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Wüstenstromprojekt Desertec:Nicht einmal Plan B gilt als sicher

Nun droht der Absturz. Finanziert wurde die Dii bislang über Jahresbeiträge ihrer Gesellschafter. Die Dii-Spitze um den Niederländer Paul van Son hatte von denen noch vor einigen Monaten den Auftrag bekommen, ein Konzept für die Umwandlung der befristeten Gesellschaft in eine Dauereinrichtung auszuarbeiten. Nun wird klar: Daraus wird nichts. Nur eine gute Hand voll Unternehmen wäre bereit, sich in größerem Umfang weiter finanziell zu engagieren. Den gesamten Finanzbedarf wollen auch Befürworter einer Dauerlösung wie der Rückversicherer MunichRe, RWE oder der chinesische Milliardenkonzern State Grid allein nicht stemmen. Der Fortbestand der Dii in heutiger Form rückt in weite Ferne. "Das dürfte in der entscheidenden Verhandlung keine Rolle mehr spielen", sagt ein Insider.

Wird die Dii tatsächlich abgewickelt, könnte ein Plan B greifen. Die Zentrale in München mit 20 festen Jobs müsste schließen. Die Dii könnte in kleinerer Form als Beratungsunternehmen überleben, heißt es. Die Geschäfte sollen dann eine Hand voll Mitarbeiter direkt aus Nordafrika oder dem Nahen Osten führen. Die Hoffnung: So würde wenigstens die aufgebaute Expertise zu den besten Standorten für Wind- und Solarkraftwerke und den technischen wie politischen Voraussetzungen für die Realisierung der Vision erhalten. Doch nicht einmal das gilt als sicher. Ein komplettes Aus des Projekts sei möglich, heißt es. Die Gesellschaft selbst äußerte sich am Dienstag nicht zu ihrer Zukunft. "Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen", sagt ein Dii-Sprecher. Sie werde am Montag von den Gesellschaftern getroffen. "Dem werden wir nicht vorgreifen."

Interne Auseinandersetzungen

Die Dii-Bilanz gilt als durchwachsen. Aus dem erhofften eigenen Pilotprojekt in den Wüsten Nordafrikas wurde nichts. Auch das zu Beginn erklärte Ziel, Strom nach Europa zu exportieren, hat sich nie erfüllt. Wegen des rasanten Booms bei Wind- und Solaranlagen verfügt Europa heute über zu viel und nicht zu wenig Strom. Die Dii konzentrierte sich zuletzt darauf, Anlagen für den schnell wachsenden Strombedarf in Afrika zu fördern. Das Interesse in Ländern wie Marokko, Tunesien, Algerien und Ägypten an grünem Strom wächst, was als größtes Verdienst der Initiative gilt.

Vorreiter wie Marokko bauen an gigantischen Ökostromprojekten - allerdings auf eigene Faust und ohne die Dii. Dass die anfangs auch von der Bundesregierung unterstützte Initiative zuletzt beständig an Bedeutung verlor, liegt auch an internen Auseinandersetzungen. Vor einem Jahr lähmte ein Machtkampf um die Dii-Spitze die Zentrale. Die Desertec Foundation, deren Wüstenstrom-Idee der Industrieinitiative zugrunde lag, distanzierte sich von dem Projekt. Mitglieder wie Bosch, Siemens, Eon und Bilfinger kehrten der Initiative den Rücken. Zuletzt hatte auch noch Dii-Chef Paul van Son seinen ganz eigenen Austritt erklärt. Er wechselt am Jahresende zum Gesellschafter RWE.

© SZ vom 08.10.2014/jasch
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