte Problem war die Versorgung von so vielen Menschen und Tieren", sagt der Historiker Martin Zimmermann von der Uni München. Es könnte also gut sein, dass Hannibals Truppen an der Wasserstelle haltmachten, um sich für den letzten Anstieg zu stärken.