bedeckt München 17°
vgwortpixel

Zeitenwende bei Fiat:Turiner Optimisten

Auf zum "kreativen Wiederaufbau nach dem perfekten Sturm": Wie Sergio Marchionne Italiens Nationalstolz Fiat mit einer neuen Strategie aus der Krise führen will.

Turbulente Tage bei Fiat: Zuerst wurde der Enkel des Konzernpatriarchen Gianni Agnelli, John Elkann, zum neuen Präsidenten gekürt. Einen Tag später geht es in Turin um die Zukunft des Traditionsunternehmens. Es soll sich mit der Abspaltung des Autogeschäfts radikal ändern.

Fiat 500

Fiat möchte das Autogeschäft vom Rest des Konzerns abspalten.

(Foto: Foto: oh)

Vor Sergio Marchionne liegen noch sechs Stunden Präsentation seines Masterplans der Fiat-Zukunft, als er mit gewohnter Lässigkeit zunächst den neuen Konzernpräsidenten John Elkann zu sich auf die Bühne ruft: "John, los, komm rauf hier". Im Kammermusiksaal "Sala 500", den Renzo Piano unter das fast 100 Jahre alte ehemalige Turiner Fiat-Werk Lingotto gebaut hat, spenden die Investoren und Analysten dem 34-jährigen Agnelli-Enkel lange stehend Beifall.

Am Morgen erst war der bereits 1997 zum Konzernerben designierte Elkann vom Fiat-Verwaltungsrat als Nachfolger von Luca di Montezemolo bestimmt worden. Das neue Gespann, das aus dem in New York geborenen Agnelli-Spross und dem italo-kanadischen Emigrantensohn Marchionne besteht, will den traditionsreichen Industriekonzern Fiat nun zum "kreativen Wiederaufbau nach dem perfekten Sturm" führen. Unter dieses Motto jedenfalls stellte Marchionne den Investorentag im Lingotto.

Und es gab an diesem Tag viel zu erklären. Denn wer an Fiat denkt, denkt vor allem an Autos. An den kleinen Cinquecento, an den Punto, den Panda. Vielleicht noch an Alfa Romeo, Ferrari, Maserati. Aber an den Lkw-Hersteller Iveco, den Zulieferer Magneti Marelli, den Bau- und Landmaschinenhersteller Case New Holland, den Anlagenbauer Comau, den Fußballclub Juventus Turin?

Neue Allianzen einfacher organisieren

Das Autogeschäft ist nur für 56 Prozent des Umsatzes verantwortlich. Schon seit langem wird daher darüber spekuliert, dass Fiat seine Traditionssparte mit den Marken Fiat, Alfa, Lancia abtrennt, um den Konzern unabhängiger von den brutalen Zyklen im Autogeschäft zu machen.

Branchenkenner halten die Trennung vom Geschäft mit Bau- und Landmaschinen CNH sowie vom Lkw-Bauer Iveco also für sinnvoll. Außerdem: Auf diese Weise wären neue Allianzen mit anderen Autoherstellern einfacher zu organisieren. Für die mehr als 100 Agnelli-Erben ist die Aufspaltung des Konzerns zudem der sicherste Weg, ihr Vermögen zu mehren. Der übliche Holding-Rabatt fällt weg.

"Das wird ein Kürzungsplan"

Während die Herren der Konzernspitze auf der Bühne noch Arm in Arm in die Fernsehkameras lächeln, sprechen Gewerkschafter vor den Werkstoren in Turin über die Ängste der Beschäftigten, die von Marchionnes Krisentherapie schmerzhafte Einschnitte erwarten. "Das wird ein Kürzungsplan", weiß Giorgio Cremaschi von der Metallgewerkschaft Fiom schon vorher.

An der Börse ist die Stimmung an diesem Mittwoch, den sie im italienischen Fernsehen "historisch" nennen, auch nicht besser. Der Kurssprung der Fiat-Aktie um neun Prozent, der am Vortag die Ankündigung des Stabwechsels euphorisch begleitet hatte, erwies sich als Strohfeuer. Als Marchionne in Turin den auf Englisch gehaltenen Rede-Marathon einleitet, fällt die Fiat-Aktie um 4,3 Prozent und ist damit sogar das Schlusslicht auf dem Mailänder Kurszettel.

Das ändert sich schlagartig, als Marchionne gegen 17 Uhr endlich die Katze aus dem Sack lässt. Nach fünfstündigen Detailbetrachtungen über den Geschäftsplan von Fiat bis 2014 ruft er die von der Börse beschworene Aufspaltung des Konzerns aus. Noch bis Ende des Jahres will Marchionne die Autosparte vom Konzern abtrennen und an die Börse bringen. Unter dem Namen Fiat Industrial firmieren dann die zurückbleibenden Aktivitäten von CNH, Iveco und den anderen Konzerntöchtern. Geplant ist, dass jeder gegenwärtige Fiat-Aktionär jeweils eine Auto-Aktie und Fiat-Industrial-Aktie erhalten wird.

Fiat 500 Abarth

Der etwas halbstarke Auftritt