Archäologie auf dem Schlachtfeld Mehr als 40 Schädel gefunden

Die Schlacht im Tollensetal, der die Wissenschaftler jetzt nach und nach auf die Spur kommen, liefert spannendes Anschauungsmaterial für diese gesellschaftliche Entwicklung.

Das Flüsschen Tollense in Mecklenburg birgt archäologische Funde, die auf eine Schlacht während der Bronzezeit hinweisen.

(Foto: SZ-Grafik)

Denn der Knochen mit der Pfeilspitze blieb nicht der einzige spektakuläre Fund. Zunächst war es wieder Ronald Borgwardt, der den Archäologen Fundstücke präsentierte, dass ihnen fast die Augen aus dem Kopf fielen.

Eine Keule aus Eschenholz, 73 Zentimeter lang, die aussieht wie ein prähistorischer Baseballschläger, und, nur wenige Meter davon entfernt, eine zweite hölzerne Waffe: ein Stück aus dem Stamm eines Schlehdornbaumes mit einem daraus hervorgewachsenen Ast, so zugerichtet und bearbeitet, dass ein hammerartiges Instrument mit einem 56 Zentimeter langen Stiel entstand, einem Poloschläger ähnlich.

Beide Stücke steckten in unmittelbarer Nähe des Armknochens mit der Pfeilspitze in der Uferböschung der Tollense, und beide wurden von Ronald Borgwardt so fachmännisch geborgen, dass sie von den Archäologen ohne Materialverlust konserviert werden konnten.

Unmittelbar auf dem Hammerkopf lag der Schädel einer jungen Frau. Bis heute wurden 40 weitere Schädel gefunden, "und es werden sicherlich noch mehr", sagt Detlef Jantzen. Einige trugen deutliche Kampfspuren. Einer der Schädel hat ein Loch mitten über der Stirn, das von der Größe perfekt zum Hammerkopf der Holzkeule passen könnte. Zwei Schädel haben kleinere Perforationen, die wahrscheinlich von Pfeilspitzen stammen.

Unter der etwa einen Meter starken Torfschicht im Uferbereich der Tollense fanden die Forscher eine Vielzahl weiterer menschlicher Knochen. Manche davon lagen noch in anatomisch richtiger Position, andere waren zwar auseinandergerissen, aber nur geringfügig verlagert. "Insgesamt", sagt Grabungsleiterin Gundula Lidke, "haben wir bis jetzt Knochen von weit über hundert Individuen."

Viele Knochen, insbesondere Schädel, wurden von archäologischen Tauchern aus der Tollense geborgen. Angesichts der geringen Fläche, die bisher systematisch abgesucht werden konnte, könne man annehmen, dass in einem nur anderthalb Kilometer langen Abschnitt des Tollensetals die Überreste von mehreren hundert Menschen liegen, sagt Gundula Lidke.

Eine bewaffnete Auseinandersetzung, bei der mehrere hundert Gefallene auf dem Schlachtfeld zurückblieben, muss ein für die damalige Bevölkerungsdichte von vier bis sechs Menschen pro Quadratkilometer enormes Ausmaß gehabt haben. Die Datierung der menschlichen Knochen nach der C-14-Methode ergab, dass diese Schlacht um das Jahr 1200 vor Christus stattgefunden hat. Neun von zehn C-14-Datierungen deuten auf dieses Jahr.

Zwischen den menschlichen Gebeinen wurden auch Knochen von mindestens vier Pferden gefunden, ein Indiz dafür, dass zumindest einige der Kämpfer beritten waren. Die Position der Pfeilspitze in dem Oberarmknochen könnte darauf hinweisen, dass der Bogenschütze zu Fuß kämpfte und der Getroffene ein Reiter war. Der Neurochirurg Jürgen Piek vom Universitätsklinikum Rostock hat die Knochenfunde begutachtet. Ein gebrochener Oberschenkel und ein zertrümmerter Rückenwirbel ließen sich gut mit einem Sturz vom Pferd erklären, sagt er.

Außer den beiden hölzernen Keulen wurden auch zahlreiche Reste von bronzenen Waffen gefunden. Bis auf drei Lanzenspitzen und ein kleines Fragment eines Schwertes fehlen allerdings bisher große Nahkampfwaffen, was aber leicht damit zu erklären ist, dass solche wertvollen Objekte von den Überlebenden mitgenommen wurden.

Die wichtigsten Waffen in dieser Schlacht waren wohl Pfeil und Bogen; zahlreiche Pfeilspitzen, teils aus Bronze, teils aus Feuerstein, weisen darauf hin. Man könnte daraus schließen, dass sich an der Tollense zwei unterschiedlich bewaffnete Gruppen gegenüberstanden - die einen, die zu Fuß mit Holzkeulen und Feuersteinwaffen kämpften, während die anderen zum Teil beritten waren und über bronzene Waffen verfügten.