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Wirecard und die Folgen:Scheingeschäfte unter den Augen der Aufsicht

Investigative committee on Wirecard accounting scandal in Berlin

Der Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages versucht seit Monaten, Licht in den Skandal zu bringen.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Der Untersuchungsausschuss untersucht die Rolle der konzerneigenen Bank, die Rücktritte häufen sich - und ein Ex-Bundesminister soll den Ruf des Prüfkonzerns EY retten.

Von Lena Kampf und Jan Willmroth, Berlin, Frankfurt

Rainer Wexeler erinnert sich noch genau, wie er das stramme Regiment bei Wirecard erlebte. Wie weit der Vorstand des Konzerns in die hauseigene Bank hineinregierte, deren Chef Wexeler jahrelang war. Im Jahr 2016 habe er auf Bitten des damaligen Wirecard-Finanzchefs Burkhard Ley vier strategische Kreditverträge für Start-ups in Asien genehmigt, nur gegen Bürgschaft des Mutterkonzerns, so erzählt es Wexeler am Donnerstagmorgen im Wirecard-Untersuchungsausschuss. Als 2017 und 2018 weitere Darlehensanträge aus dem Bereich auf seinem Tisch landeten, habe er jedoch "nach intensiver Recherche" abgelehnt.

Das habe für Irritation gesorgt. Er habe daraufhin im Büro des Vorstandsvorsitzenden "Dr. Braun", wie er ihn nennt, "antanzen müssen". Braun habe sich vor ihm aufgebaut. "Ich bin der Eigentümer, und nur der Eigentümer kann ablehnen", soll er gesagt haben. Er habe Wexeler vorgeworfen, ertragreiche Geschäfte der AG zu verhindern. Auch Wexelers Gehalt würde schließlich davon bezahlt, soll Braun gedroht haben.

Donnerstag, halb elf, es geht direkt zur Sache im Wirecard-Untersuchungsausschuss. Die Sitzungen an diesem Donnerstag und Freitag werden wieder bis weit über das politische Berlin hinaus Folgen haben. Seit dem Beginn im Herbst haben die Abgeordneten ungezählte Daten und Dokumente der Zeitgeschichte gesichert, die ohne ihr Wirken wohl noch immer auf den Servern von Behörden versteckt wären. In detailversessener Arbeit leuchten die Parlamentarier mit ihren Mitarbeitern parteiübergreifend das kollektive Kontrollversagen im Fall Wirecard aus, von Jan Marsaleks Täuschungsmanövern bis hin zu Feinheiten der Bankenaufsicht. Sie haben Lobbyisten enttarnt und Ex-Politiker in Erklärungsnot gebracht, das Bundesfinanzministerium unter Zugzwang gesetzt und mehrere Rücktritte provoziert oder zumindest beschleunigt.

Bafin-Chef Felix Hufeld und seine Vize Elisabeth Roegele sind da nur die prominentesten Beispiele. In dieser Woche folgte mit Edgar Ernst zuerst der Präsident der Bilanzkontrollstelle DPR, am Donnerstag trat EY-Deutschlandchef Hubert Barth zurück. Die Prüfgesellschaft hatte Wirecards mutmaßlich gefälschte Konzernbilanzen ein Jahrzehnt lang als korrekt abgezeichnet und hat jetzt Ärger wegen zahlreicher Schadenersatzklagen. Barth wird durch eine Doppelspitze ersetzt. Zudem soll eine unabhängige Expertenkommission unter dem Vorsitz von Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) für die Prüffirma die Lehren aus dem Fall Wirecard ziehen.

Das steht auch anderswo noch aus, etwa mit Blick auf jene Behörden, die Deutschlands Banken überwachen. Ex-Wirecard-Banker Wexeler will sich damals weiter gewehrt haben gegen die undurchsichtigen Kreditvergaben. Die Aufsichtsbehörden will er darüber spätestens bei einem Abschlussgespräch informiert haben, etwa die Bundesbank im Dezember 2019, nachdem sein befristeter Arbeitsvertrag nicht mehr verlängert worden war. "Da habe ich mein persönliches Empfinden dargelegt, warum ich keine Vertragsverlängerung bekommen habe", sagt Wexeler. Eben weil er die Kreditanträge nicht so genehmigt habe, wie vom Konzern gewünscht. Er habe auch das autoritäre Auftreten von Markus Braun geschildert. "Regularien und Gesetze haben ihn nicht interessiert", sagt Wexeler. "Für Widerspruch war da kein Platz". Die zuständige Referatsleiterin der Bundesbank habe alles notiert. Auch sie soll im Ausschuss befragt werden.

Die hauseigene Bank wurde offenbar systematisch ausgenommen

Die konzerneigene Bank wäre wohl ein Schlüssel gewesen, um Wirecard früher zu enttarnen. Anders als für den Gesamtkonzern war die Bafin für die Bank direkt zuständig. Das Institut, so hieß es allerdings in Bafin-Kreisen kurz nach der Wirecard-Pleite, sei nicht größer als eine mittlere Sparkasse und habe recht unauffällig agiert. Haben die Aufseher überhaupt genau genug hingeschaut? Und die Wirtschaftsprüfer von PwC, die der Bank für das Jahr 2019 noch ein uneingeschränktes Testat erteilt hatten? In den Reihen der Bafin war man ziemlich überrascht ob der Bedeutung der Bank für den mutmaßlichen Betrug. Bei der KPMG-Sonderprüfung waren zuvor Großkredite im Rahmen eines "strategischen Kreditportfolios" aufgefallen, darunter Millionenzahlungen an dubiose Partner in Asien. Also auch jene Kredite, gegen die sich Wexeler gewehrt haben will.

Dieselben Kredite schaute sich daraufhin die interne Revision der Bank an und kam in zwei Berichten zu eindeutigen Ergebnissen: Die Bank wurde offenbar systematisch ausgenommen, der damalige Konzernvorstand Marsalek hat direkt in Kundenbeziehungen der Bank sowie die Kreditvergabe hineinregiert. Wichtige Risikovorschriften wurden einfach ignoriert. Es gebe "zunehmend Indizien", dass die strategischen Darlehen "für die Generierung von Scheinumsätzen und -erträgen des angeblichen TPA-Geschäfts der Wirecard-Gruppe missbraucht werden/wurden", schrieb Chefrevisor Mario Vinke im September 2020 per Mail an die Bankenaufsicht. Auch er ist am Donnerstag als Zeuge geladen und schildert diese Vorgänge noch einmal fürs Protokoll.

Interne E-Mails belegen, wie erst eine Presseanfrage im Sommer bei den Bankenaufsehern Unbehagen auslöste. Sie suchten Kontakt zum Vorstand der Wirecard-Bank, forderten weitere Informationen und Berichte an, erwogen sogar einen Rauswurf des damaligen Bankchefs. Alles erst, als der Konzern schon insolvent war. Die Bafin erklärt dazu, die Bank sei mit dem Wissen von damals "ordnungsgemäß beaufsichtigt und auch geprüft" worden. Nach Informationen der SZ sind die Dienstherren der Behörde im Bundesfinanzministerium allerdings darauf bedacht, auch die Vorgänge in der Bankenaufsicht noch einmal genau zu hinterfragen. Nach all den Rücktritten wäre es schon überraschend, wenn das ganz ohne personelle Konsequenzen abliefe.

© SZ
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