Zinsmanipulationen Früherer Star-Händler der Deutschen Bank muss ins Gefängnis

Der frühere Angestellte der Deutschen Bank, Christian Bittar, bei einem Gerichtstermin im Januar 2016.

(Foto: AFP)
  • Ein Londoner Gericht hat den Ex-Banker Christian Bittar zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt.
  • Die Ankläger werfen ihm und fünf anderen Bankern vor, von 2005 bis 2009 den wichtigen Zinssatz Euribor manipuliert zu haben.
Von Björn Finke, London

Vom Star-Händler zum Häftling: Der Southwark Crown Court in London verurteilte am Donnerstag Christian Bittar zu fünf Jahren und vier Monaten Gefängnis. Der Franzose war einst bestbezahlter Händler bei der Deutschen Bank; das Institut sprach ihm für seine im Jahr 2008 getätigten Spekulationsgeschäfte den Rekordbonus von 80 Millionen Euro zu.

Doch bei seinem Erfolg halfen ihm miese Tricks. Die Ankläger warfen ihm und fünf anderen Bankern vor, von 2005 bis 2009 den wichtigen Zinssatz Euribor manipuliert zu haben. Das ist gemeinschaftlicher Betrug. Bittar galt als Drahtzieher, er bekannte sich schuldig und sitzt bereits seit Frühjahr in Untersuchungshaft. Ein alter Freund Bittars muss noch länger ins Gefängnis - wenn die Justiz seiner habhaft wird: Philippe Moryoussef, ebenfalls Franzose, wurde in Abwesenheit zu acht Jahren verdonnert.

Er war wie Bittar ein Star der Branche in London, arbeitete allerdings beim britischen Rivalen Barclays. Im Februar 2017 plädierten Bittar, Moryoussef und die vier anderen Angeklagten bei einer Anhörung vor Gericht auf unschuldig. Als Bittar sich ein Jahr später plötzlich schuldig bekannte, entschied Moryoussef, dem Prozess fernzubleiben. Er lebt in Frankreich und ließ sich im Southwark Crown Court auch nicht von einem Anwalt vertreten. Das Verfahren begann im April. Die Geschworenen befanden Moryoussef schon vor drei Wochen für schuldig. Jetzt verkündete Richter Michael Gledhill das Strafmaß.

"Bedenkliche Mängel"

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Ein weiterer Angeklagter ist Manager der Deutschen Bank in Frankfurt. Der Deutsche wurde freigesprochen. Bei den übrigen drei Angeklagten - früheren Angestellten der Bank Barclays - konnten sich die Geschworenen nicht einigen. Das Serious Fraud Office (SFO), die britische Behörde für Fälle schwerer Wirtschaftskriminalität, verkündete am Donnerstag, ein neues Verfahren gegen das Trio - zwei Briten, eine Dänin - anzustrengen. Das soll im Januar beginnen.

Die Ankläger wollten fünf weitere Banker vor Gericht stellen: vier Deutsche, die einst für die Deutsche Bank tätig waren, und einen Franzosen, der für Société Générale gearbeitet hat. Sie erschienen Anfang 2016 nicht einmal zu den ersten Anhörungen vor dem Prozess, sondern blieben lieber in Deutschland und Frankreich. Auslieferungsanträge der Briten hatten keinen Erfolg; im Februar 2018 entschied das Oberlandesgericht in Frankfurt, die Deutschen müssten nicht überstellt werden, weil ihre Taten nach hiesigem Recht verjährt seien. Da sich das Quintett anders als Moryoussef von Anfang an nicht an dem Verfahren beteiligt hat, wurde gegen sie auch nicht in Abwesenheit verhandelt.

Insgesamt Strafen in Höhe von neun Milliarden Dollar

Euribor ist wie Libor ein sogenannter Referenz-Zinssatz. An diesen täglich ermittelten Werten orientieren sich Kredite und Wertpapiere im Volumen von Hunderten Billionen Dollar weltweit. Nach Ausbruch der Finanzkrise gingen Aufseher und Ermittler dem Verdacht nach, dass Banken die Sätze zu ihrem Vorteil gedreht hatten. Das war überraschend einfach, denn die Werte sind Ergebnis von Angaben der Banken. Die Konzerne teilen mit, welche Zinssätze sie selbst zahlen müssen. Trickreiche Händler nahmen Einfluss darauf, welche Daten ihre Bank übermittelt. So sollte sich der festgestellte Zinssatz in eine Richtung bewegen, die den eigenen Spekulationsgeschäften nutzte.

Aufseher verhängten insgesamt gut neun Milliarden Dollar an Strafen gegen die Konzerne. Allein die Deutsche Bank einigte sich vor drei Jahren mit Behörden in den USA und Großbritannien auf eine Buße von 2,5 Milliarden Dollar. Bereits 2013 verlangte die EU-Kommission 725 Millionen Euro von den Frankfurtern.

Der erste Händler, der wegen der Mauscheleien verurteilt wurde, war Tom Hayes. Der Brite stand 2015 vor dem gleichen Gericht wie Bittar und Moryoussef und sitzt eine elfjährige Strafe ab. Er hatte den Libor gedreht. Das Verfahren gegen Bittar, Moryoussef und die anderen war das erste, das sich mit der Manipulation des Euribor - der Euro Interbank Offered Rate - beschäftigte, eines Zinssatzes für die Gemeinschaftswährung Euro.

Moryoussefs Anwälte in Paris kündigten schon vor dem Urteil an, durch alle Instanzen zu gehen, bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Das wird Jahre dauern, und währenddessen kann Moryoussef unbehelligt in Frankreich leben. In einem Interview sagte der 50-Jährige, was er getan habe, sei nach damaligem Recht "legitim, legal" und außerdem "in der gesamten Bankenbranche seit mehr als zwei Jahrzehnten üblich" gewesen. Es sei eine schlimme Überraschung gewesen, dass sich sein Mitangeklagter Bittar auf einmal schuldig bekannte. Moryoussefs Verteidiger argumentieren, der Verhaltenskodex für die Ermittlung des Euribor habe zu der Zeit nicht verboten, dass Banken bei ihren Einreichungen eigene Profitinteressen berücksichtigen. Bei der Beurteilung Moryoussefs dürfe das Gericht nicht heutige Standards anlegen.

Im Verfahren schoben Ankläger und Angeklagte reichlich Schuld auf Moryoussef. Da der sich nicht verteidigen ließ, blieben die Vorwürfe unbeantwortet. Doch Moryoussef ist weiter ein freier Mann - anders als sein früherer Freund Bittar.

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