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Bilanzskandal:Blumen von Wirecard

Buerogebaeude Ernst &Young am Abend,in den Bueros brennt Licht. EY GmbH Wirtschaftspruefungsgesellschaft in Muenchen. Er

EY-Niederlassung in München: Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Untersuchungsausschuss des Bundestages untersuchen die Rolle des Prüfkonzerns im Wirecard-Skandal.

(Foto: Frank Hoermann/imago images/Sven Simon)

Marsalek & Co. hatten teils leichtes Spiel mit den gutgläubigen Bilanzkontrolleuren von EY. Jetzt will der Prüfkonzern seine Grundhaltung ändern: mehr Skepsis, genauer hinschauen.

Von Klaus Ott, Jörg Schmitt und Jan Willmroth, Frankfurt

Die Ostergrüße, die ein Senior Manager des Wirtschaftsprüfkonzerns EY im April 2017 kurz vor den Feiertagen an Wirecard-Finanzvorstand Burkhard Ley schickte, klangen nahezu anbiedernd. Noch dazu für jemanden, der die Bilanzen des anderen kontrollieren soll. "Hallo Herr Ley, über den von Ihnen selbst gepflückten Blumenstrauß, der noch immer wunderbar blüht, hat sich meine Frau sehr gefreut, vielen Dank dafür." Blumen und blumige Worte - das spricht nicht gerade für die gebotene Distanz zwischen Prüfer und Unternehmen. Doch so war er offenbar - der Ton zwischen Wirecard und EY. Ende 2017 bedankte sich ein anderer Prüfer bei Leys Vorstandskollegen Jan Marsalek überschwänglich für ein spannendes und erfolgreiches Jahr. "Auch 2018 stehen wir Ihnen mit unserem Team für alle kleinen, großen, innovativen und speziellen Lösungen zur Verfügung."

Das alles erweckt den Eindruck von Nähe, von Vertrauen - von zu viel Vertrauen? Ein Jahrzehnt lang hat der Prüfkonzern, der weltweit zu den vier Großen in diesem Geschäft gehört, die Bilanzen von Wirecard für in Ordnung befunden. Ein ganzes Jahrzehnt lang, bevor der mutmaßliche Milliardenbetrug aufflog. Jetzt zeigen neue Erkenntnisse: Marsalek & Co. hatten zeitweise leichtes Spiel mit den scheinbar so gutgläubigen Bilanzkontrolleuren. Der Fall Wirecard legt die Schwächen bei EY schonungslos offen. Die sollen nun abgestellt werden. Mit mehr Skepsis, mehr Technik, mehr kriminalistischem Gespür und strengeren Kontrollen. Und mit Hilfe des früheren Finanzministers Theo Waigel, der als erfahrener Ratgeber den Ruf von EY mit retten soll.

Aus den Vorgängen, die in zahlreichen Mails und internen Unterlagen von EY und Wirecard dokumentiert sind und EY nicht gut aussehen lassen, sticht ein Ereignis besonders heraus. Ein Ereignis, das den Eindruck erweckt, der Prüfkonzern habe sich von dem inzwischen untergetauchten Marsalek regelrecht vorführen lassen. Mitte Oktober 2019 hatte die britische Financial Times (FT) berichtet, 34 Geschäftspartner einer der Hauptpartner von Wirecard in Dubai würden gar nicht existieren oder seien keine Kunden. Das alarmierte Aktionäre wie Aufsichtsrat, und auch bei EY war man hochgradig besorgt. Der Prüfkonzern wollte klären, was an den Vorwürfen dran ist. Doch erst einmal ging gar nichts.

EY musste sechs Wochen auf Daten zu 34 Handelspartnern warten

Am 22. November 2019 bat ein EY-Prüfer per Mail "dringendst" darum, endlich die Daten zu diesen 34 Handelsfirmen zu bekommen. "Wir warten nunmehr seit zu vielen Wochen darauf." Die Mail ging an Marsalek, der für diese Geschäfte zuständig war, und Wirecard-Finanzvorstand Alexander von Knoop. Drei Tage später hakte der EY-Prüfer bei Knoop nach: "Wir benötigen dies dringendst!" Da waren seit der FT-Veröffentlichung schon 42 Tage vergangen, also sechs Wochen beziehungsweise fast eineinhalb Monate. Mehr als genug Zeit für Marsalek & Co., um Daten von 34 Handelsfirmen aus dem Netzwerk rund um Wirecard zu besorgen. Der in Aschheim bei München ansässige Zahlungsdienstleister wollte ja der digitale Vorzeigekonzern aus Deutschland sein. Ein Konzern, der von Daten lebte. Der aber keine Daten besorgen konnte, wenn es Fragen gab.

Was dann geschah, schilderte ein weiterer EY-Prüfer als Zeuge bei der Staatsanwaltschaft München I. Die ermittelt gegen Marsalek, Ex-Konzernchef Markus Braun und viele andere Beschuldigte unter anderem wegen Betrugsverdachts. Braun weist alles zurück. Auch mehrere EY-Mitarbeiter werden inzwischen beschuldigt, ihren gesetzlichen Prüfpflichten nicht nachgekommen zu sein.

Der EY-Zeuge sagte bei der Staatsanwaltschaft aus, man habe sich Daten von den 34 Händlern besorgt und eine Stichprobe nehmen wollen. Marsalek sei aber dagegen gewesen und habe gesagt, die Händler seien wegen der ganzen Aufregung um die FT-Berichterstattung sehr nervös. Er, Marsalek, wolle erst klären, welche Händler bereit seien, mit EY zu reden. Marsalek habe eine Liste von Firmen geschickt. Diese Händler habe EY angeschrieben und entsprechende Rückmeldungen bekommen. Im Prinzip hätten die Firmen überwiegend positiv bestätigt, dass die von Wirecard angegebenen Geschäfte auch so abgewickelt worden seien. So sagte es der EY-Zeuge gegenüber den Ermittlern aus.

Derjenige, der kontrolliert werden soll, bestimmt, wie die Kontrolle ablaufen soll

Wenn das so stimmt, bedeutet das: Derjenige, der kontrolliert werden soll, bestimmt, wie die Kontrolle ablaufen soll. Nimmt man das zum Maßstab, dann könnte die Staatsanwaltschaft München die Ermittlungen gegen Marsalek auch gleich dessen Verteidigern überlassen. Mit absehbarem Ergebnis. Kein Wunder also, dass EY mit Marsaleks Hilfe zu dem Schluss kam: "Die erweiterten Prüfungshandlungen bestätigten die Existenz der 34 Kundenbeziehungen." So steht es in einer internen Notiz von EY.

Heute heißt es bei EY, man habe sich nicht von Marsalek an der Nase rumführen lassen, sondern noch eigene Recherchen angestrengt. Doch bevor die vorlagen, sei man auf jene gefälschten Bankdokumente gestoßen, die Wirecard im Juni implodieren ließen. Ob dem tatsächlich so war, wird sich womöglich Mitte März in Berlin klären. Dann sollen EY-Prüfer vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zur Wirecard-Affäre vernommen werden, darunter der bisherige Deutschland-Chef Hubert Barth, der gerade eben abgelöst wurde und künftig andere Aufgaben übernehmen soll.

Barth und seinen Kollegen steht eine harte Befragung bevor. Die Abgeordneten werden die Prüfer mit Sicherheit auch zu dem Vorgang mit Marsalek vom Herbst 2019 befragen. Die Antworten sind absehbar. EY hat in bisherigen Stellungnahmen wiederholt erklärt, dass man bei Wirecard und Marsalek nicht damit habe rechnen können, es mit Betrügern zu tun zu haben. Wirtschaftsprüfer seien keine Bilanzpolizei. "Wir sind nicht Interpol und treten keine Türen ein und verhaften niemanden", sagt einer, der das Prüfgeschäft schon lange kennt. Die Bilanzkontrolle beruhe auf einem Grundvertrauen zwischen Prüfgesellschaft und Unternehmen. Solle das anders sein, dann müsse die Politik das künftig eben anders regeln.

Gleichwohl, EY zieht Lehren aus Wirecard. Künftig sollen bei den Mitarbeitern die kritische Grundhaltung und der kriminalistische Spürsinn geschärft werden. Sprich: mehr gesundes Misstrauen, genauer hinschauen, konsequenter prüfen und weniger Blumen.

© SZ
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