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Anthropologie:Der Fund bedeutet, dass man die menschliche Entwicklungsgeschichte überdenken muss

Schädelknochen von Homo naledi

(Foto: AFP)

Üblicherweise bestimmen die Anthropologen das Alter der Fossilien über die umliegenden Erdschichten. Da die Knochen in weichem Sediment auf dem Höhlenboden lagen, scheidet diese Möglichkeit aus, denn Sediment kann sich leicht umlagern. So ist es bislang nicht möglich, die neue Menschenart in den menschlichen Stammbaum einzuordnen. Berger hält eine frühe Datierung mit etwa zwei Millionen Jahren für möglich. Dann wäre man an den Anfängen der Gattung Mensch. Friedemann Schrenk hält das für eher unwahrscheinlich. Doch selbst wenn Homo naledi nur eine Million Jahre alt wäre, müsste man die Entwicklungsgeschichte der Menschheit überdenken. Das würde nämlich bedeuten, dass die Menschen aus der Rising-Star-Höhle gleichzeitig mit anderen Menschenarten gelebt haben. Alle mit unterschiedlichen Fähigkeiten und verschieden großen Gehirnen.

Bergers Team erfasste jeden einzelnen Knochen, vermaß Größe, Krümmung, erfasste Besonderheiten und verglich sie dann jeweils mit denen anderer bekannter Menschenarten. Die Schultern von Homo naledi wirken eher wie die von Menschenaffen. Der Schädel mit den kleinen Zähnen ähnelt einem der frühesten Vertreter der Gattung Mensch, dem Homo habilis, der vor 2,1 Millionen Jahren auf der Erde lebte.

Die Schultern erinnern an einen Affen, die Füße sehen dagegen aus wie bei modernen Menschen

Gleichzeitig gibt es auch Hinweise auf weiter entwickelte Eigenschaften. Die Hände von Homo naledi konnten durchaus bereits Werkzeuge benutzen, gleichzeitig deuten die stark gebogenen Finger darauf hin, dass er noch gut klettern konnte. Die Füße wiederum sind praktisch nicht von denen eines modernen Menschen zu unterscheiden, schreiben die Forscher. Der Frühmensch konnte wohl sehr gut lange Strecken aufrecht zurücklegen. "Die Kombination der anatomischen Eigenschaften von Homo naledi unterscheidet ihn von allen bisher bekannten Menschenarten", sagt Berger.

Weil von Homo naledi das komplette Skelett vorliegt, lässt er sich sehr gut mit anderen Menschenarten vergleichen. Das macht Rückschlüsse auf evolutionäre Veränderungen möglich. "Offenbar verlaufen nicht alle Entwicklungsschritte in allen Menschengruppen gleichmäßig, das wissen wir schon von den Neandertalern", sagt Schrenk. Er spricht von einer "Mosaikevolution". Mal könnten sich in einer Menschenart eher aufrechter Gang und Fortbewegung schneller entwickelt haben, mal in einer anderen, weit entfernt lebenden eher das Gehirn oder das Gebiss. Damit würde man sich von der Idee einer synchronen Entwicklung aller Menschen verabschieden.

Die Wissenschaftler fasziniert außerdem, dass alle Knochen, egal ob von Kindern oder alten Menschen, in einer einzigen, tief im Fels gelegenen Kammer lagen, die von den übrigen Räumen der Höhle getrennt war. Die Forscher vermuten, dass die Frühmenschen hier bewusst bestattet oder zumindest entsorgt wurden. Sollte Berger mit dieser Vermutung recht behalten, würde das auf einen bewussten Umgang mit Toten hindeuten, der bei Frühmenschen bislang unbekannt war. "Wir sind zahlreiche Szenarien durchgegangen: beispielsweise ein Massensterben, ein unbekanntes Raubtier, der Transport von einem anderen Ort in die Kammer mithilfe von Wasser oder der Unfalltod in einer Todesfalle", sagt Berger. "Als plausibelste Variante blieb nur die bewusste Beseitigung der Toten durch Homo naledi." Er ist sich sicher, dass dort unten in der Höhle noch Überraschungen warten. "Diese Kammer hat noch nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben", sagt der Anthropologe.

Homo naledi ist ein neuer Verwandter des modernen Menschen

Reichhaltiger Fund: Mehr als 1500 Knochen lagen in der "Rising Star" Höhle.

(Foto: dpa)