50 Jahre stummer Frühling:Wie Öko anfing

Vor 50 Jahren erschien das Buch "Silent Spring" (Der stumme Frühling), in dem Rachel Carson wortmächtig den Einsatz von Pestiziden anprangerte. Der Bestseller führte zum Verbot von DDT und gilt heute als Zündfunke der weltweiten Umweltbewegung.

Katrin Blawat

Harmloser kann ein Buch kaum beginnen: "Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alle Geschöpfe in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben schienen. (. . .) Selbst im Winter waren die Plätze am Wegesrand von eigenartiger Schönheit. Zahllose Vögel kamen dorthin, um sich Beeren als Futter zu holen."

DDT Spraying

Wie hier 1955 wurde das Gift DDT in Amerika versprüht, um Ungeziefer - zum Beispiel Insekten - zu vernichten. Den hemmungslosen und großflächigen Einsatz der Pestizide kritisierte Rachel Carson mit drastischen Beschreibungen.

(Foto: Getty Images)

So klingen die ersten Sätze eines Buches, das nicht nur den Anstoß zum Verbot einer einst als Wunderwaffe gefeierten Chemikalie gab, sondern auch als Auslöser der weltweiten Umweltbewegung gilt. Vor 50 Jahren, am 27. September 1962, erschien in Amerika die Erstausgabe von "Silent Spring" (Der stumme Frühling).

Darin warnt Rachel Carson vor der Verseuchung von Umwelt, Tier und Mensch mit Pestiziden, vor allem dem Insektengift DDT. Das allein war für die damalige Zeit nichts Besonderes. Schon zuvor hatte es Bücher gegeben, die den Menschen als Naturzerstörer beschrieben. Doch keines hat so viel Beachtung und Bedeutung erlangt wie Silent Spring. Das Time Magazine verglich das Werk gar mit Charles Darwins "Die Entstehung der Arten".

Heutige Einschätzungen fallen kaum weniger wohlwollend aus. "Aus der Rückschau erscheint das Buch geradezu als Ouvertüre der amerikanischen Umweltbewegung und damit der ökologischen Revolution auf der ganzen Welt", schreibt der Umwelthistoriker Joachim Radkau im Vorwort der deutschen Ausgabe (Verlag Beck, 2007). Sein Kollege Christof Mauch vom Rachel-Carson-Zentrum der Universität München urteilt: "Zweifellos hat das Werk die Umweltwahrnehmung einer ganzen Generation verändert. Es ist die Bibel der Umweltbewegung."

Vor Silent Spring hatten sich allenfalls kleine Experten-Gruppen um einzelne Vogelarten gesorgt oder um ein Waldstückchen. Diese Aktionen aber blieben punktuell. Den meisten Menschen waren sie unbekannt oder egal. Carsons Bestseller schaffte es erstmals, die Öffentlichkeit für ökologische Probleme zu sensibilisieren. Damit lieferte er den Zündfunken für eine weitreichende Umweltbewegung - auch wenn diese erst um 1970 Fahrt aufnahm.

Der Erfolg von Silent Spring gründet nicht zuletzt auf zwei Eigenschaften der Autorin: Carsons Fähigkeiten als Schriftstellerin und ihrem Wissen um biologische Zusammenhänge. Carson hatte Biologie studiert und rund 15 Jahre in der Natur- und Artenschutzbehörde des US Bureau of Fisheries gearbeitet. Als sie über den Schaden zu schreiben begann, den großflächig versprühte Pestizide in Lebewesen anrichten können, hatte sie jahrelang recherchiert.

Kampf gegen Insektengift DDT

Das Ergebnis sind drastische und fundierte Schilderungen, wie sich die Rückstände der Pestizide in Vögeln, deren Eiern, in Fischen und Würmern sammeln - vor allem aber im Menschen, der am Ende der Nahrungskette steht. Immer wieder betonte Carson, dass die aus Flugzeugen versprühten Gifte nicht nur Schädlinge vernichteten, sondern ziellos Leben zerstörten: "Wir töten jetzt auch Vögel, Säugetiere, Fische, ja alle Arten wild lebender Geschöpfe durch chemische Insektizide, die auf ein Stück Land gesprüht werden und wahllos wirken."

Carson konzentrierte sich besonders auf das Mittel Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT - auch aus pragmatischen Gründen, wie Joachim Radkau in seinem Buch "Die Ära der Ökologie" schreibt. Carson habe "ihre Hauptenergie auf ein einziges Ziel gerichtet in der zutreffenden Annahme, dass man am ehesten dann etwas praktisch bewirkt - und das wollte sie."

Zum anderen hatte DDT von allen Pestiziden die steilste Karriere hinter sich. Seine Qualität als Insektenvernichter ließ DDT zur vermeintlichen Wunderwaffe gegen fast jedes unerwünschte Getier aufsteigen. In Teilen der USA versprühten Flugzeuge das Gift, ohne zwischen Äckern, Flüssen und Privatgrundstücken zu unterscheiden. Vor allem auf Mücken und Feuerameisen hatten es die Behörden abgesehen.

DDT galt dabei zunächst als ungefährlich für Menschen und Tiere. Carson aber trug Indizien zusammen, denen zufolge die Substanz wie ein Hormon wirkt und beim Menschen Krebs auslösen kann. Dabei wusste sie sehr genau, wie sie die verheerenden Folgen der DDT-Großeinsätze anschaulich schildern musste, um möglichst viele Menschen zu überzeugen. Fein austariert vereint Silent Spring Erklärungen wissenschaftlicher Zusammenhänge mit pathetischen Warnungen, die Natur zu achten und zu bewahren. "So steht Carson auf der Grenze zwischen jenem Naturschutz, der an geistige Eliten appellierte, und dem auf Massenwirkung angelegten Umweltalarmismus", schreibt Radkau.

Carson musste in ihrem Buch auf niemanden Rücksicht nehmen. Ihren Behördenjob hatte sie aufgegeben, um sich dem Schreiben zu widmen. Drei zum Teil ebenfalls sehr erfolgreichen Büchern über das Leben in den Meeren, die sie in den Jahren zuvor verfasst hatte, verdankte sie finanzielle Unabhängigkeit und die Erfahrung, wie sie Leser fesseln konnte.

Schon in das erste Kapitel von Silent Spring ("Ein Zukunftsmärchen") packt Carson mehrere Anspielungen, die zur Wirkung ihres Buches beigetragen haben. Der Beschreibung einer fiktiven Kleinstadt-Idylle folgt die Katastrophe: "Dann tauchte überall in der Gegend eine seltsame schleichende Seuche auf, und unter ihrem Pesthauch begann sich alles zu verwandeln. (. . .) Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Wohin waren die Vögel verschwunden? (. . .) Es war ein Frühling ohne Stimmen."

Indem sie das Schicksal der Vögel in den Vordergrund stellte, appellierte Carson an jene Menschen, deren Sympathien sie sich gewiss sein konnte: Vogelschützer. Diese hatten sich lange vor anderen Umweltinteressengruppen organisiert. Der heutige Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zum Beispiel wurde schon 1898 als Bund für Vogelschutz gegründet.

Parallelen zu nuklearer Bedrohung

Die Sorge um Vögel verband Carson mit der damals weit verbreiteten, recht neuen Angst vor radioaktivem Niederschlag. Die Atomwaffentests in den 1950er Jahren und der Kalte Krieg hatten in der amerikanischen Bevölkerung die Sorge vor nuklearer Bedrohung geschürt - und damit verbunden vor Krebs. Carson stellte Parallelen her zwischen den unsichtbaren und damit umso unheimlicheren Gefahren, die von Radioaktivität ebenso wie von Pestiziden ausgehen: Chemikalien seien die "unheimlichen und kaum erkannten Helfershelfer der Strahlung". Sie selbst litt während ihrer Arbeit an Silent Spring an Brustkrebs. Nur zwei Jahre nach Erscheinen ihres Bestsellers starb sie im Alter von 57 Jahren.

Die allgegenwärtige Angst vor radioaktiver Strahlung war aber nicht der einzige Umstand, der Carsons Mission zugute kam. Entscheidend war auch, dass die Bürger bereits konkrete Auswirkungen des großzügigen Pestizideinsatzes gespürt hatten: Im Jahr 1959 schockte der sogenannte Cranberry-Skandal die Bürger in Long Island, die ihr traditionelles Thanksgiving-Essen plötzlich ohne die Beeren zubereiten mussten. Sie waren stark mit Pestiziden besprüht und dadurch ungenießbar geworden. In den Südstaaten führte der Chemie-Kampf gegen die Feuerameise dazu, dass es mehrere Jahre lang kein Wild zu kaufen gab. "Dass der Einsatz von Gift gegen Insekten die Nahrung direkt beeinflussen konnte, war ein Schock", sagt Mauch.

In Europa wurden derartige Probleme als rein amerikanisches Phänomen abgetan. "Osteuropäische Politiker sahen in den verheerenden Folgen des Pestizideinsatzes ein Symptom des US-Kapitalismus", sagt Mauch. In den USA wiederum nutzten Carsons Kritiker aus der Chemie-Industrie das gleiche Argument auf umgekehrte Weise. Nachdem sie die Autorin auf fachlicher Ebene kaum angreifen konnten, beschimpften sie Carson unter anderem als kommunistische Agitatorin, die der US-Wirtschaft schaden wolle.

Einen mächtigen Fürsprecher fand Carson jedoch in Präsident John F. Kennedy, der ihre Erkenntnisse prüfen ließ und die Autorin zu einer Anhörung einlud. In den 1970er Jahren mündete dies schließlich im Verbot von DDT in den meisten westlichen Ländern. Für die Industrie dürfte dies jedoch verschmerzbar gewesen sein, denn immer deutlicher zeigten sich nun die langfristigen Probleme des DDT-Einsatzes. Alle möglichen Insekten waren inzwischen resistent gegen das Mittel. Dessen erfolgreichste Phase war daher um 1970 herum ohnehin überschritten.

Vollkommen verschwunden ist das Insektengift bis heute nicht. Die 2004 in Kraft getretene Stockholmer Konvention erlaubt es, DDT zur Bekämpfung krankheitsübertragender Mücken herzustellen und anzuwenden - allerdings nur in geschlossenen Räumen. DDT hat den Vorteil, das es vergleichbar billig ist. Zwar müsse man nicht-chemische Bekämpfungswege wie Moskitonetze fördern, teilt die Weltgesundheitsorganisation mit. Ganz verzichten könne man auf DDT jedoch noch nicht.

Die Diskussion um Vor- und Nachteile des DDT-Verbots griff auch ein Cartoon auf, der 2007 zu Carsons 100. Geburtstag erschien. Er zeigt einen Weißkopfseeadler, "wegen des DDT-Verbots nicht mehr bedroht". Daneben ist eine Mutter mit Baby gezeichnet, ein Malariaopfer. "Noch immer bedroht wegen des DDT-Verbots", steht darunter.

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