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Archäologie:Siedlungen im Dschungel

Auf den Lidar-Bildern sind deutlich die ziffernblatt-artigen Strukturen des Dorfes Dona Maria zu erkennen, links davon eine zweite Siedlung.

(Foto: Jose Iriarte/University of Exeter)

Im brasilianischen Amazonasgebiet haben Archäologen verlassene, Jahrhunderte alte kreisrunde Dörfer entdeckt. Wer waren ihre Bewohner?

Von Hubert Filser

Aus der Luft betrachtet sehen die länglichen Erdhügel so aus, als würden sie das Ziffernblatt einer überdimensionalen Uhr formen. Sie liegen exakt auf einem Kreis, ihre schmalen Seiten weisen ins Kreisinnere. In der Mitte dieser seltsamen Formation liegt ein weiter, runder Platz, jeweils im Norden und Süden und im Osten und Westen führen schnurgerade Straßen von der kreisförmigen Anlage weg in die Umgebung. Manche dieser Straßen enden wenige Kilometer entfernt bei einer ähnlichen Struktur, wiederum mit kreisförmig angeordneten Erdhügeln.

Die geheimnisvolle Stätte mitten im Urwald Amazoniens war Archäologen bislang völlig unbekannt. Ein internationales Expertenteam unter Leitung von Forschern der Universität Exeter um José Iriarte hatte die Strukturen von einem Hubschrauber aus entdeckt - doch nicht mit bloßem Auge, sondern mithilfe eines sogenannten Lidars. Der an der Unterseite des Helikopters angebrachte Laserscanner tastete die Landschaft im Südosten des brasilianischen Bundesstaats Acre nahe der Grenze zu Bolivien weiträumig mit Laserstrahlen ab und erstellte eine präzise 3-D-Karte der Oberfläche.

Die Überraschung war groß, als die Forscher ihre Daten auswerteten: Mitten im Urwald war eine Ansammlung runder Erdhügel-Dörfer zu sehen, angeordnet wie auf dem Ziffernblatt einer Uhr, berichten die Forscher im Fachmagazin Journal of Computer Applications in Archaeology. Die offenbar eigens von Menschenhand errichteten Erdhügel stammen, wie später vorgenommene Datierungen vor Ort zeigen, aus der Zeit zwischen 1000 und 1650 n. Chr.. Eine große Überraschung, denn die bislang eher gängige Expertenmeinung war, dass der südliche Rand des Amazonasraums damals kaum besiedelt war.

Die Lidar-Messtechnik wird für Archäologen immer wichtiger

Für Archäologen wird die sogenannte Lidar-Vermessungstechnik (Light Detection and Ranging) ein immer wichtigeres Instrument, lassen sich doch damit aus der Luft in der Landschaft verborgene Strukturen finden, die sonst etwa vom dichten Urwald überwuchert sind. Der Scanner misst dabei die Reflexionen der Laserstrahlen an einem Hindernis, von Bäumen stammende Signale lassen sich leicht herausrechnen. So entsteht ein relativ genaues 3-D-Modell der Oberfläche. "Lidar bietet eine neue Möglichkeit, in dicht bewaldeten Teilen Amazoniens uralte Stätten zu finden und zu dokumentieren", sagt Studienleiter José Iriarte, Archäobotaniker an der Universität Exeter.

Iriarte denkt, dass auf den oben abgeflachten Erdhügeln einst Häuser gestanden haben könnten. Manche der insgesamt etwa 25 kreisrunden Dorfanlagen waren klein und bestanden offenbar nur aus wenigen Hügeln, die größten dagegen umfassten 32 Hügel und hatten einen Durchmesser von 153 Metern. Bis zu 200 Menschen könnten dort gelebt haben. Die zentralen, runden Plätze waren bis zu 1,8 Hektar groß.

Der Lidar-Sensor am Helikopter.

(Foto: Jose Iriarte/University of Exeter)

Ungewöhnlich ist auch die großräumige Struktur. "Die Dörfer besaßen sowohl Nebenstraßen als auch Hauptstraßen", sagt Iriarte. Vom Dorfplatz weg führten nämlich einerseits schnurgerade kleinere Nebenstraßen, meist in Richtung nahe gelegener Flüsse, andererseits markante, doppelspurige und bis zu sechs Meter breite gerade Hauptstraßen. Diese verliefen in Nord-Süd- oder in Ost-West-Richtung, waren im Boden versenkt und seitlich mit hohen Wällen verstärkt. Die Hauptstraßen verbanden wohl einst die Dörfer miteinander.

An manchen Orten wie Dona Maria, Sol de Camila oder Sol de Iquiri wirkten die vom Dorfkreis wegführenden Straßen "wie die Strahlen der Sonne", schreiben die Forscher. Die Lidar-Daten zeigen, dass Dörfer sich vor allem in der Nähe von Flüssen und Bächen befanden, und zwar in regelmäßigen Abständen von zweieinhalb bis drei beziehungsweise fünf bis sechs Kilometern.

Zusätzlich zu den rund 25 kreisrunden Anlagen entdeckten die Archäologen auch elf aus rechteckig angeordneten Erdhügeln bestehende Dörfer, ebenfalls mit einem Platz in ihrer Mitte, und rund fünfzehn Siedlungen, die aufgrund von Erosion nur noch schlecht erhalten waren. Ob die verschiedenen Dorftypen unterschiedliche Funktionen hatten, sei noch unklar, so die Forscher.

Das Team um Iriarte zeigte sich erstaunt, wie gut die Ureinwohner in diesem Teil des Amazonas-Regenwaldes die Landschaft für sich organisiert hatten. Bislang waren aus präkolumbianischer Zeit nur sogenannte Geoglyphen in dieser Region bekannt, auch sie waren erst in jüngster Zeit entdeckt worden. Sie bestehen meist aus riesigen Kreisen, Linien oder Quadraten und sind oft mehrere Hundert Meter groß. Diese gleichermaßen markanten wie mysteriösen Erdbilder galten als Kultstätten, damit verbundene Siedlungen sind nicht bekannt. Um das Jahr 950 n. Chr. verschwand dieser Bautyp in der Region. Kurz darauf tauchten die kreisförmigen und rechteckigen Hügeldörfer auf.

Möglicherweise also verließen die Nachfahren der Menschen, die zuvor die Geoglyphen gebaut hatten, die Region nicht, sondern errichteten danach ein regionales System aus Hügeldörfern, ebenfalls geformt aus Kreisen und Quadraten. Ob die geometrische Anordnung eine kulturelle oder gar astronomische Bedeutung hatte, ist bislang nicht erforscht. Klar sei nur, so die Forscher, dass die Menschen in der Lage waren, ihre Umgebung bewusst zu gestalten.

© SZ
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