Weltgeschichte der Umweltbewegungen Ökologische Aufklärung

Joachim Radkau zeichnet aus historischer Sicht die Konturen einer Weltgesellschaft, in der Mensch und Natur im Einklang sind.

Von Mathias Greffrath

Kümmern wir uns um den ,toten Hund' Atomenergie nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich und widmen wir uns der Aufgabe, neuen Energieversorgungsstrukturen zum Durchbruch zu verhelfen." In seiner voluminösen "Weltgeschichte" der Umweltbewegungen zitiert Joachim Radkau diesen Satz, der vor 25 Jahren in einem Robin-Wood-Magazin stand. Heute reden alle so. Radkau fragt: "Soll man von einem Lernprozess reden? Lieber nur mit Vorsicht; denn die Weltgeschichte ist keine Schulstube, sondern eine Arena voller Machtspiele und Interessenkämpfe."

Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben 1979.

(Foto: dpa)

Radkaus Vorhaben, nach seinen Studien über Natur und Macht, verdrängte Alternativen der Energiepolitik, Technikgeschichte und soziale Bewegungen nun eine Gesamtdarstellung "seiner Bewegung" zu schreiben, sei, so räumt der Bielefelder Historiker ein, eigentlich "unmöglich". Denn bis auf weiteres ist sein "Lebensthema" eine unabgeschlossene, unübersehbare Fülle von Geschichten.

Von der Agrikultur bis zum Militär, von der Energie bis zur Architektur, von der Wasserversorgung bis zum Welttextilmarkt, von der Pharmachemie bis zur globalen Gerechtigkeit - kein Bereich unseres wirtschaftlichen, sozialen, politischen Lebens, den der "ökologische Urknall" von 1970 nicht erreicht hat, "als Lebensphilosophie und als Herrschaftslegitimation, als Wissenschaft und als Kampfparole von Protestbewegungen".

Zwar stehen die Eckpfosten einer solchen Geschichte fest: hier die "Wachstumsprogrammiertheit des bestehenden Wirtschaftssystems", dort die "Menschenrechte auf sauberes Wasser, gute Luft, gesunde Ernährung und einen ruhigen Schlaf" und nicht zuletzt auf Gerechtigkeit in der Verteilung dieser Rechte. Aber die Auseinandersetzungen zwischen diesen Polen haben tausend Orte, Themen, Gestalten: Allein 2008 gab es 80.000 dokumentierte, teils militante Umweltkonflikte.

Weltgeschichte: Radkau wirft einen langen Blick auf die Vorgeschichte und die Ahnen der Ökologiebewegung: ihre mit der Industrialisierung einsetzenden Anfänge, die Romantik, die "kommunalpolitischen Tatmenschen" des 19. Jahrhunderts, die lebens- und landreformerischen Etappen, den amerikanischen New Deal.

Dann aber - und das macht den Hauptteil aus - bringt er die Leser auf eine Reihe rhapsodischer Weltumrundungen mit einem Historiker-Satelliten: Der reflektierende Blick wechselt ständig, changiert vom großen Ganzen der Erdökologie auf Kontinente und Katastrophen, zoomt näher auf ökologische Kämpfe um den Aralsee, pazifische Wälder, Gorleben und Whyl, einen Damm in Indien, ein Wasserwerk in Bolivien oder das Leben des Fleckenkauzes. Er verweilt immer wieder an Orten der Politik: bei Parlamenten, Regierungen, Bürokratien, Medien; und bei vielen Aktivisten der Umweltbewegung: den Erfolgreichen, den Gescheiterten, auch den Ermordeten.

Der globale Blick zeigt, wie die nationalen politischen und kulturellen Traditionen die Reizthemen und Verlaufsformen der Konflikte bestimmen: In den USA, wo Radkau die Geburtsstätte der neueren Ökologiebewegungen sieht, verbindet sich der Kampf gegen Industrieverschmutzung mit der Liebe zur Wildnis à la Thoreau, cleveren Anwälten, Verursacher-Rechtsprechung und gelegentlicher Sheriffentschlossenheit des Staates.

Die Singularität der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland verdankt sich einer konfliktreichen Allianz von Wissenschaftlerstreit, Ingenieursskepsis, Bürokratie, Richterrecht, Regionalismus, Protestformen der 68er und Hippie-Romantik. Und nicht zuletzt lastete hierzulande das Gedankenerbe der Vergangenheit auf den Schultern der Ökologiebewegung: Die Nazi-Geschichte und die von "68" hat es vielen deutschen Grünen lange Zeit unmöglich gemacht, die konservierenden, heimatliebenden Potenzen im ökologischen Denken zu akzeptieren.

Ökologische Aufklärung, die sich als Arbeit organisiert, geht taktische Allianzen ein und ist selbst nicht frei von Konflikten: "Natur"-Schutz gegen "Kulturlandschaft", Landschaftsschützer gegen Windradbetreiber, "Green Growth" gegen "Nullwachstum", Gewerkschafter gegen "Postindustrielle". Und immer wieder: Charismatiker gegen Ökokraten. Konfliktreich und widersprüchlich in sich sind die ökologischen Bewegungen nicht zuletzt deshalb, weil sie so massiv mit den Kämpfen um Gerechtigkeit verbunden sind und - das gehört dazu - um die mediale Deutungshoheit.

Radkaus Darstellung fasziniert, weil sie die Konturen einer werdenden Weltgesellschaft, einer nicht organisatorisch zu fassenden ökologischen Ökumene abtastet. Vorzüglich in diesem Sinn ist das Buch eine "Weltgeschichte". Wo stehen wir in ihr? "Die Gegenkräfte sind übermächtig: Noch immer bietet das fortgesetzte Wirtschaftswachstum weltweit attraktivere machtpolitische Chancen", und das heißt für den Weberianer Radkau: "Wenn der Umweltschutz nicht selbst zu einer Macht wird, hat er gegen diese Mächte keine Chance."

Der globalen Konferenzdiplomatie traut er wenig zu. Die Weltklima-Konferenzen seien ein Desaster, der "marktkonforme" internationale Emissionshandel schaffe mehr Probleme als effiziente Lösungen: wenig wirksam, undurchsichtig, zum Betrug einladend, nicht innovationstreibend. Schließlich sei es "keineswegs ausgeschlossen" - wie Radkau mit pointierter Zurückhaltung formuliert - "dass die ,Umweltprobleme' ... künftig umdefiniert und mit aggressiven Handlungsimpulsen versehen ", einem imperialistischen Wettkampf um maximale Anteile an der Restwelt als Scheinlegitimation dienen. Global gesehen trügen mutige nationale Vorreiter - die Goldmedaille bekommt einmal mehr das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz - mehr zum ökologischen Umbau bei als das Warten auf eine globale Organisation.

Die Weltgeschichte der Ökologie ist eine von Aufklärungserfolgen, aber auch eine von vielen verpassten Chancen und vertanen Jahrzehnten. Die in diesen Tagen deprimierendsten Fallstudien in Radkaus Buch handeln auch davon, wie der deutsche Wissenschafts- und Finanzminister Hans Matthöfer schon 1978 eine Benzinsteuer zur Einführung alternativer Energien einführen wollte und an einer Koalition von Bundesbank, Gewerkschaften, SPD-Wahlkämpfern und mangelnder Unterstützung von Kanzler Helmut Schmidt scheiterte, oder wie die kluge Bundestags-Enquetekommission zur Kernenergienutzung unter Gegnern wie Befürwortern 1981 einen Konsens darüber herstellte, dass Deutschland auch ohne Atomenergie ausreichend versorgbar sei, und diese Erweiterung der politischen Optionen von keiner Regierung aufgenommen wurde.

Radkau vermeidet apokalyptische Zuspitzungen ebenso wie unbegründbare Hoffnungen. Das ist wohltuend, aber wer sich durch die 800 - mit "Liebe und Wut" geschriebenen - Seiten von Strukturanalysen, Geschichten und nicht zuletzt vielen Anekdoten (wer weiß schon, dass Willy Brandt West-Berlin mit einem AKW auf der Pfaueninsel versorgen wollte?) gearbeitet hat, der landet doch immer wieder bei dem Satz des amerikanischen Ökosozialisten und glücklosen Präsidentschaftskandidaten Barry Commoner: "Wir kennen den Feind: Der Feind sind wir." Wir Weltgesellschafter, mit Lebensbedürfnissen hier und jetzt - sehr unterschiedlichen in Bangladesch und München - und einem begrenzten Sensorium für eine ferne, unbestimmte Zukunft und das unübersichtliche Ganze der Erde.

Wir wissen nicht, schreibt Radkau, ob die ökologische Aufklärung oder der imperiale Kampf um die immer knapperen natürlichen Ressourcen die Zukunft bestimmen und die "Ära der Ökologie nur eine vorübergehende Phase der Hellsicht" gewesen sein wird. "Nichts ist riskanter, als die gegenwärtige Epoche zu bestimmen; jene historischen Epochen, die uns heute geläufig sind, bekamen ihre Namen in aller Regel nur aus der Rückschau." Vorgreifend auf einen guten Ausgang blickt Radkau hypothetisch zurück: "Vielleicht wird es sich in Zukunft überhaupt als zeitbedingter Irrweg erweisen, Natur- und Umweltschutz als separate Bereiche zu etablieren, anstatt sie als integrale Bestandteile von Energie-, Verkehrs- und Baupolitik zu begreifen."

Wenig spricht derzeit für eine solche Revolution (denn das wäre es), aber Radkaus Blick in die Geschichte zeigt auch, dass es, bei aller Trägheit der Interessen, "den historischen Augenblick gibt, wo das Trägheitsmoment bestehender Strukturen durchbrochen wird und manches möglich wird, was bis daher als unmöglich galt. Der beste ,Nutzen der Historie für das Leben' besteht vielleicht darin, den Blick für derartige Augenblicke in der eigenen Gegenwart zu schärfen."

Erleben wir gerade einen solchen Augenblick? "Wenn dein Pferd tot ist, dann steig ab." Diesen Satz sprach der CSU-Energie-Experte Nüßlein Mitte März - im vergangenen Herbst wollte er noch dringend die deutsche Technologieführerschaft sichern, für die zu erwartende, weltweite "Renaissance der Kernenergie". Aufklärung, schrieb Diderot, auch er ein Denker des Ganzen von Natur und Mensch, bestehe darin, falsche Ideen von Sockel zu stürzen, und zu Unrecht gestürzte wieder darauf zu stellen.

JOACHIM RADKAU: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. C. H. Beck Verlag, München 2011. 782 S., 29, 95 Euro.

Der Autor ist Publizist und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.