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Anthropologie:Das Eiszeit-Mädchen mit den seltsamen Eltern

Knochensplitter von "Denisova 11"

(Foto: AFP)
  • Anhand eines Knochenstücks haben Forscher erstmals einen Mischling aus zwei verschiedenen, ausgestorbenen Verwandten des modernen Menschen belegt.
  • Die Mutter des Mädchens war eine Neandertalerin und der Vater ein sogenannter Denisova-Mensch.
  • Der ersten Hinweis auf die Existenz der Denisova-Menschen war erst vor neun Jahren entdeckt worden.

Vielleicht hatte das Mädchen tatsächlich am Rand der Höhle gestanden, damals, vor mehr als 50 000 Jahren. Weil gerade Eiszeit war, trug das Kind zwar sicher wärmende Kleidung und stand nicht halbnackt vor der Öffnung der Denisova-Höhle. Selbst heute wird es in der Gegend selten wärmer als sieben Grad Celsius. Fest steht doch, dass die Mutter an ihrer linken Hand und der Vater an ihrer rechten Seite höchst ungewöhnliche Eltern waren. Sie gehörten zwei verschiedenen Menschenformen an.

Das Mädchen, das Künstler jetzt in leicht kitschiger Pose gezeichnet haben, ist der erste nachgewiesene Mischling aus zwei verschiedenen, ausgestorbenen Verwandten des modernen Menschen. Wie ein Forscherteam um den international anerkannten Paläogenetiker Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in einer aktuellen Online-Veröffentlichung des Wissenschaftsmagazins Nature berichtet, konnte die Herkunft des Mädchens anhand des Erbguts aus einem länglichen Knochenfragment belegt werden.

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Die Mutter von Denisova 11 war demnach eine Neandertalerin. Der Vater dagegen gehörte zu einer Gruppe von erst seit kurzer Zeit bekannten Menschenverwandten, den sogenannten Denisova-Menschen. Obwohl, das zeigt die DNA, auch seinen Stammbaum zuvor ein Neandertaler durchkreuzt hatte.

Der Denisova-Mensch war der erste Verwandte, der nur anhand seiner DNA identifiziert wurde

Die aktuelle Studie ist damit ein weiterer Baustein im modernen Menschenpuzzle. Den ersten Hinweis auf die Existenz der Denisova-Menschen hatten Mitarbeiter Pääbos vor neun Jahren entdeckt, als sie das Erbgut eines winzigen Fingerknochenfragments analysierten. Der Knochensplitter war gerade so groß wie zwei Reiskörner und stammte aus einer Höhle im Altai-Hochgebirge, einer sagenhaft unwirtlichen Region zwischen Sibirien, der Mongolei und Kasachstan.

Der Vater ein "Denisova-Mensch", die Mutter eine Neandertalerin: "Denisova 11"

(Foto: Petra Korlevic)

Als die Paläogenetiker ihre ersten DNA-Analysen des Fragments mit jenen von Neandertalern verglichen, fanden sie zu ihrer eigenen Überraschung eklatante Unterschiede. Das fünf- bis siebenjährige Kind, zu dem das Knöchelchen gehört hatte, war weder ein Neandertaler noch ein moderner Vertreter der Gattung Homo. Tatsächlich musste es zu einer zuvor unbekannten Menschenform gehören, die zwar eng mit dem Homo sapiens verwandt war, sich aber früher von den gemeinsamen Vorfahren in Afrika abgespaltet hatte und später nach Zentralasien auswanderte. Pääbo und sein Team nannten sie nach dem Fundort Denisova-Mensch. Es war der erste menschliche Vorfahre, der allein anhand seiner DNA beschrieben wurde. Und das Erbgut sollte weitere Einblicke in die Geschichte der mutmaßlich jungen Verwandten des Menschen ermöglichen.

Einfach war das allerdings nicht. Genetische Analysen von alter, englisch ancient, DNA sind ein relativ junges Forschungsfeld. In den meisten Fällen hat man es mit Molekülen zu tun, an denen der Zahn der Zeit durch UV-Strahlung heftig genagt hat. Das ist auch im Fall von Neandertalern und Denisova-Menschen so. Aus den genetischen Trümmern verlässliche Informationen zu bekommen, die auch noch Sinn ergeben, ist deshalb ziemlich schwierig. Softwarefehler oder Verunreinigungen können zusätzlich auf eine falsche Fährte führen, stets müssen die Forscher überprüfen, ob ihre Schlüsse zulässig sind.

Dennoch zeigte sich bald, dass der Denisova-Mensch seine Spuren in modernen Menschen auf Neuguinea hinterlassen hat. Zudem wurde klar, dass Neandertaler und Denisova näher miteinander verwandt sind als mit dem Homo sapiens. Und schließlich wussten die Forscher aus Leipzig, dass selbst Neandertaler sich mit modernen Menschen vermischt hatten. Gab es also auch regelhaft Affären zwischen Neandertalern und Denisova-Menschen?

Die Höhle lag vermutlich an der Grenze zwischen den Territorien der beiden Menschenformen

Der neue Fund deutet dies zumindest an. Zwar handelt es sich um einen Einzelfall. Die Forscher glauben jedoch, dass der eindeutige Beleg eines Mischlingskinds wegen der geringen Zahl von Fundstücken auf eine häufigere Vermischung der beiden Menschenformen hinweist, als man angenommen hatte. "Wir glauben immer noch, dass Individuen wie Denisova 11 sehr selten waren", sagt Benjamin Vernot, der an der Studie beteiligt war. "Was wir nicht wissen, ist, warum. Trafen sie sich zu selten? Mochten sie einander nicht? Oder waren ihre Kinder nicht gesund?".

"Sie war mindestens 13 Jahre alt, vielleicht älter", schätzt Vernot. Über die Gesundheit des Mädchens lasse sich aus der geringen Menge an Knochen und DNA zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr sagen. Wie Denisova 11 starb, wisse man nicht. Genauso wenig könne man nicht auf ihr Aussehen schließen, das im Fall der Denisova-Menschen deshalb wohl noch länger ein Geheimnis bleiben wird. "Selbst bei modernen Menschen kann es schwierig sein, zum Beispiel die Haarfarbe anhand der DNA zu bestimmen", erläutert Vernot. "Noch herausfordernder ist dies bei Neandertalern oder Denisova-Menschen".

Was die aktuelle Studie der Leipziger allerdings nahelegt ist, dass Neandertaler und Denisova-Menschen überraschend mobil waren. "Wir stellen mehr und mehr fest, dass unsere Vorfahren und Verwandten deutlich häufiger wanderten, als wir dachten", sagt Vernot. Das gelte für die Frühmenschen in Afrika genauso, wie für die jüngeren Vertreter der Gattung Homo. "Es ist gut möglich, dass die Denisova-Höhle sich an der Grenze der beiden Territorien dieser Menschenformen befand. Und gelegentlich traf man sich dort."

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