Fußball und Wirtschaft:"Imagemäßig deutlich besser positioniert"

sueddeutsche.de: Auf welchem Erfolg der deutschen Nationalmannschaft basiert ihr Wert von der Viertelstunde verlorener Arbeitszeit?

Fußball und Wirtschaft: Professor Markus Voeth: "Viele Unternehmen wollen siche heute nicht mehr so eindeutig als deutsches, als französisches oder irgend ein anderes Unternehmen positionieren, sondern verstehen sich häufig als globales Unternehmen."

Professor Markus Voeth: "Viele Unternehmen wollen siche heute nicht mehr so eindeutig als deutsches, als französisches oder irgend ein anderes Unternehmen positionieren, sondern verstehen sich häufig als globales Unternehmen."

(Foto: Oskar Eyb)

Voeth: Bei jedem Befragten haben wir dessen eigene Erwartungshaltung zugrunde gelegt. Die Mehrzahl der Befragten glaubt, dass Deutschland im Viertelfinale rausfliegt, und das haben die Leute natürlich bei ihrer Antwort an der Stelle im Kopf gehabt.

sueddeutsche.de: Steigert denn ein so positiv wahrgenommenes Ereignis wie die WM nicht die Loyalität der Arbeitnehmer zu ihrem Arbeitgeber, wenn dieser besonders großzügig ist, und den Austausch am Arbeitsplatz oder sogar das Verfolgen der Spiele via Internet oder Fernsehen zulässt?

Voeth: Ja, absolut. Das schafft eine Stimmung, die eine Langfristwirkung hat. Die erwähnte Einbuße von 0,27 Prozent ist sehr kurzfristig. Sie taucht während der WM auf - durch entgangene Arbeitszeit. Der positive Langfristeffekt durch eine verbesserte Stimmung, höhere Motivation, höhere Loyalität, höhere Identifikation mit dem Unternehmen, der schmälert dieses Negative. Leider sind wir nicht in der Lage zu sagen, um wie viel genau?

sueddeutsche.de: Warum?

Voeth: Eine Größe wie Stimmung lässt sich eben nicht so gut quantifizieren wie ein hartes Kriterium wie 15 Minuten Arbeitszeit pro Tag und Arbeitnehmer im Durchschnitt.

sueddeutsche.de: Sind 15 Minuten an Arbeitszeitverlust eigentlich nicht Erbsenzählerei? Wenn wir uns beispielsweise die WM 2006 im eigenen Land anschauen, die das Image Deutschlands in der Welt sicher deutlich positiv verändert hat. Plötzlich waren die Deutschen nicht mehr nur Ordnungsfanatiker, sondern ein Spaßvolk. War diese Werbung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht viel wertvoller als die paar verlorenen Arbeitsminuten?

Voeth: Die Nachhalleffekte der WM 2006 darf man sicher nicht unterschätzen. Imagemäßig ist Deutschland seither im Ausland deutlich besser positioniert, das hätte man durch keine Werbekampagne in vergleichbarer Weise erreichen können. Unter wirtschaftlichen Aspekten muss man allerdings fragen: "Was hat eigentlich eine Firma, die Werkzeugmaschinen für den asiatischen Markt herstellt, davon, wenn die Deutschen nicht mehr als so akribisch oder ordnungsfanatisch, sondern als menschlich und fröhlich rüberkommen?"

sueddeutsche.de: Das klingt so, als ob das "Made-in-Germany-Label", das ja für die akkuraten Deutschen steht, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten immer noch wichtiger ist als das "Sommermärchen", bei dem sich die lustigen Deutschen präsentiert haben?

Voeth: "Made in Germany" spielt vor allem im Industriegüterbereich natürlich eine Rolle, teilweise können sie sich sogar nur über das Herkunftsland abgrenzen und zwar nicht so sehr über die eigentlichen Produkte, sondern über die Qualität anschließender Serviceleistungen. Der Kunde kauft beispielsweise eine Maschine und muss darauf hoffen, dass sie ihm helfen, wenn er einmal ein Problem haben sollte. Da spielt es schon eine Rolle, dass man sich über das Label "Made in Germany" gleich als verlässlich, pünktlich und zuverlässig positioniert.

sueddeutsche.de: Deutschland bleibt also trotz seiner neuen Leichtigkeit im Fußball auf seine Rolle festgelegt?

Voeth: In vielen Industriegüterbereichen spielt das wie gesagt sicher noch eine Rolle, aber der Effekt wird immer schwächer, nicht zuletzt deshalb, weil sich viele Unternehmen heute nicht mehr so eindeutig als deutsches, als französisches oder irgend ein anderes Unternehmen positionieren wollen, sondern sich häufig als globales Unternehmen verstehen.

sueddeutsche.de: Hätte denn der Weltmeister-Titel einen wirtschaftlichen Wert?

Voeth: Es gibt empirische Studien, die dies zu belegen versuchen. Da gibt es aber unterschiedliche Ergebnisse. Wissenschaftlich sauber belegt ist dies also nicht.

sueddeutsche.de: Aber der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte doch schon lange vor der Weltmeisterschaft 2006 gesagt, seine Chancen für eine Wiederwahl würden steigen, wenn Deutschland Weltmeister werde. Das ließ sich damals nicht mehr überprüfen, weil es zu vorgezogenen Neuwahlen kam, aber lag Schröder daneben?

Voeth: Auf der Politikebene sind die Effekte sicher größer als in einzelnen Branchen. Das mag sich dort auch mal zeigen, aber man darf diesen Effekt nicht pauschalisieren und man darf ihn auch nicht überschätzen.

© sueddeutsche.de/bgr/mel
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