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Bilanzskandal:Ex-Wirecard-Chef Braun attackiert Finanzaufsicht

FILE PHOTO: Braun of Wirecard AG attends the company's annual news conference in Aschheim

Markus Braun, ehemaliger Chef der Wirecard AG, wehrt sich gegen Vorwürfe des Insiderhandels.

(Foto: Michael Dalder/Reuters)

Er wehrt sich gegen den Vorwurf des Insiderhandels. Die Bafin kündigte an, ihre Untersuchungen auf alle Vorstände und Aufsichtsräte auszuweiten.

Von Klaus Ott

Im Milliardenskandal bei Wirecard hat die Finanzaufsicht Bafin ihre Untersuchungen ausgeweitet. Die Bonner Behörde prüft die Aktiengeschäfte aller Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der Wirecard AG, die seit Anfang 2020 im Konzern tätig waren oder dies noch sind. Die Bafin will klären, ob Manager beziehungsweise Kontrolleure beim Handel mit Wirecard-Aktien Insiderwissen genutzt haben könnten. "Darüber hinaus prüfen wir den Handel in Wirecard-Aktien insgesamt auf Auffälligkeiten in den letzten Monaten", sagte eine Sprecherin der Bafin. Die Finanzaufsicht hat bei der Staatsanwaltschaft München I bereits Strafanzeige gegen Ex-Konzernchef Braun wegen des Verdachts auf Insiderhandel erstattet. Braun hatte einen Tag vor der Insolvenzanmeldung des Konzerns für 6,6 Millionen Euro Aktien verkauft. Braun wehrt sich gegen den Verdacht, er habe nach seinem Ausscheiden bei Wirecard von der bevorstehenden Insolvenzanmeldung erfahren und deshalb schnell noch Aktien verkauft. Brauns Anwalt Alfred Dierlamm sagte der SZ: "Wir weisen diesen Verdacht, zu dem Herr Braun von der Bafin vorher nicht einmal angehört worden ist, als völlig haltlos zurück." Alles Weitere will Dierlamm mit den Ermittlern besprechen. "Zu den Einzelheiten werden wir uns ausschließlich gegenüber der Staatsanwaltschaft München I äußern." Bei der Klärung des Verdachts gegen Braun kommt es darauf an, ob dieser nach seinem Rücktritt am 19. Juni über Vertraute noch heimlich Informationen aus dem Unternehmen erhalten hat. Fünf Tage später, am 24. Juni, veräußerte Braun Wirecard-Aktien für die besagten 6,6 Millionen Euro. Am 25. Juni meldete Wirecard Insolvenz an. Brauns Rücktritt war das Eingeständnis von Wirecard vorausgegangen, dass es für die Existenz von 1,9 Milliarden Euro auf philippinischen Bankkonten noch keine ausreichenden Nachweise gebe. Inzwischen gehen die neue Konzernführung und die Staatsanwaltschaft davon aus, dass es dieses Geld nie gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Braun, den geflüchteten Ex-Vorstand Jan Marsalek und weitere Wirecard-Manager wegen Bilanzfälschung, Manipulation des Aktienkurses, Betrug sowie Veruntreuung von Konzernvermögen. Ob bei Braun auch ein offizielles Ermittlungsverfahren wegen Insiderhandel hinzukommt, ist noch offen. "Wir schauen uns alles an, wir prüfen alle in Betracht kommenden Delikte", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Dazu gehöre auch die neue Strafanzeige der Bafin. Die Bafin hat Braun und andere bereits wegen des Verdachts der Manipulation des Börsenkurses angezeigt.

Brauns Aktienanteil an Wirecard war einst mehr als eine Milliarde Euro wert gewesen. Mit dem Niedergang von Wirecard sank auch der Wert des Aktienpakets. Einen großen Teil davon verkaufte Braun am 18. und 19. Juni, um finanzielle Verpflichtungen bei Kreditgebern erfüllen zu können. Die Bafin will auch diese Transaktionen und einen weiteren Aktienverkauf von Braun am 22. Juni für 3,4 Millionen Euro auf einen möglichen Insiderhandel hin überprüfen.

© SZ vom 16.07.2020

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